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«10vor10»-Serie Kriegsende: Neuanfang in Russland nach 1945
Aus 10vor10 vom 08.05.2020.
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75 Jahre Kriegsende «Der Krieg lehrte mich, den Krieg zu hassen»

Die Nachricht vom Kriegsende vernahm der heute 96-jährige Grigori Jastrebenezki als Soldat der Roten Armee in der Umgebung von Kaliningrad – damals noch Königsberg. Er erinnert sich an die Freude, ebenso wie an die Gefahr mit welcher das Kriegsende gefeiert wurde.

Vor Freude wurde einen Tag und eine Nacht lang aus allen Pistolen und Gewehren in die Luft geschossen.

«Man musste aufpassen, dass man ganz am Ende des Krieges nicht von einer Kugel getroffen wurde. Vor Freude wurde einen Tag und eine Nacht aus allen Pistolen und Gewehren in die Luft geschossen.»

Mehrere Fotografien in schwarzweiss zeigen einen jungen Soldaten alleine und mit Kameraden.
Legende: Aus der Zeit der Blockade von Leningrad sind Grigori Jastrebenezki nur eine handvoll Fotos erhalten geblieben. SRF

Rückkehr in eine Geisterstadt

Grigori kehrte zurück in seine Heimatstadt Leningrad. Er traf die Stadt noch immer schwer zerstört an, so wie er sie wenige Monate zuvor verlassen hatte. «Ich setzte zuerst neues Glas in die Fenster ein und habe Ordnung gemacht», erzählt er über seine Rückkehr in das Zimmer, dass er schon vor dem Krieg mit seinen Eltern bewohnte.

Uns war nach dem Krieg nicht zum Tanzen zumute und so habe ich es bis heute nicht gelernt.

Die schrecklichste Zeit seines Lebens schien endlich vorüber zu sein und er begann mit dem Studium zum Bildhauer. Doch der Krieg war an der Kunstakademie weiter allgegenwärtig.

«Die meisten meiner Kommilitonen hatten nichts anderes anzuziehen als ihre Hemden und Uniformen aus dem Militär», erzählt er. «Uns war nach dem Krieg nicht zum Tanzen zumute und so habe ich es bis heute nicht gelernt.»

Jastrebenezki bespricht das Modell einer Skulptur mit einem jungen Mann.
Legende: Noch heute unterrichtet Jastrebenezki Studeriende an der Kunstakademie. Hier hat er 1951 sein Studium abgeschlossen. SRF

Leningrad sei während des Krieges zu einer Geisterstadt geworden. Fast alle Freunde und Bekannte waren im Krieg gestorben, die meisten waren verhungert. «In keiner anderen Stadt der Welt sind während des 2. Weltkriegs so viele Menschen ums Leben gekommen wie in Leningrad.»

Während fast 900 Tagen war die Stadt von der deutschen Wehrmacht umzingelt und von der Lebensmittelversorgung abgeschnitten gewesen. Hitler und seine Soldaten brachten mit der Blockade von Leningrad den Tod über mehr als eine Million Menschen.

Menschengruppe steht auf schneebedeckter Strasse um eine Leiche.
Legende: Im Winter 1941/42 starben jeden Tag mehrere tausend Menschen in Leningrad an Hunger. Die Menschen brachen oft mitten auf der Strasse zusammen. Standbild aus dem Film "Kampf um Leningrad"

Zensur des Grauens

Die Erinnerung an den Hunger prägten Grigori über den Krieg hinaus. Als die Lebensmittel nicht mehr rationiert waren und man so viel essen konnte, wie man wollte, habe er gegessen und gegessen: «Ich konnte einfach nicht satt werden. Ich konnte schon längst nicht mehr essen, aber wenn noch Brot auf dem Tisch lag, wollte ich es essen.»

Älterer Mann mit weissem Haar sitzt in seinem Arbeitszimmer.
Legende: Als der Krieg begann, war Grigori Jastrebenezki 17 Jahre alt. Bei Kriegsende war er 21 und seine Jugendjahre vorbei. SRF

Mitte Dezember 1941 wurde Grigori mit Diphtherie in ein Spital gebracht. Um ihn herum starben jede Nacht hungernde Soldaten. Im Januar 1942 schickte man ihn direkt aus dem Spital wieder an die Front. In welche Verzweiflung der Hunger die Menschen in dieser Zeit trieb, erfuhr Grigori erst Jahre nach dem Krieg durch einen guten Freund und Schriftsteller, Daniil Granin.

Aus Gesprächen mit Überlebenden verfasste Granin ein Buch. «Man hat Granin in der Sowjetunion während Jahren verboten, die schlimmsten Schilderungen zu publizieren. Dass die Menschen einander aufgegessen haben. Als ob man mit dem Verbot das Grauen ungeschehen machen könnte.»

Erinnerung als Warnung

Der Schatten des Krieges verfolgte Grigori sein ganzes Leben lang und prägte sein Schaffen als Bildhauer. Er fertigt Kriegsdenkmäler in der Nähe von St. Petersburg an, ebenso Skulpturen in deutschen Städten zur Erinnerung an Kriegsgefangene und Lagerinsassen.

