Am 4. Juli 1776 erklärten 13 britische Kolonien in Amerika ihre Unabhängigkeit. Es war der Beginn der modernen Demokratien. Doch die Vorstellungen der Gründerväter stehen heute unter Druck wie kaum je zuvor in den 250 Jahren der Geschichte der USA.
Der Historiker John A. Ragosta gilt als Kenner des dritten US-Präsidenten Thomas Jefferson sowie von James Madison, dem Hauptautoren der späteren Verfassung. Er ordnet das heutige Geschehen im Zeichen der Gründerväter ein.
SRF News: Ist für Sie der 250. «4th of July» ein Grund zum Feiern oder eher ein Anlass, sich zu sorgen?
John A. Ragosta: Beides. Wir sollen diese Prinzipien der Gründerväter würdigen. Allein die erste Zeile der Unabhängigkeitserklärung: «Wenn es im Lauf menschlicher Ereignisse für ein Volk notwendig wird…» – für «ein Volk», Thomas Jefferson meinte damit die Amerikaner, und weshalb? Weil wir uns einig sind, dass wir alle gleich sind. Das heisst, die Amerikaner sind ein Volk, weil sie unabhängig von Herkunft, Sprache, Religion und sozialem Status die gleichen Prinzipien als Grundlage sehen. Das ist das eigentliche Revolutionäre. Diese Prinzipien müssen wir feiern, sie haben die USA geprägt, und sie wurden in die Welt hinausgetragen.
Aber?
Wir müssen gleichzeitig Alarm schlagen. Wenn sich nicht jede Generation aufs Neue diesen Prinzipien verpflichtet, haben wir keine funktionierende Demokratie mehr. Wir müssen uns wieder anstrengen, um diese Prinzipien zu schützen.
Was würden die Gründerväter sagen, wenn sie heute diese Welt sähen?
Sie wären auf jeden Fall besorgt über den Zustand der bürgerlichen Beteiligung. Bildung allgemein, politische Bildung, Wahlbeteiligung… Niemand schenkt uns unsere Freiheiten, die Republik, die Demokratie. Es kommt darauf an, dass wir, das Volk – «we, the people» – uns daran beteiligen.
Für die Republik ist es in der Vorstellung der Gründerväter entscheidend, sich am Gemeinschaftsleben zu beteiligen.
Haben wir die Worte «Leben, Freiheit, und das Streben nach Glückseligkeit», die die Unabhängigkeitserklärung als Rechte jedes Menschen deklarierte, missverstanden?
Für Thomas Jefferson und die Gründerväter bestand die Idee darin, dass wir in einer tugendhaften Republik alle Teil einer Gemeinschaft sind. Beim Streben nach Glück ging es um das Wirken in dieser Gemeinschaft, die Teilhabe an ihr und um Selbstverwirklichung, wobei Letzteres ein moderner Begriff ist. Doch die Frage, was ich innerhalb dieser Gemeinschaft sein kann, darin lag für sie dieses Streben nach Glückseligkeit.
Für die Republik ist es in der Vorstellung der Gründerväter entscheidend, sich am Gemeinschaftsleben zu beteiligen: durch bürgerschaftliches Engagement, Bildung und die Wahrnehmung des Wahlrechts. Darin müssen wir heute besser werden, was wiederum damit beginnt, dass wir verstehen, worum es bei diesen Prinzipien eigentlich geht.
Nun hat aber eine Mehrheit der Amerikanerinnen und Amerikaner zum zweiten Mal einen Präsidenten gewählt, der auch einmal ein Bild von sich postet, das ihn…
…in königlicher Attitüde zeigt. Dabei war genau das der revolutionäre Gedanke der Unabhängigkeitserklärung: Regierungen werden von den Bürgern eingesetzt und beziehen ihre rechtmässige Macht aus der Zustimmung der Regierten. Das war damals eine völlig neue Vision: In der Alten Welt verlieh Gott die Macht an den König, der über sein Volk herrschte. In der Neuen Welt aber liegt die Macht beim Volk, das sie an eine Regierung überträgt. Und dieses Volk ist ein Volk, weil es diese Prinzipien teilt, und nicht aufgrund von Nationalität, ethnischer Zugehörigkeit oder Religion. Denn: «All men are created equal».
Das Gespräch führte Pascal Weber.