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Kampf gegen Massentourismus Angriff auf Touristenbus in Barcelona heizt Debatte an

Vermummte stoppen einen Bus, zerstechen einen Pneu und sprayen: Ein Vandalenakt gegen die endlose Gästeflut rüttelt auf.

Legende: Audio Debatte über Massentourismus in Spanien wird lauter abspielen. Laufzeit 02:41 Minuten.
02:41 min, aus Rendez-vous vom 03.08.2017.

Stellen Sie sich vor: Sie sind in den Ferien. Vier Vermummte stoppen Ihren Bus, in dem auch andere Touristen sitzen. Die Aktivisten durchstechen einen Reifen und besprayen den Bus mit Parolen gegen Massentourismus.

So geschehen in Barcelona am letzten Sonntag. Zu Gewalt gegen Touristen kam es beim Überfall nicht, aber die Debatte über das Ausmass der Gästezahlen in Spanien wird lauter, aggressiver und nervöser.

Geschätzte 30 Millionen Touristen jedes Jahr

Es ist eine runde Zahl, und sie hat einen gewissen offiziellen Wert. Agusti Colom, der Tourismusminister von Barcelona, redet von 30 Millionen Touristen, die seine Stadt jedes Jahr besuchen. Er spricht von einer Schätzung. Und hier beginnt das Problem: Wirklich zuverlässige Zahlen gibt es nicht. Denn viele Touristen steigen in Wohnungen ohne Tourismus-Lizenz der Stadt ab und werden nicht registriert. Sie sind, oft ohne es zu wissen, blinde Passagiere in Spaniens Tourismushauptstadt.

«Las Ramblas», auf der bekanntesten Fussgängerzone von Barcelona herrscht immer Hochbetrieb.
Legende: «Las Ramblas», auf der bekanntesten Fussgängerzone von Barcelona herrscht immer Hochbetrieb. Reuters/Archiv

Minister Colom hat noch eine runde Zahl zur Hand: Etwa 10'000 Wohnungen würden auf dem Schwarzmarkt angeboten. Auch das eine Schätzung. Es gibt andere, die von deutlich höheren Zahlen ausgehen. Aber egal, wem man glauben will: Jede Zahl macht deutlich, dass der Tourismus Wohnraum besetzt, Wohnungen, die dem Mietmarkt verloren gehen. Einheimische müssen darum ihre Quartiere verlassen, weil ihr Leben dort zu teuer geworden ist.

Jeder Fünfte nennt Tourismus als Hauptproblem

In Spaniens Wirtschaftskrise mussten viele ihr Haus oder ihre Eigentumswohnung aufgeben und sind zu Mietern geworden. Die höhere Nachfrage hat zu Engpässen geführt. Der Tourismus aber verschärft diese Knappheit noch. Denn Touristen können Preise zahlen, die Einheimische nicht zahlen können.

Darum sagten diesen Sommer schon 20 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner Barcelonas, der Tourismus sei das Problem Nummer eins der Stadt. Die Bevölkerung von Valencia oder Palma de Mallorca würden nicht anders antworten.

Die Schattenseite des Booms

In vielen touristischen Zentren wächst der Widerstand gegen den alljährlichen Überfall einer bunten Besatzungstruppe. Dass die Geld bringt, war lange Zeit das Hauptargument für ein ungebremstes Wachstum des Tourismussektors.

Nicht abreissende Touristenflut: Die Attraktionen Barcelonas locken Abertausende an.
Legende: Nicht abreissende Touristenflut: Die Attraktionen Barcelonas locken Abertausende an. Reuters/Archiv

Heute rücken die Probleme in den Vordergrund. Lärm, steigende Preise, Wohnungsnot. Die Politik wird national und regional kritisiert, weil sie sich zu lange auf die Rohstoffe Sonne und Sand verlassen und keine wirkungsvollen touristischen Konzepte entwickelt habe. Auf Mallorca diskutiert man seit Jahren darüber, wie man zu anspruchsvolleren und zivilisierteren Gästen kommen und die Trunkenbolde des Billigsttourismus loswerden könnte. Resultate gibt es noch keine.

Die Zwischenbilanz im Sommer zeigt, dass Spanien vor einem neuen Tourismusrekord steht. Die Zahl der Gäste wird also weiterwachsen. Der Protest gegen sie wohl auch.

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26 Kommentare

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  • Kommentar von W. Ineichen (win)
    Der Tourismus zerstört was er sucht, indem er es findet.
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  • Kommentar von Dölf Meier (Meier Dölf)
    @Niklaus Bächler, im Namen Gottes des Allmächtigen steht in unserer Verfassung. 150 Jahre kein Krieg, das heisst, wir hatten nicht für Billionen wieder aufzubauen. Bei mir kam das Reisen zu kurz, deshalb holte ich es nach. Ich besuchte annähernd alle Länder Europas. Das erweiterte den Horizont. Die Situation ist weltweit brenzlig, die Beurteilung über ich Ihnen.
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  • Kommentar von M. Roe (M. Roe)
    So wird es schon bald auf dem Jungfrau-Joch aussehen, wenn die Jungfraubahnen ihren Plan verwirklichen. Ich hoffe, dass all die Einsprecher dieses Projekt noch aufhalten können. Es braucht dringend einen "Stopp" im Tourismus-Projekten, Wirtschaft und vor allem im Bausektor. Wir haben die Schweiz schon so weit zubetoniert, dass es für die meisten Einwohner nicht mehr lustig ist. Damit die überflüssigen Wohnungen gefüllt werden können, verstaut man "Asylanten" darin. Tourismusorte leiden ebenfalls
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    1. Antwort von marc rist (mcrist)
      Allenfalls wird es auf dem Männlichen und auf dem Eigergletscher dereinst so aussehen. Dorthin brächte die V-Bahn die Touristen im Turbotempo. Die Kapazitäten ab Eigergletscher bis Jungfraujoch sind bereits ausgeschöpft.
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