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Der Lockdown aus Sicht eines Lastwagenfahrers
Aus Echo der Zeit vom 14.04.2020.
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Am Limit unterwegs Mit dem LKW nach Italien und zurück

Mit dem Lockdown hat sich für die Chauffeure einiges geändert. SRF begleitete Daniel Schöni virtuell auf seiner Fahrt.

Die Corona-Krise hemmt den Handel über Landesgrenzen hinweg. Die Menschen bleiben zu Hause, unterwegs sind nur noch die Gütertransporte, damit die Ladenregale weiter gefüllt sind. Unterwegs allerdings unter erschwerten Bedingungen.

LKW-Fahrer mit Schutzmaske
Legende: Masken tragen ist in Italien Pflicht. Daran hält sich auch Fuhrhalter Daniel Schöni. Daniel Schöni

Einer, der täglich Waren von und nach Italien transportiert, ist Fuhrhalter Daniel Schöni. Mit dem Lockdown wurde für ihn und seine Chauffeure einiges anders. Grund für den Chef, sich selbst ein Bild vor Ort zu machen. SRF-Wirtschaftsredaktor Dario Pelosi hat ihn auf seiner Reise mit dem Lastwagen nach Neapel und zurück virtuell begleitet.

Tag 1, 6:00 Uhr: Vor der CPH Papierfabrik im luzernischen Perlen stehen Lastwagen mit Nummernschildern aus ganz Europa in Reih und Glied. Daniel Schöni manövriert seine rote Zugmaschine millimetergenau unter einen Aufleger und erklärt: «Ich habe jetzt gerade meinen Aufleger aufgesattelt. Es sind 24 Tonnen Zeitungspapier.»

Sicht auf die Ladefläche eines LKW von der Seite.
Legende: Daniel Schöni

Eigentlich sollte jeder Lastwagen mit Ware ins Ausland fahren und mit Importgütern zurückkehren – Tempi passati. «Das Importvolumen beläuft sich auf ungefähr einem Drittel des Normalen. Der Export ist komplett zusammengebrochen. Wir müssen über jede Export-Ladung dankbar sein. Es geht fast nichts mehr zum Land raus.»

Der Chef will mit anpacken

Ökonomisch setzt die Krise dem Unternehmen zu, emotional auch den Fahrern, die trotzdem noch unterwegs sind. Das sehe er in deren Gesichtern, sagt der 49-jährige Schöni. Deshalb werde er sich nun als Chef selber hinters Steuer setzen.

«Wir sind mit rund 200 Fahrzeugen in Italien tätig.» Da frage man sich schon, wie es für seine Angestellten sei, in einem Land zu arbeiten, das so im Fokus steht. «Ich glaube, es ist ein gutes Zeichen gegenüber der Mannschaft, mit anzupacken.»

Lastwagen auf einem Parkplatz im Morgengrauen.
Legende: SRF / Dario Pelosi

Im zweiten Lastwagen begleitet ihn Werner Portner, ein befreundeter ehemaliger Fuhrhalter. Vor dem Start besprechen sie ihre Route bis zur Grenze. Um 6:30 Uhr geht es los.

Tag 1 endet auf einem Kiesplatz südlich von Florenz – keinen Kaffee unterwegs – die Bars sind geschlossen. Statt in der Trattoria sitzt Daniel Schöni vor dem Kühlergrill bei Rösti mit Spiegeleiern und Bratwürsten vom Kocher. Er sei gut in der Zeit, niemand am Zoll wolle diskutieren, alle gingen auf Distanz, meldet Schöni per Telefon in die Schweiz.

Grillschneck, Rösti und Spiegeleier auf einer Pfanne-
Legende: Daniel Schöni

Und die Autostrada del Sole, die grosse Nord-Süd-Autobahn – leer. «Bei der grossen Mautstelle südlich von Mailand standen etwa zehn Polizeiautos und alles war abgeriegelt. Jedes Auto musste anhalten», gibt Schöni weiter durch.

