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Asylzentren in Nordafrika «Marokko will nicht der Gendarm für Europa sein»

Auch Marokko will keine Asylzentren für Europa in seinem Land. Maghreb-Spezialist Beat Stauffer erklärt, warum.

Legende: Audio Marokko will keine Lager im Rahmen der europäischen Migrationspolitik abspielen. Laufzeit 05:32 Minuten.
05:32 min, aus SRF 4 News aktuell vom 05.10.2018.

Die EU versucht derzeit, Asylzentren ausserhalb ihrer Grenzen zu errichten, um schon dort über die Asylanträge von Flüchtlingen zu entscheiden. Marokko ist nun aber bereits das zweite nordafrikanische Land, das der EU eine Absage erteilt. Zuvor hatte schon Tunesien Zentren auf seinem Gebiet ausgeschlossen. Maghreb-Experte Beat Stauffer erklärt die Zusammenhänge.

Beat Stauffer

Beat Stauffer

freier Journalist, Buchautor

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Beat Stauffer berichtet als freischaffender Journalist für verschiedene Medien aus Nordafrika. Er ist auch als Buchautor, Kursleiter und Referent tätig.

SRF News: Warum will Marokko keine Flüchtlingszentren für Europa eröffnen, auch nicht gegen Geld?

Der marokkanische Aussenminister hat klargestellt, dass solche Zentren für Marokko ein No-Go seien. Marokko betreibe eine Migrationspolitik im eigenen Interesse und sei nicht der Gendarm für Europa. Das ist einerseits ein klares Zeichen an Europa, aber auch an die eigene Bevölkerung, denn die Zusammenarbeit mit Europa in Migrationsfragen ist innenpolitisch sehr heikel.

Worin besteht denn die politische Sprengkraft dieser Zusammenarbeit?

Es ist sehr heikel, für Europa den Polizisten zu spielen. Die marokkanische Regierung steht unter starkem Druck. Marokko arbeitet schon sehr eng mit Spanien zusammen, vor allem was die Rückübernahmeabkommen von marokkanischen Migranten betrifft. Auch mit ganz Europa arbeitet Marokko bereits zusammen, betreffend der Rückübernahme von ausgeschafften Islamisten. Das ist für das Land eine sehr grosse Belastung. Grosse Vorbehalte bestehen aber in einer weiteren Vertiefung dieser Zusammenarbeit und vor allem, was afrikanische Migranten und Flüchtlinge betrifft.

Marokko ist mehr ein Durchreiseland für afrikanische Migranten und weniger ein Einwanderungsland?

Ja, das ist richtig. Die jüngsten Zahlen, die wir von den Migranten und Flüchtlingen haben, die in Richtung Spanien ausgereist sind, belegen, dass ungefähr 20 bis 30 Prozent Marokkaner oder Marokkanerinnen sind. Der Rest sind Personen meistens aus westafrikanischen Ländern. Sie hätten unter bestimmten Voraussetzungen die Gelegenheit, in Marokko zu bleiben. Aber die meisten wollen nach Europa. Marokko hat Angst, dass diese Migranten zwangsläufig in Marokko bleiben könnten, wenn sie an der Grenze blockiert werden.

Gibt es einen Grund für dieses Misstrauen?

Solche Aufnahmezentren wären etwas Neues und sie würden aus marokkanischer Sicht nur dann Sinn ergeben, wenn Migranten und Flüchtlinge dort eine Chance hätten, ein Asylgesuch zu stellen und dann direkt nach Europa ausgeflogen werden könnten.

Es braucht Migrationspartnerschaften, die diesen Namen verdienen.

Nun hat Marokko aber grosse Zweifel, ob Europa bereit ist, dieses Versprechen einzuhalten. Bis jetzt hat Europa in Sachen Migrationspolitik keine gute Rolle gespielt und ist gegenüber nordafrikanischen Staaten nicht sehr vertrauenswürdig aufgetreten.

Was bräuchte es, damit Marokko doch Flüchtlingsunterkünfte auf seinem Boden errichten würde?

Im Moment sind solche Flüchtlingszentren auf nordafrikanischen Boden kein Thema. Wenn in Südeuropa solche Zentren gebaut würden und wenn sie tatsächlich funktionieren würden, dann könnte ich mir vorstellen, dass Marokko und Tunesien sich das nochmal überleben würden. Aber kurzfristig ist Marokko und sind auch die anderen Länder nicht zu einer solchen Zusammenarbeit bereit.

Wenn die EU keine neuen Ideen aufs Tapet bringt, werden sich die nordafrikanischen Länder keinen Millimeter bewegen.

Ich denke, das ist genauso. Der marokkanische Aussenminister Nasser Bourita hat das sehr klar zum Ausdruck gebracht. Es braucht Migrationspartnerschaften, die diesen Namen verdienen. Es braucht eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe, dass die Länder am Südrand des Mittelmeers eben ihre Interessen einbringen können, dass sie als Partner behandelt werden und dass man dann gemeinsam Lösungen sucht, wie man dieses schwierige Problem der Migranten und der Flüchtlinge die durch Nordafrika reisen lösen kann.

Das Gespäch führte Marlen Oehler.

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