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Legende: Audio Wie ist es mit dem Faschismus in der Ukraine? abspielen. Laufzeit 04:49 Minuten.
04:49 min, aus Echo der Zeit vom 20.05.2019.
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Absurde Kreml-Propaganda Ukraine ist toleranter als oft behauptet

Russland pflegt das Bild einer antisemitischen Ukraine. Die Wahl des Juden Selenski widerlegt das Vorurteil einmal mehr.

Erst letzte Woche hat der russische Aussenminister wieder einmal vor dem Faschismus gewarnt, ganz besonders in der Ukraine. Im Nachbarland, sagte Sergej Lawrow, würden Rechtsradikale mit Nazi-Emblemen durch die Städte ziehen und blutige Verbrechen begehen.

Es ist ein bekanntes Zerrbild der Ukraine, das an alte sowjetische Propaganda anknüpft. Die Kommunisten schon hatten die Behauptung verbreitet, die Ukrainer seien anfällig für rechtsextremes Gedankengut und ganz generell seien alle ukrainischen Nationalisten üble Faschisten.

Jüdische Herkunft kein Thema im Wahlkampf

Die Realität des Jahres 2019 ist eine andere: In der Ukraine hat heute Wolodimir Selenski sein Amt als Präsident angetreten. Dass Selenski Jude ist, interessiert dabei eigentlich niemanden. Auch im Wahlkampf sei es kein Thema gewesen, sagt der Politologe und Antisemitismus-Experte Vjatscheslaw Ljachatschow:

«Es gab so gut wie keine antisemitischen Angriffe gegen Selenski. Mein Eindruck ist, dass sich die ausländische Presse mehr für die jüdische Herkunft des Präsidenten interessiert als die ukrainischen Wähler.»

Historische Hintergründe

Das Interesse kommt daher, dass sich der Stereotyp, viele Ukrainer seien Antisemiten, hartnäckig hält. Befeuert wird der nicht nur von der russischen Propaganda. Es gibt auch historische Gründe: Als die Ukraine noch zum russischen Zarenreich gehörte, gab es hier besonders viele Pogrome gegen jüdische Mitbürger; im zweiten Weltkrieg dann paktierten ukrainische Nationalisten mit den Nazis und beteiligten sich am Holocaust.

Seither habe sich aber viel verändert, sagt Experte Ljachatschow, der für die Menschenrechtsorganisation Smina arbeitet. Eine wichtige Rolle im Umgang mit Minderheiten habe die russische Aggression von 2014 gespielt: «Der Krieg hat die Ukrainer zusammengeschweisst. Die Identität der Ukrainer ist gleichzeitig bunter geworden: Es ist egal, ob jemand Ukrainer, Tatare oder jüdischer Herkunft ist – Hauptsache, er unterstützt die ukrainische Position, dann gilt er als einer von uns.»

Der Krieg hat die Ukrainer zusammengeschweisst. Die Identität der Ukrainer ist bunter geworden.
Autor: Vjatscheslaw LjachatschowPolitologe und Antisemitismus-Experte

Selenski hat, als er noch Komiker war, seine jüdische Herkunft durchaus thematisiert. Immer wieder spielte er jüdische Figuren. Etwa einen jüdischen Arzt, der in Kiew seine Patienten abzockt. Es ist ein sehr derber Humor, der sich plumper Vorurteile bedient. Politische Korrektheit gehört nicht zu den ukrainischen Tugenden.

Keine Sprachbarrieren für Selenski

Der politische Alltag ist aber anders. Da spielten ethnische Herkunft und religiöse Überzeugungen keine Rolle, sagt Experte Lichatschow: «Im Wahlkampf hat Selenski seine jüdischen Wurzeln nie zum Thema gemacht. Er sagte, das sei seine Privatsache. Damit hatte es sich.»

Und was ist mit der oft beschworenen Teilung der Ukraine in einen ukrainischsprachigen Westen und einen russischsprachigen Osten? Laut Lichatschow hat Selenski diesen Graben überwunden. Das sei seine Stärke: «Er kann mitten im Satz zwischen Russisch und Ukrainisch hin- und herwechseln. Vielen Ukrainern gefällt das, denn sie empfinden die Aufteilung der Sprachgrenze entlang als künstlich.»

