In Mexiko gelten mehr als 130’000 Menschen als verschwunden. Viele von ihnen wurden mutmasslich Opfer von Gewaltverbrechen. Ihre Familien müssen oft jahrelang selbst nach Spuren suchen. Jetzt hat die Regierung auf Druck der UNO einen Bericht vorgelegt. Die Hintergründe erklärt die in Mexiko arbeitende Journalistin Flurina Dünki.
SRF News: Welche Erkenntnisse zu den Vermissten bringt der Bericht in Mexiko?
Flurina Dünki: Wirklich neue Erkenntnisse bringt er leider keine. Aktuell gelten laut der mexikanischen Regierung mehr als 130'000 Menschen als verschwunden. Immerhin von 40'000 will die Regierung Lebenszeichen gefunden haben. Dazu gehören etwa Steuerdokumente oder Informationen in Impfdatenbanken. Allerdings sieht es danach aus, als wolle Präsidentin Claudia Sheinbaum die Zahl der Vermissten relativieren und das Problem kleinreden.
Viele Familien in Mexiko müssen selbst nach ihren vermissten Angehörigen suchen. Warum werden sie nicht stärker vom Staat unterstützt?
Viele suchende Eltern kritisieren, dass sie der Polizei zuerst Hinweise liefern müssen, damit diese überhaupt aktiv wird. Auch würden viele Fälle relativ schnell eingestellt. Präsidentin Sheinbaum betonte bei der Präsentation des Berichts, den Angehörigen Vermisster werde staatliches Sicherheitspersonal zur Verfügung gestellt.
Der Umgang Sheinbaums mit dem Thema ist ein Schlag ins Gesicht der betroffenen Mütter und Väter.
Doch sie sagte nicht, warum der Staat seine Pflichten bei der Suche nach Vermissten vernachlässigt. Die Art, wie sie mit dem Thema umgeht, ist ein eigentlicher Schlag ins Gesicht dieser Mütter und Väter. Sie leben in ewiger Unsicherheit, ob ihr Sohn oder ihre Tochter noch am Leben ist. Sie können keine Trauerphase beginnen und mit dem Thema wenigstens ein wenig abschliessen.
Sie sagen, die Regierung versuche mit dem Bericht, das Problem herunterzuspielen. Hat die Regierung womöglich gar kein Interesse an wirklicher Aufklärung?
Der Versuch der Verharmlosung zeigt, dass das Interesse ziemlich klein ist. Die Präsidentin betonte auch, dass vor allem das organisierte Verbrechen für die Fälle verantwortlich sei. Sie streitet damit ein Dazutun des Staates ab. Sheinbaum reagierte teilweise sehr defensiv auf kritische Fragen von Journalistinnen und Journalisten. Das lässt nicht auf ein grosses Interesse nach Aufklärung schliessen.
Im Fall der 2014 verschwundenen 43 Studenten ist erwiesen, dass Militär und Polizei aktiv beteiligt waren.
Warum kommt man aufseiten der Regierung bei der Aufklärung des Verbleibs verschwundener Personen nicht voran?
Schon Sheinbaums Vorgänger Manuel Lopez Obrador hatte versprochen, mehr zu tun – etwa im Fall der 43 verschwundenen Studenten, die 2014 verschleppt wurden. Dabei ist in dem Fall erwiesen, dass Militär und Polizei aktiv beteiligt waren. Als das Militär Lopez aber signalisierte, es sei jetzt genug recherchiert, liess er sein Vorhaben nach Aufklärung fallen.
Gibt es eine realistische Hoffnung, dass sich regierungsseitig etwas im Umgang mit den vielen vermissten Menschen in Mexiko ändert?
Ginge es nur nach der Präsidentin oder der Regierung, würde sich wohl nichts ändern. Das Geflecht von Korruption in Mexiko ist sehr eng. Die Präsidentin würde sich die Hände schmutzig machen oder müsste um ihre politische Karriere – oder sogar um noch mehr – fürchten. Die Hoffnung ruht auf der UNO: Sie stellt Mexiko unter den Verdacht, das Verschwindenlassen systematisch zu betreiben. Deshalb wird Sheinbaum wohl trotzdem irgendetwas unternehmen müssen. Denn sonst könnte der entsprechende UNO-Ausschuss Mexiko und das Thema künftig vor die Generalversammlung bringen.
Das Gespräch führte Nicolas Malzacher.