«Asylbewerber haben ein wirtschaftliches Potenzial»

2014 gelangten so viele Flüchtlinge wie schon lange nicht mehr nach Europa und auch in die Schweiz. Die vielen jungen Asylbewerber könnten im überalterten Europa schon bald als dringend benötigte Arbeitskräfte willkommen sein, sagt ein Migrations-Spezialist.

Drei schwarze junge Männer sitzen um einen Tisch und essen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Junge Asylbewerber als Chance für Europa? Keystone

SRF: Ist der Migrationsdruck auf Europa tatsächlich so gross, wie man derzeit den Eindruck hat?

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Jochen Oltmer

Jochen Oltmer

Professor Jochen Oltmer ist Historiker und Migrationsexperte an der Universität Osnabrück.

Jochen Oltmer: Nein. Es kommen nur wenige Menschen von ausserhalb Europas nach Europa. Es spielt dabei keine Rolle, ob man die Wirtschaftsmigration anschaut oder die Flüchtlingszuwanderung. Beides hält sich sehr in Grenzen.

Dieser Druck wird von den Politikern in diversen europäischen Ländern also überzeichnet?

Ja. Wenn man schaut, worauf sich die Medien konzentrieren, so ist dies nicht der Alltag, sondern es sind spektakuläre Ereignisse. Sie zeigen Bilder von Menschen, die Zäune übersteigen, die auf übervollen Booten übers Meer unterwegs sind oder von Menschen, die auf der Fahrt übers Mittelmeer umgekommen sind. Wir sehen relativ viele von diesen Bildern. Doch den Alltag der Migration – Millionen von Menschen bewegen sich innerhalb Europas –, der viel weniger unspektakulär ist, spielt eine viel kleinere Rolle in den Medien.

Trotzdem lässt sich nicht wegdiskutieren, dass die Asylzahlen in verschiedenen Ländern Europas steigen...

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Sandalen im Schnee

Sandalen im Schnee

Wie erleben Asylsuchende die Schweiz und das lange Warten auf den Asylentscheid? Sechs Personen, die in der Schweiz um Asyl ersucht haben, schildern ihre Eindrücke. Hier finden Sie die Webreportage.

Das lässt sich tatsächlich nicht wegreden. Wenn man sich die vergangenen Jahrzehnte anschaut, war es ein regelmässiges Auf und Ab der Anzahl Asylgesuche. Derzeit sind wir wieder einmal in einer Hochphase. Dabei muss man anschauen, woher die Asylsuchenden kommen: Ein grosser Teil von ihnen kommt aus Europa, etwa aus Serbien, Montenegro, Albanien oder aus dem Bereich des Kaukasus.

Die Schweizer und auch die deutschen Behörden rechnen damit, dass die Zahl der Asylsuchenden auch im nächsten Jahr weiter steigen wird. Glauben Sie, dass das in den nächsten Jahren so weitergeht?

Nein, das denke ich nicht. In den vergangenen Jahren und Jahrzehnten haben solche Flüchtlingswellen immer wieder ein Ende gefunden, weil regionale Konflikte an Fahrt verloren haben. Ausserdem muss man sich vor Augen halten: Asyl wird häufig auch deshalb in Europa beantragt, weil es keine anderen Wege der Einwanderung gibt. In vielen europäischen Ländern wird Einwanderung inzwischen jedoch vermehrt als etwas Positives für die Wirtschafts- und Arbeitsmarktentwicklung angesehen. Diese Tendenz wird in den kommenden Jahren zunehmen. Auch wird vermehrt darüber nachgedacht werden, ob nicht eine andere Einwanderungspolitik Europas möglich ist. Dabei wird auch die Asylpolitik einen anderen Stellenwert bekommen.

Steht diese Potenzialdiskussion nicht im Schatten von ausländerkritischen Bewegungen wie dem Front National in Frankreich oder Pegida in Deutschland?

Es scheint, dass die fremdenfeindlichen und rechtsextremistischen Potenziale steigen, wenn die wirtschaftlichen Aussichten ungünstig sind. Doch wenn ich mir die aktuelle Situation in Deutschland anschaue, stelle ich fest, dass die Diskussion über diese Potenziale, welche die meist jungen Migranten und Flüchtlinge in sich bergen, zugenommen hat. Es zeigt sich eine Reformbereitschaft. So sind etwa die Asylregelungen reformiert worden, es gibt Öffnungstendenzen. Dabei steht im Hintergrund klar die Vorstellung, dass auch solche Flüchtlinge wirtschaftliche Potenziale haben. Man muss nun darüber nachdenken, wie es gelingt, solche Potenziale zu nutzen. Vor dem Hintergrund der Überalterung der Gesellschaft in Europa ist diese Diskussion nicht nur in Deutschland aktuell. Allerdings ist die Bundesrepublik angesichts der günstigen wirtschaftlichen Situation, in der immer mehr Fachkräfte gesucht werden, quasi ein Vorreiter.

Das Gespräch führte Christoph Kellenberger.