Öffentliche Fahndung «Auch der Täter schaut fern und liest Zeitung»

In Deutschland fahndet die Polizei mittlerweile öffentlich nach einem Tunesier. Wie beeinflusst dies die Arbeit der Ermittler? Antworten von Jörg Radek, dem stellvertretenden Vorsitzenden der grössten Polizeigewerkschaft in Deutschland.

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Jörg Radek: «Wir machen damit auch den Täter schlau»

SRF News: Zur Ergreifung des Tatverdächtigen von Berlin wurde eine Belohnung von 100'000 Euro ausgesetzt. Sind viele Hinweise eingegangen?

Jörg Radek: Ja, wir haben zahlreiche Hinweise erhalten. All diesen müssen wir jetzt nachgehen, sei der Hinweis auch noch so klein. Jede Spur ist wichtig, um den Täter dingfest zu machen.

Eine solche Öffentlichkeitsfahndung gibt es äusserst selten. Weshalb war sie in diesem Fall nötig?

Bei einer Öffentlichkeitsfahndung müssen wir immer abwägen, wie viel von unserem Wissen wir in die Öffentlichkeit geben. Wir machen damit ja auch den Täter schlau. Man sollte nicht so naiv sein, zu glauben, dass ein Täter keine Fernsehberichterstattung sieht oder keine Zeitung liest. Auch in diesem Fall wurde abgewogen, zu welchem Zeitpunkt man mit den Informationen an die Öffentlichkeit geht, weil von dem Täter doch eine erhebliche Gefahr ausgehen muss. Diese Entscheidung wird immer von einem Richter getroffen. Es geht letztlich darum, von der Öffentlichkeit Hinweise zu erhalten und diese gleichzeitig vor dem Verdächtigen zu warnen. Und auch Leute aus dem Umfeld des Täters sollen wissen, dass sie im Visier der Polizei sind, falls sie dem Verdächtigen Unterschlupf gewähren.

«  Wenn Material selbständig ins Netz gestellt wird, sorgt das für eine Dynamik, die wir nicht einfangen können. »

Eine Öffentlichkeitsfahndung birgt ja auch Gefahren, wenn die Polizei jedem kleinen Hinweis nachgeht. Besteht nicht die Gefahr, dass es zu viel wird?

Darauf können wir keine Rücksicht nehmen. Wenn uns mutmassliche Zeugen ihre Beobachtungen wie zum Beispiel ein Handy-Video zur Verfügung stellen, ist das besser, als wenn solches Material selbständig ins Netz gestellt wird. Das sorgt viel eher für eine Dynamik, die wir dann nicht einfangen können. Gut ist, solche Aufnahmen der Polizei zur Verfügung zu stellen. Die Polizei kann es dann auswerten und entscheiden, was sie davon braucht und was nicht.

Wir haben mehrere Fotos des Verdächtigen. Besteht nicht auch die Gefahr, dass eine Art Hetzjagd eröffnet und eine falsche Person verdächtigt wird?

Die Befürchtung besteht. Aber ich gehe davon aus, dass diese Risikoabschätzung vorgenommen wurde, weil man ja auch schon Dokumente gefunden hat, die einem Ort in Nordrhein-Westfalen zugeordnet werden konnten. Und das sind auch Dinge, die den Täter unter Druck setzen. Er ist ja ein Mensch, der auf der Flucht ist, und man muss versuchen, ihn auch durch solche Hinweise zu Fehlern zu verleiten.

«  Man muss versuchen, den Täter durch gezielte Hinweise zu Fehlern zu verleiten. »

Wie gross ist der Druck auf die Polizei, Resultate zu präsentieren, auch wenn diese vielleicht noch gar nicht so konkret sind?

Der Druck ist sehr gross. Bei dieser ganzen Diskussion sprechen wir derzeit kaum über die Identifizierung der Opfer. Da gibt es Angehörige, die Fragen haben. Diese Fragen wollen wir möglichst zügig beantworten. Wir haben also auf der einen Seite die Angehörigen, die verständlicherweise wissen wollen, was passiert ist und den Täter auch gestellt wissen wollen. Und wir haben auch den Druck aus der Öffentlichkeit. Es ist enorm, was dort auf den Schultern der Verantwortlichen lastet.

Sie suchen jetzt also nach einem Mann, den Sie noch vor kurzem unter Beobachtung hatten, der jetzt aber untergetaucht ist. Warum sollte man den Verdächtigen jetzt finden, wenn es doch bisher auch nicht gelungen ist?

Entscheidend ist in einem solchen Fall das Moment Aufmerksamkeit. Das haben wir in einem ganz banalen Kriminalfall auch. Nach einem solchen Kriminalfall ist die Aufmerksamkeit viel höher als im Vorfeld, wo es um Gefahrenabwehr geht. Ich gebe zu, dass wir den Mann in der staatlichen Überwachung hatten und dass er dann Unterschlumpf finden konnte. Das waren Momente, wo die Polizeiarbeit zwar dicht dran war an ihm, die Tat aber trotzdem nicht verhindern konnte. Jetzt haben wir aber eine Aufmerksamkeit, die – bedauerlicherweise – eine ganz andere Qualität hat als vor der Tat. Nun ist auch die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit da, um uns zu helfen.

«  Der Druck aus der Öffentlichkeit, der auf den Schultern der Verantwortlichen lastet, ist enorm. »

Das Gespräch führte Salvador Atasoy.