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Legende: Video Katastrophen verstärken die Schere zwischen Arm und Reich abspielen. Laufzeit 05:04 Minuten.
Aus 10vor10 vom 30.08.2019.
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Arme in den USA Gefangen in der Hurrikan-Falle

Aus gefährdeten Wohngebieten gibt es für viele arme Amerikaner kaum einen Ausweg.

Der Name des Viertels klingt edel: «Kashmere Gardens» heisst das Gebiet etwa 15 Auto-Minuten vom Zentrum von Houston entfernt. Doch es ist eines der ärmsten Viertel der texanischen Stadt. Die meisten Bewohner sind Schwarze oder Latinos. Kashmere Gardens liegt direkt an einem Flussarm und nur knapp über dem Meeresspiegel. Beim Hurrikan «Harvey» vor zwei Jahren stand das Viertel unter Wasser, zwei von drei Häusern wurden teils schwer beschädigt.

Die 84-jährige Bobbie Jean Burks verlor bei Hurrikan «Harvey» ihren Bruder, der nicht mehr rechtzeitig aus seinem Haus gerettet werden konnte. Und die Reparatur-Arbeiten an ihrem Haus sind bis heute nicht abgeschlossen. Auch das Trauma hat sie noch nicht überwunden: «Als es vor ein paar Tagen wieder so stark geregnet hat, da hatte ich einen Nerven-Zusammenbruch», sagt Bobbie Jean.

Überflutete Strassen und Häuser
Legende: Tagelang tobte sich «Harvey» im August 2017 über Texas aus. Tausende Menschen mussten aus überfluteten Häusern gerettet werden. Die Gesamt-Schadenssumme wird auf 125 Milliarden Dollar geschätzt. Keystone

Kein Geld für Versicherung

Aus dem gefährdeten Viertel wegziehen kann Bobbie Jean nicht: «Ich muss hierbleiben, denn die Miete ist hier sehr tief. Anderswo könnte ich mir die Miete nicht leisten», sagt sie. Damit ist Bobbie Jean hier nicht allein. Für einen Wegzug fehlt den meisten das Geld. Auch die Unterstützungsgelder durch Behörden und Hilfsorganisationen reichen dafür nicht.

Kommt hinzu, dass viele Quartierbewohner nicht gegen Unwetter versichert sind. Keith Downey, Präsident des Quartiervereins, rechnet vor, weshalb: «Das Durchschnitts-Einkommen im Viertel liegt bei nur 25'000 Dollar pro Jahr. Eine Hochwasser-Versicherung kann über 2000 Dollar kosten. Also müssen sie sich die Menschen entscheiden. Essen auf dem Tisch, Medikamente – oder eine Versicherung. Alles geht nicht.»

Drastische Massnahmen nötig

Katastrophen wie «Harvey» verstärken die Schere zwischen Arm und Reich, sagt Jeffrey Lowe, Professor für Raumplanung an der Texas Southern University. Ärmere Menschen hätten nicht die finanziellen Möglichkeiten, um ihre Situation nach solchen Katastrophen zu verbessern. Und: «In besser situierten Gegenden kommt der Wiederaufbau viel schneller voran. Dabei wäre es wichtig, diese ärmeren Viertel mit baulichen Massnahmen vor Überschwemmungen zu schützen.»

Die Armen stecken in der Hurrikan-Falle. Laut Professor Lowe stellt der Klimawandel Städte wie Houston vor zusätzliche Herausforderungen: «Wo bauliche Massnahmen zum Schutz ärmerer Viertel nicht möglich sind, muss man sich überlegen, ganze Wohngegenden zu verlegen, umzusiedeln, solange man die Gemeinschaft damit nicht auseinanderreisst.»

Billie Jean
Legende: Für Bobbie Jean und die anderen Einwohner von Kashmere Gardens bleibt vorläufig nur die Hoffnung, dass sich eine Katastrophe wie «Harvey» nicht so schnell wiederholt. SRF

Historische Benachteiligung

Davon mag man in Kashmere Gardens nicht reden. Vielmehr solle die Stadt endlich die Sturm-Infrastruktur verbessern, fordert Keith Downey vom Quartierverein. Er zeigt uns verstopfte Abflussrohre, die ein rasches Abfliessen des Wassers behindern: «In den Vierteln mit höherem Einkommen kümmern sich die Behörden um so etwas. Öffentliche Gelder werden dort zügiger in Projekte umgesetzt als hier. Da ist auch Rassismus im Spiel.»

In der Tat waren Schwarzen-Viertel wie dieses häufig historisch benachteiligt. «Redlining» hiess die Praxis, Viertel mit vielen schwarzen Menschen mit roten Linien zu begrenzen und die Bewohner zu diskriminieren. Die roten Linien sind verschwunden, aber die Menschen stecken in den Vierteln fest, und Naturkatastrophen wie «Harvey» verschlimmern ihre Lage.

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15 Kommentare

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  • Kommentar von Abel Emini  (Abel Emini)
    Man kann nicht alles auf den Staat schieben, jeder muss arbeiten.
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    1. Antwort von Christine Hadorn  (Baski)
      Herr Abel Emini, was heißt alles auf den Staat schieben. Sind Sie sich bewusst, dass Sie diese Situation aus der Sicht eines gut versicherten Schweizer Bürgers sehen. Solche Sicherheiten fehlen unverschuldet bei vielen US Bürgern, die können sich keine Versicherung leisten. Und wer bleibt dann: der Staat. Wäre bei uns auch so. Und das hat in dieser Situation seine Richtigkeit. Hin und wieder muss man sozial denken und handeln.
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  • Kommentar von Christine Hadorn  (Baski)
    Wie so oft bei solchen Katastrophen trifft es wieder die arme Bevölkerung besonders hart, weil sie entsprechend leben muss, mehr Hütten als Häuser , keine Versicherung etc.etc. Währenddessen macht Präsident große Worte, kündigt Hilfsmaßnahmen an, diese kommen aber wiederum in erster Linie einer gewissen Schicht resp vor allem seinem Anwesen zugute. Wenn es um ihn und seine Freunde geht, ist er schnell zur Stelle.
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  • Kommentar von Bettina Hackel  (tinahackel)
    10 Hurricane Seasons hab ich in Süd- und Central Florida mit erlebt - das geht einem jedesmal "ans Läbige"! Ich ging wohl mit der Zeit routinierter damit um, besonders als mein Mann Alzheimer hatte und gar nicht mehr mithelfen, nur noch bestenfalls meine Anweisungen befolgen konnte. Evakuieren mit dementem Ehemann, 2 Hunden und einem Kater war zum Glück keine Option, zu der ich mich gezwungen fühlte. Also "aussitzen", mit solidarischen Nachbarn!
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