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Olkiluoto 3: Renaissance des Atomstroms in Europa?
Aus SRF 4 News aktuell vom 22.12.2021.
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19 Jahre nach Baubeschluss Umstrittenes AKW in Finnland geht ans Netz

Wegen Olkiluoto 3, dem ersten neuen AKW in der EU seit Tschernobyl, zerbrachen gleich mehrere finnische Regierungen.

Worum geht es? In Finnland ist in der Nacht auf Dienstag ein neues Atomkraftwerk ans Netz gegangen, Olkiluoto 3. Ein AKW mit langer Vorgeschichte: Der Bau wurde bereits 2002 beschlossen. Finnland war damals das erste Land in Europa, das nach der Katastrophe von Tschernobyl wieder ein neues AKW plante. Der Bau hat mehrere Regierungskrisen ausgelöst, umgerechnet 11 Milliarden Franken hat er gekostet. Die Fertigstellung dauerte 13 Jahre länger als geplant.

Wieso dauerte der Bau so lange? Insgesamt 19 Jahre dauerte es vom Baubeschluss bis zur Inbetriebnahme. «Dafür gibt es technische und politische Gründe», sagt Nordeuropa-Korrespondent Bruno Kaufmann. Einerseits sei das AKW ein Kraftwerk eines neuen Typs, ein sogenannter europäischer Druckwasserreaktor (EPR). «Andererseits war es so, dass der politische Druck auf die Sicherheit mit immer neuen Auflagen gross war. Deshalb konnte man nicht so schnell bauen, wie man wollte.»

Bis heute wird in Finnland Torf verbrannt, um Strom zu produzieren.
Autor: Bruno Kaufmann Nordeuropa-Korrespondent

Warum setzt Finnland auf neue AKW? In vielen Ländern gilt die Atomtechnologie spätestens seit der Katastrophe von Fukushima als Auslaufmodell, doch nicht in Finnland. Das liege daran, dass dort die erneuerbaren Energiequellen sehr beschränkt sind, so Kaufmann. «Bis heute wird zum Beispiel Torf verbrannt, um Strom zu produzieren.»

Legende: Das Konsortium aus Deutschland und Frankreich, das Olkiluoto 3 baute (neben zwei bestehenden Kraftwerken), möchte eigentlich 200 solcher Kraftwerke bauen. Bisher sind aber erst drei ans Netz gegangen: zwei in China und nun eben dieses in Finnland. imago images

Andererseits sei da die Nähe zu Russland. «Finnland war über Jahrzehnte abhängig von russischem Erdgas, hat dann aber seit den 70er Jahren in Zusammenarbeit mit dem grossen Nachbarn im Osten auf Atomkraft gesetzt.» Zudem gehe man in Finnland bei der Frage nach der Einhaltung der Klimaziele davon aus, dass neue AKW eine Lösung sein können.

Wie steht Finnlands Bevölkerung dazu? Vor allem zu Beginn, bei der Bewilligung des Baus, sei die Skepsis gross gewesen, so Kaufmann. Die Finninnen und Finnen seien aber pragmatische Menschen. «Jetzt, da das Kraftwerk gebaut und so viel Geld investiert worden ist, ist die Haltung zu diesem AKW eigentlich viel positiver als auch schon.» Nach neuesten Umfragen sehen gut 40 Prozent der Bevölkerung die Atomkraft positiv.

Kaum erneuerbare Energien in Finnland

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Es gibt zwar in Finnland sehr viele Seen, aber die Topografie des Landes ist sehr flach. Damit kann man keine grossen Wasserkraftwerke betreiben. Der Wind bläst auch nicht so stark wie zum Beispiel in den benachbarten Ländern Schweden, Dänemark und Norwegen. Und schliesslich ist da noch die Sonnenenergie. Die Sonne scheint zwar in Finnland auch, aber gerade im Winter, in der Zeit, in der die Haushalte besonders viel Strom und Wärme brauchen, ist es lange dunkel.