Die Ukrainer sind also toleranter als oft behauptet. Entwarnung geben möchte Lichatschow aber nicht. Es sei schon denkbar, dass Selenski dereinst antisemitisch angefeindet werde. Wenn er im Amt grobe Fehler mache, dann erinnerten sich vielleicht manche Kreise durchaus an seine jüdische Herkunft, sagt der Experte Lichatschow. Noch aber stecken die meisten Bürger ihre Hoffnungen in den neuen Präsidenten – egal, an was für einen Gott er glaubt.

Legende: Video Ukraine: Wolodimir Selenski kündigt Neuwahlen an abspielen. Laufzeit 04:45 Minuten.
Aus Tagesschau vom 20.05.2019.
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41 Kommentare

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  • Kommentar von David Neuhaus  (Um Neutralität bemüht)
    @Jacobs, Zitat der standart.at vom 6. Februar 2014: " ...als Leitspruch etabliert. Es ist jedoch ein Spruch, den ukrainische Nationalisten schon 1941 zur Zeit des Zweiten Weltkriegs benutzten, als sie das Nazi-Regime bei der Vernichtung der Juden unterstützten. Damals noch mit erhobenem rechtem Arm."
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    1. Antwort von Alex Volkart  (Lex18)
      An Herr Neuhaus: Was Sie erwähnen klingt sehr nach russischer Prpaganda. Selbst wenn damals vereinzelte Ukrainer den Nazis halfen, dass taten vereinzelte Franzosen, Niederländer, Polen, Kroaten und viele andere auch. Ich glaube kaum das Ukrainer wie andere auch glühende Naziverehrer waren. Übrigens ist der jetzige ukraine Präsident selbst ein Jude. Was kaum möglich wäre wenn die Ukraine minderheitenfeindlich wäre wie es die russische Propaganda immerwieder behauptet.
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    2. Antwort von David Neuhaus  (Um Neutralität bemüht)
      An Herr Volkart, mein Kommentar steht im Zusammenhang mit der Replik von @Jacobs, weiss nicht warum er nicht auch dort steht wo er hingehört? Ich habe zu keiner Zeit behauptet die Ukrainer seien Nazis! Wenn aber leichtfertig Parolen benutzt werden die im direkten Zusammenhang mit dem Genozid an meinem Volk stehen wehre ich mich dagegen. Bitte respektieren sie dass. Zudem wusste ich nicht das der linksliberale DerStandard ein russisches Propagandablatt ist?
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    3. Antwort von Sebastian Mallmann  (mallmann)
      @Lex18: Es wäre mir neu, dass der österreichische Standard russische Propaganda verbreitet. Nazi-Sympathisanten gibt es wohl in den meisten Ländern, als Minderheit. Auch in der Ukraine wird es keine Mehrheit sein. Dort sind aber faschistische Parolen und Verwendung von Nazi-Symbolik seit dem Maidan verbreiteter geworden, und die Regierung hat nichts dagegen unternommen. In anderen Ländern würden die Alarmglocken läuten, die hiesigen Medien ignorieren es und tun es als russische Propaganda ab.
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  • Kommentar von Werner Christmann  (chrischi1)
    Sehr geehrter Herr Nauer, könnte es sein, dass ihre Berichte aus dem Osten jeweils ziemlich subjektiv sind? Wenn sie ganz persönlich Russland gegenüber feindlich eingestellt sind ist das ihr gutes Recht, jedoch finde ich es sehr schade, dass dies in jedem Bericht durchschlägt.
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  • Kommentar von Alex Volkart  (Lex18)
    Ich hoffe dass der neue Präsiden das schafft was seine Vorgänger nicht schafften. Ich hoffe aber auch das die Radikalen auf Ukrainischer und auf der Russischen Seite aufhören das Land weiter zu destabilisieren. Die Radikalen auf der Ukrainischen Seite sollen aufhören gegen Russland zu hetzen, aber die Russen sollen auch die illegale Besetzung der Krim und der Ostukraine aufgeben.
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