Krieg ist eine Tragödie für alle Menschen. Auch für die, die denken, es würde sie nicht betreffen.

Sich an den Krieg und die Blockade zu erinnern, ist für ihn schmerzhaft. Doch es sei wichtig, dass er über die Schrecken des Krieges spreche: «Krieg ist eine Tragödie für alle Menschen. Auch für die, die denken, es würde sie nicht betreffen.»

Wenn Grigori heute zu Bett geht, weiss er genau, wo er die Hausschuhe und den Morgenmantel hingelegt hat. Denn im Krieg musste man schnell die Stiefel anziehen können, wenn der Feind in der Nacht zu schiessen begann. «Das Wichtigste, was ich im Krieg gelernt habe, ist, den Krieg selbst zu hassen.»

«10vor10» vom 08.05.2020, 21:50 Uhr

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15 Kommentare

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  • Kommentar von Monika Mitulla  (momi)
    Leider ist in der heutige Politik "nie wieder Krieg" in Vergessenheit geraten. Wenn man sieht, wo überall Soldaten der "westlichen Wertegemeinschaft" stationiert und im Einsatz sind, dann muss man sich darüber Sorgen machen. Bald werden auch die letzten Zeitzeugen gestorben sein.
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  • Kommentar von Margrit Berger  (mberger)
    Eine Stadt kämpft um ihr Leben. Das damalige Leningrad mitsamt der ganzen Bevölkerung dem Hungertod auszusetzen, war der diabolische Auftrag Hitlers. Vom Feind ausgehungert, wurde als Symbol des Widerstands vom Leningrader Rundfunkorchester Dimitri Schostakowitschs „Leningrad Symphonie" aufgeführt. Besonders eindrücklich auch wie Menschen inmitten dieses Elends sich opferten, um einige ihrer Kulturgüter zu retten. Das Doku-Drama : 'Das Wunder von Leningrad' auf ARD-alpha am 23.05. um 20:15 Uhr.
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  • Kommentar von Bendicht Häberli  (bendicht.haeberli)
    Danke an SRF für diesen Bericht. Er zeigt uns gerade in der aktuelle Corona-Pandemie, wie wichtig Durchhaltewille ist. Was die Menschen im heutigen St. Petersburg durchgemacht und bewältigt haben, ist der absolute Horror, aber bewundernswert. Dies sollte uns daran mahnen, dass wir mit Corona weniger schlimm dran sind und wir uns an die Regeln des BR halten sollten.
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    1. Antwort von Andreas Wiedler  (infonews)
      Auch wenn ich ihren Gedanken teile - genau diese Berichte führen uns in die Irre. Die ständige Gegenüberstellung mit noch tragischeren Ereignissen finde ich bedenklich. Wir müssen uns mit der Gegenwart auseinandersetzen und die jetzige Sitation isoliert betrachten. Alles andere vernebelt die Realität. Entgegen ihrer Vermutung werden wir weniger Durchhaltewillen zeigen und dies, weil wir mit Vergleichen bagatellisieren oder je nach Geschehen, völlig übertreiben.
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    2. Antwort von Walter Matzler  (wmatz)
      Haben Sie den Bericht richtig gelesen? Was haben die Menschen in St. Petersburg bewältigt? Sie waren von den Deutschen eingeschlossen und sind zu hunderttausenden verhungert. Da war nichts zu bewältigen und das ist ja gerade das himmeltraurige an den Kriegen: Auf die Bevölkerung wird nicht Rücksicht genommen. Sie wird sogar bewusst hingemetzelt als moralische Waffe gegen den Gegner. Überleben ist reine Glücksache und Krieg wird leider immer noch von vielen verherrlicht.
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    3. Antwort von Bendicht Häberli  (bendicht.haeberli)
      @Matzler: Lieber Herr Matzler, glaube nicht, dass es "viele" gibt, welche den Krieg verherrlichen. Der Zweibeiner mit Denkapparat ist nun mal nicht grossmehrheitlich lieb und nett! Leider gehören wir alle, auch Sie und ich zu dieser Spezies, welche irgendwann von Mutter Natur abgestraft werden wird. Unser Konfliktpotenzial, beginnend in Famalien, im Quartier, am Arbeitsplatz artet dann, am Ende der Wurst, in Kriegen aus: psychologisch, wirtschaftlich, religiös oder eben militärisch. Leider.
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    4. Antwort von Martin Hofer  (MartinSurfeu)
      @Bendicht Häberli : Ein Virus mit einem Krieg zu vergleichen ist sinnlos. Alle Politiker, die behaupten, die Menschheit befände sich in einem Krieg mit oder gegen Covid-19 verharmlosen den Krieg. Das Virus greift den Menschen nicht absichtlich an, um diesen zu töten. In einem Krieg geht es darum, dem Gegner möglichst viel Verlust zuzufügen, also Menschen zu töten.
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