Nur etwa 20 Prozent sind dagegen. «Die Inbetriebnahme kommt auch gelegen», erklärt der Nordeuropa-Korrespondent. Das AKW werde rund 15 Prozent des Strombedarfs abdecken. «Das ist gerade jetzt, da die Strompreise in Nordeuropa hoch sind, eine willkommene Entwicklung.»

Was ist mit den radioaktiven Abfällen? «Auch hier hat Finnland vorwärtsgemacht», so Kaufmann. «Am Standort Olkiluoto im Südwesten des Landes baut man im Untergrund seit langem an einem Endlager für radioaktive Abfälle, und man hofft, dass es 2025 in Betrieb gehen kann.»

Die Abfälle sollen dort mindestens 100'000 Jahre gelagert werden können. Entscheidend sei aber auch, «dass die Bevölkerung in dieser Region durch die grossen Kraftwerke, die bereits bestehen, offen ist für Atomkraft und in diesem Sinne auch diesem Endlager zugestimmt hat».

Sind noch mehr AKW in Planung? In Finnland sollen zwei weitere AKW gebaut werden. Die Regierung hält an diesen Plänen fest – trotz der Kostenüberschreitung bei Olkiluoto 3. «Die Bewilligungen sind so weit aufgegleist», sagt Kaufmann. «Allerdings wird noch nicht daran gebaut, da geht es um neue Meiler im Norden Finnlands, auch wieder am Meer.»

Ist Olkiluoto 3 der letzte Dinosaurier der Atomkraft oder der Beginn einer Renaissance für diese umstrittene Energieproduktion?
Autor: Bruno Kaufmann

Letztlich gehe es hierbei aber auch einfach ums Geld, um das Geschäftsmodell der Atomkraftwerke, sagt Kaufmann. «Die grosse Frage, die sich jetzt stellt, für Finnland und auch die Welt, ist: Ist Olkiluoto 3 der letzte Dinosaurier der Atomkraft oder der Beginn einer Renaissance für diese umstrittene Energieproduktion?»

SRF 4 News, 22.12.2021, 06:20 Uhr;

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68 Kommentare

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  • Kommentar von SRF News (SRF)
    Guten Abend liebe Community. Wir schliessen an dieser Stelle die Kommentare und wünschen Ihnen einen angenehmen Abend. Liebe Grüsse, SRF News
  • Kommentar von Beat Reuteler  (br)
    Der "grossen Frage" des B. Kaufmann kann ich überhaupt nichts abgewinnen. In Wirklihckeit geht es überhaupt nicht um diese rhetorische Frage, weder für Finnland noch für Europa und schon gar nicht für die Welt. Vielmehr steht die Antwort weiter oben im Artikel: Finnland hat wenig alternative Ressourcen. Also ein Standort wo es noch am ehesten Sinn macht. Pragmatisch nehmen und da wo es überhaupt keinen Sinn macht, z.B. in der CH, auf AKW's vollständig verzichten, das ist die Devise.
  • Kommentar von Karl Kirchhoff  (Charly)
    Wieso wird immer wieder behauptet Atomstrom sei billig? Rechnet man alles zusammen, Planung, Bau, Urangewinnung, Transporte, Rückbau der Kraftwerke und Endlagerung desAtommülls,,gibt es wohl kaum etwas teureres zur Stromherstellung. Kosten nach einem Unfall garnicht berücksichtigt!!
    1. Antwort von Peter Müller  (PeRoMu)
      @ K. Kirchhoff: Sie haben recht! Atomstrom dürfte bei einer Vollkostenrechnung nie und nimmer so günstig angeboten werden wie dies in den vergangenen Jahrzehnten und auch heute noch der Fall ist. Und weil die vielen externen Kosten des Atomstroms nicht eingepreist sind, werden auch hier kommende Generationen die Zeche bezahlen müssen.
    2. Antwort von Beat Reuteler  (br)
      Sie ist keineswegs billig, aber im vorliegenden Fall kann es trotzdem Sinn machen. Einfach aus Mangel an regional verfügbaren Alternativen.