Agent Orange: Dunkles Kapitel des Vietnam-Kriegs geht weiter

Im Kampf gegen den Kommunismus gab es für die USA in Zeiten des Kalten Krieges nur wenig Hemmschwellen. Der Einsatz des Herbizids Agent Orange in Vietnam wurde als legitim empfunden, die Folgen für Kriegsveteranen als bedauerlich, die Missbildungen der Kinder als Kollateralschaden – auch heute noch.

Von 1962 bis 1971 versprühte die amerikanische Luftwaffe 72 Millionen Liter des chemischen Entlaubungsmittels Agent Orange. Ziel war die Entlaubung, um dem Feind die Deckung zu rauben, sowie die Zerstörung der Reisfelder. Damit sollten die Nahrungsgrundlagen des Gegners vernichtet werden.

Das im Agent Orange enthaltene Dioxin TCDD wurde als «Supergift» eingestuft. Denn Dioxin schädigt das Erbgut und führt zu Missbildungen, etwa zu fehlenden Gliedern und Gaumenspalten.

3 Millionen sind erkrankt, 150‘000 Kinder seit dem Krieg mit Behinderungen zur Welt gekommen. Selbst jetzt im Frieden gibt es immer neue Opfer. Die Schweizer Hilfsorganisation Green Cross spricht von 3500 Kindern, die jährlich mit Behinderungen geboren werden.

«Das hochgiftige Dioxin dringt auch heute noch über den verunreinigten Boden in die Nahrung und ist gerade für schwangere Frauen verheerend», sagt Maria Vitagliano von Green Cross Schweiz. Zudem würden auch Eltern ihr geschädigtes Erbgut weitergeben.

Körperschäden noch in der dritten Generation

Die Krankheiten, die durch das Dioxin verursacht werden sind äusserst komplex. «Manche Kinder kommen mit zwei Köpfen zur Welt», sagt Nguyen Viet Hoan von der vietnamesischen «Agent Orange Association».

«Einmal hatten wir ein Kind mit einem Kopf wie ein Hund. Ein anderes Mal eines mit Hörnern wie ein Wasserbüffel. Manche kommen mit zwei Köpfen zur Welt.» Diese Kinder würden aber zumeist nicht länger als 48 Stunden überleben, so Nguyen Viet Hoan.

Für die vietnamesischen Ärzte sind viele Krankheitsbilder neu. Es sind alle Teile des menschlichen Körpers betroffen. Hinzu kommt, dass die Mittel für die Behandlung und medizinischen Versorgung sehr begrenzt sind. Das führt unter anderem dazu, dass die vietnamesischen Ärzte oft nur hilflos zuschauen können.

Schweizer Hilfe: Mikrokredite und Orthesen

Doch damit nicht genug. «Die betroffenen Menschen sind stigmatisiert, vor allem die Frauen», so Maria Vitagliano von Green Cross Schweiz. Vor allem im ländlichen Raum glaube man immer noch, dass ein Kind mit Behinderung eine Strafe für vorangegangene Verfehlungen wäre.

Oftmals werde den Frauen die Schuld gegeben – mit drastischen Folgen. «Sie werden ausgegrenzt, müssen mit ihrem kranken Kind das Haus des Mannes oder gar das Dorf verlassen.»

Die Schweizer Hilfsorganisation setzt genau hier mit ihrer Arbeit an. «Wir unterstützen die verstossenen Frauen, indem wir ihnen beispielsweise eine Nähmaschine oder eine Kuh in Form von Mikrokrediten zur Verfügung stellen.» Somit würde sie wieder einen Wert in der Gesellschaft erhalten und die Akzeptanz zurückgewinnen.

«Vor allem aber helfen wir den Kindern, indem wir sie mit Orthesen oder Prothesen versorgen. Mit medizinischer Hilfe, finanzieller Unterstützung oder Integrationsarbeit. Ein ganz wichtiger Teil unserer Arbeit sind auch Informationskampagnen», so Vitagliano.

US-Soldaten als anerkannte Opfer

«Wir haben jetzt schon erkrankte Kinder in der vierten Generation. Und wer weiss, wie lange es noch so weitergeht», sagt die Ärztin Ta Thi Chung aus Saigon. «Wer weiss, ob es überhaupt jemals aufhören wird.»

Einige ausländische Ärzte und private Hilfsorganisationen versuchen zu helfen. Doch die Katastrophe, die durch die USA verursacht wurde, ist einfach zu gross. Zu den mehr als drei Millionen Betroffen in Vietnam kommen noch die rund 200‘000 Angehörigen der US-Streitkräfte. Diese sind bei der Veteranenbehörde als Agent-Orange-Opfer registriert.

Giftfrei erst in Jahrhunderten?

Doch im Gegensatz zu den Fällen bei ihren eigenen Soldaten wollen die USA bei den behinderten Kindern von Vietnam aber keinerlei Zusammenhänge zu Agent Orange sehen. Erst seit zwei Jahren fliesst Geld für die Opfer, bisher 100 Millionen US-Dollar. Damit sei aber keinerlei Schuldeingeständnis verbunden, so der offizielle Tenor aus Washington.

Dabei ist unbestritten, dass der Chemiewaffeneinsatz irreparable Schäden hinterlassen hat – nicht nur bei Menschen. Auch das Ökosystem Vietnams hat gelitten. Mehr als fünf Millionen Hektar Wald und eine halbe Million Hektar Ackerland wurden zerstört. Es wird Jahrhunderte dauern, bis sich die Natur vom Gift erholt.