«Al-Kaida will die Macht übernehmen»

Die Zahl ist unfassbar: Im Irak sind am Montag 17 Autobomben hochgegangen. Auf belebten Plätzen oder Märkten, verteilt über das ganze Land. Die Leute sind verzweifelt. «Die Gewalt im Irak ist politisch motiviert», sagt die NZZ-Journalistin Inga Rogg im Gespräch.

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Bombenterror in Irak

SRF: Hat die Gewalt im Irak tatsächlich zugenommen?

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Inga Rogg

Inga Rogg

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Inga Rogg ist NZZ-Journalistin und lebt zeitweise im Irak. Zurzeit ist sie in Istanbul. Seit 2003 berichtet sie für die NZZ und die «NZZ am Sonntag» aus dem Irak, seit 2009 ist sie auch für SRF im Einsatz.

Inga Rogg: Die Gewalt im Irak hat zugenommen. In diesem Monat hat sie bereits mehr als 800 Tote gefordert. Und in den letzten Monaten mindestens 3000.

Uno-Generalsekretär Ban Ki Moon hat sich nach den gestrigen Anschlägen zu Wort gemeldet. Er warnt vor der religiös motivierten Gewalt. Waren diese Anschläge denn religiös motiviert?

Die Opfer sind vor allem Schiiten, insofern kann man sagen: Es gibt ein religiöses Motiv.

Ist denn klar, dass sich hinter den Anschlägen Sunniten verbergen? Muss man annehmen, dass das die Al-Kaida ist?

Man muss davon ausgehen, dass die meisten Anschläge auf das Konto von sunnitischen Extremisten und in diesem Fall der Al-Kaida gehen. Davon gehen alle aus. Al-Kaida hat sich letzte Woche auch zu dem Überfall auf das Gefängnis Abu Ghraib bekannt, bei dem hunderte Gefangene frei gekommen sind.

Das Gefängnis Abu Ghraib ist bei uns noch in guter – oder wohl besser schlechter – Erinnerung mit den Fotos der Insassen. Wie schwierig war es denn für die Al-Kaida dort reinzukommen? Das zeigt doch, wie organisiert die Al-Kaida inzwischen ist.

Allerdings. In dem Gefängnis sitzen viele mittel- und höherrangige Al-Kaida-Mitglieder fest. Es liegt westlich von Bagdad, ist gut gesichert, von Sprengschutzwänden umgeben. Es gibt um das Gefängnis herum zahlreiche Checkpoints auf der Strecke zwischen Bagdad und Falludscha.

Insofern hat es schon etliche Vorbereitungen und Logistik gebraucht, dieses Gefängnis anzugreifen, und sich dann über Stunden hinweg mit Sicherheitskräften schwere Kämpfe zu liefern.

Diese befreiten Anführer der Al-Kaida können jetzt im Kampf weiter helfen. Warum konnte die Al-Kaida denn überhaupt so erstarken?

Dafür gibt es verschiedene Gründe: Die Iraker sagen, die Gewalt ist politisch motiviert. Einer der Grundkonflikte im Irak ist ein konfessionell-politischer zwischen Schiiten und Sunniten. Die Sunniten fühlen sich benachteiligt im Land, sie fühlen sich unterdrückt durch die mehrheitlich schiitische Regierung und insbesondere durch Regierungschef Maliki.

Dann hat die Gewalt zugenommen. Das unterminiert die Moral derjenigen Sunniten, die zum einen bereit sind, sich am politischen Prozess zu beteiligen, und zum andern derjenigen, die gegen die Al-Kaida gekämpft haben.

Weiter spielt sicher noch der Konflikt in Syrien eine Rolle, der insgesamt den ja ohnehin bestehenden schiitisch-sunnitischen Graben im Irak weiter vertieft hat.

Was ist denn das Ziel der Al-Kaida?

Sie will die Regierung stürzen. Sie will die Macht übernehmen. Und auf kurze Sicht will sie vor allem Chaos schüren, um so ihre Operationsbasis auszuweiten und möglichst viele Gebiete unter ihre Kontrolle zu bekommen.

Vor diesem ganzen Hintergrund: Ist im Irak überhaupt noch so etwas wie ein normales Leben möglich?

Ja, das ist durchaus möglich. Gerade in Bagdad, wo die Bürger ja sehr viel Erfahrung mit Gewalt haben. Da kann man beobachten, dass es zum Beispiel ganze Serien von Anschlägen gibt, und Stunden später aber das Leben mehr oder weniger normal weitergeht. Normal ist im Irak natürlich etwas anderes als in der Schweiz.

Das Gespräch führte Ivana Pribakovic