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Affäre um «Spiegel»-Reporter Claas Relotius soll Spendengelder auf Privatkonto gelotst haben

  • Der zahlreicher Fälschungen überführte «Spiegel»-Journalist Claas Relotius soll Leser zu Spenden auf sein Privatkonto aufgerufen haben.
  • Dies schilderten mehrere Leser dem «Spiegel», wie das Magazin am Samstagabend selbst berichtete.
  • Relotius habe von einem privaten E-Mail-Konto aus Spendenaufrufe verschickt, um angeblich Waisenkindern in der Türkei zu helfen. Das Geld sollte auf sein privates Bankkonto überwiesen werden.
  • Die Redaktion habe nichts von der Spendenaktion gewusst, erklärte der «Spiegel».
Legende: Video Aus dem Archiv: Betrugsfall beim «Spiegel» abspielen. Laufzeit 01:42 Minuten.
Aus Tagesschau vom 19.12.2018.

Wie viele Spenden es gab, wie hoch sie waren und was mit dem Geld letztlich passierte, sei noch unklar. Der «Spiegel» werde alle Informationen im Rahmen einer Strafanzeige an die Staatsanwaltschaft übergeben.

Hintergrund der Spendenaktion war dem Magazin zufolge eine Reportage von Relotius über syrische Waisenkinder, die in der Türkei auf der Strasse lebten. Am Wahrheitsgehalts des Textes gibt es den Angaben zufolge inzwischen erhebliche Zweifel.

Fotograf wurde stutzig

Ein Fotograf, der Relotius zeitweise bei der Recherche begleitete, wies demnach auf mehrere Unstimmigkeiten hin. Eines der beiden Kinder – laut Relotius' Text handelte es sich um ein Geschwisterpaar – sei womöglich eine komplette Erfindung.

Relotius-Texte in Schweizer Zeitungen

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Auch in Schweizer Zeitungen erschienen Artikel von Relotius. Die «NZZ am Sonntag» meldete, dass sie zwischen 2012 und 2014 sechs Artikel des Reporters veröffentlicht hatte. Sie versuche nun herauszufinden, ob und inwiefern der Autor sie und ihre Leserschaft in die Irre geführt habe, schrieb Chefredaktor Luzi Bernet in der aktuellen Ausgabe. In zwei Artikeln fand die Redaktion bereits fingierte Angaben.

Gemäss Recherchen der «Sonntagszeitung» veröffentlichte Relotius zwischen 2012 und 2016 auch in der «Weltwoche» insgesamt 27 Interviews und eine Reportage. Chefredaktor und SVP-Nationalrat Roger Köppel sagte auf Facebook, die Weltwoche nehme den Fall ernst und sei daran, die Texte soweit möglich nachzuprüfen.

In einem Reporter-Sammelband berichtete Relotius selbst laut «Spiegel» kürzlich über den Beginn der Spendenaktion.

Der Journalist erzählte demnach, wie er es in monatelangem Bemühen geschafft habe, die beiden Waisenkinder zu einer Familie in Niedersachsen zu bringen, welche die Kinder adoptiert habe. Jedoch sei auch dies offenbar eine Erfindung. Relotius selbst sei derzeit nicht für aktuelle Stellungnahmen zu erreichen.

Systematische Fälschungen

Der «Spiegel» hatte am Mittwoch bekanntgegeben, dass der 33-jährige preisgekrönte Redaktor Reportagen ganz oder teilweise systematisch gefälscht hatte. Er habe dabei Charaktere, Zitate und Begebenheiten erfunden oder die Biografien von realen Protagonisten verfälscht.

Relotius schrieb für den Verlag seit 2011 knapp 60 Texte und arbeitete auch für andere Medien – darunter Schweizer Titel wie «Reportagen» oder die «Weltwoche». Der «Spiegel» kündigte eine umfassende Aufarbeitung des Falles an.

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14 Kommentare

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  • Kommentar von M. Roe (M. Roe)
    Ich würde gerne mal ein Bild von diesem "Claas" sehen, vielleicht wüsste man dann, um wen es sich handelt. Warum spielt man bei uns in Europa dauernd dieses Versteckspiel?
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  • Kommentar von Ivan Mathis (Platon)
    Leider habe ich schon vor Jahren bei meinen Recherchen ähnliche "Betrügereien" bei angeblich "seriösen" Schweizer-Hilfswerken feststellen müssen. Deshalb investiere ich meine Spenden ausschliesslich nur noch vor Ort direkt an Privat betroffenen Personen für ihr eigenes (Familien)Projekt. Aber keinen Rappen mehr in ein Hilfswerk, wo erfahrungsgemäss vielfach nur noch ca. 25% meines Geldes bei den direkt Bedürftigen tatsächlich ankommt!!
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  • Kommentar von Markus Glauser (mgl)
    Donald Trump wird sich über diesen Skandal freuen. Es bestärkt ihn in seinem Fake-News-Thema. Und wie man sieht, hat gar nicht so unrecht.
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    1. Antwort von Michel Koller (Mica)
      Für Trump ist alles Fake-News, was ihm nicht in den Kram passt. Ist er zufrieden mit einem Artikel, so ist dieser dann die reine Wahrheit, selbst wenn es widerlegt wird. Sind wir nun alle Mörder, weil es Mörder in unserer Gesellschaft gibt? Etwas differenzierteres Denken würde nicht schaden.
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    2. Antwort von Christa Wüstner (Saleve2)
      doch er hat ..auch...unrecht. Er veröffentlicht selbst welche. Aber leider ist es heute so, der Leser verliert immer mehr das Vertrauen. Was er nicht versteht oder was nicht in sein Weltbild passt, wird als Fake New bezeichnet. Etwas Vorsicht wäre angebracht, bei harten und sofortigen Beurteilungen.
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