Später am Abend ein weiteres Telefonat mit Chauffeur Schöni. Sie hätten ihre Lastwagen auf einem Parkplatz direkt am Strand parkiert und dort gekocht. Das habe der Polizei gar nicht gepasst. «Das war ein grosses Problem, denn der Strand ist Sperrgebiet. Und wir hätten nicht mal eine Schutzmaske an und es sei eine Fussgängerzone. Es war eine grosse Aufregung.» Also: umparkieren.

Blick aufs Meer aus einer Führerkabine eines LKW
Legende: Daniel Schöni

Tag 3 endet am Simplonpass – und der Meldung, sie hätten auf der ganzen Strecke dem Meer entlang keinen einzigen Sonnenschirm gesehen – die berühmten Adria-Strände sind menschenleer.

Nach vier Tagen Fahrt hat Daniel Schöni den Lastwagen wieder in der Zentrale parkiert und das WC-Papier aus Napoli in der Schweiz abgeliefert. Nun tankt er sein Fahrzeug auf und versucht die Erlebnisse in Worte zu fassen: Ganz Italien hinter Masken. «Es kommt einem vor, als würden lauter Bankräuber auf den Strassen herumfahren.»

Sicht auf die Ladefläche eines LKW beladen mit Toilettenpapier.
Legende: Daniel Schöni

Er sei stolz auf seine Leute, die diesen Job täglich machen, aber er kommt auch ins Grübeln. Kaum ein Lastwagen um ihn herum habe sich an die Ruhezeiten oder Geschwindigkeitsregeln gehalten, alle am Limit unterwegs – und darüber hinaus. Die Coronakrise fordere hier sicher ihren Tribut – im Transportgeschäft, das sonst bereits in einem bitteren Kampf um Preise steht.

Echo der Zeit, 14.04.2020, 18.00 Uhr

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Hans-Ulrich Rechsteiner  (Rechi)
    Es gibt viel zu viele Transportfirmen und Camioneure, deshalb sind auch die Preise im Keller. Dadurch werden die unmöglichste und unnötigsten Waren in Europa hin- und her gekarrt. Wenn einer nicht weiss was tun wird er Lastwagenfahrer, kauft sich mit einem Kredit einen Lastwagen und schon ist das nächste Fuhrunternehmen gegründet. Und seit all die Lastwagen aus Osteuropa auch noch unterwegs sind wird es nur noch schlimmer.
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  • Kommentar von Kurt Lyner  (Kurt)
    Wie falsch und verkehrt die Transporte in Europa und im speziellen in der Schweiz laufen bezw. organisiert sind zeigt dieses "Schöni-Beispiel". Warum zum Teufel muss WC-Papier mit dem LKW transportiert werden?? Die Eisenbahn wäre doch dafür das viel geeignetere Verkehrsinstrument!! Dafür werden die "Räuber" der Strasse noch mit Lob geadelt.
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    1. Antwort von Angela Nussbaumer  (Angela N.)
      Diese "Räuber der Strasse", Her Lyner, sind es, die Ihnen ein Gros dessen ins Land bringen, was sie im täglichen Gebrauch als völlig selbstverständlich hinnehmen. Etliche Güter können nun einmal nicht mit der Bahn befördert werden. Das liegt nicht an den Chauffeuren und Transportunternehmen, sondern an fehlender Infrastruktur, Verderblichkeit, Termindruck, etc.
      Welches WC-Papier kaufen Sie den zum Beispiel? Das teurere, in der Schweiz produzierte? Immer?
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  • Kommentar von Andi Capul  (intressierter)
    Der Chaffeur wurde zu einem hoch potenzieller Virentransporteur. Das musste ich als temporärer Fahrer erst mal schlucken. Dass dann zusätzlich praktisch überall die Möglichkeit die Hände zu waschen verunmöglicht wurde und nur diese Desinfektionsmittelflaschen vor die Nase gestellt wurden, hat mir dann den Rest gegeben.
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