Aufatmen nach unblutiger Pro-Mursi-Demo in Kairo

Nach den Freitagsgebeten demonstrierten tausende Mursi-Anhänger in Kairo. Sie folgten dem Aufruf zum «Marsch der Millionen». Es gab diesmal offenbar keine grösseren Gewaltausbrüche. Unterdessen haben die USA die ägyptische Armee aufgerufen, Mohammed Mursi freizulassen.

Zehntausende Demonstranten haben in Kairo bis in die frühen Morgenstunden die Wiedereinsetzung des gestürzten ägyptischen Präsidenten Mohammed Mursi gefordert. Zu tödlichen Zusammenstössen mit Gegnern des Islamisten wie vor einer Woche kam es diesmal trotz der aufgeheizten Stimmung jedoch nicht.

Druck auf Soldaten

Allerdings waren auch noch weit nach Mitternacht zahlreiche Anhänger der Muslimbrüder in den Strassen der Hauptstadt unterwegs. So versammelten sich Hunderte in der Nähe des Verteidigungsministeriums, wo sie den Soldaten ihren Unmut zuriefen. «Ich bin hier, um 'Nein' zu dem Militärputsch und 'Ja' zu Mursi zu sagen, den ich als meinen legitimen Präsidenten betrachte, auch wenn ich nicht in der Bruderschaft bin und nicht für ihn gestimmt habe», sagte ein 22-jähriger Student.

Die Armee hatte Mursi vor eineinhalb Wochen gestürzt. Aus ihrer Sicht handelte es sich nicht um einen Putsch, sondern um eine Umsetzung des Volkswillens. Millionen Menschen waren Ende Juni gegen Mursi auf die Strassen gegangen, weil sie unter ihm eine schleichende Islamisierung des Landes fürchteten.

Gewaltakte befürchtet

Islamisten aus dem ganzen Land waren zum «Marsch der Millionen» in die Hauptstadt Kairo geströmt. Angesichts der Polarisierung beider Lager fürchteten Beobachter erneut gewaltsame Auseinandersetzungen. Bei den Protesten der vergangenen Tage starben über 90 Menschen.

«Es ist sehr schwierig für die Ägypter, während des Ramadans Blut und Gewalt am Fernsehen zu sehen», sagte ein 54-jähriger Staatsangestellter. «Ich hoffe, dass sich bald eine Lösung findet. Wir können die Situation weder ökonomisch noch psychologisch noch länger ertragen.»

USA fordern Mursis Freilassung

UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon mahnte die ägyptischen Behörden, die Menschenrechte einzuhalten. Er sei tief besorgt wegen fortgesetzter Festnahmen, sagte Ban nach einem Telefongespräch mit Ägyptens Aussenminister.

Die US-Regierung rief die ägyptische Armee zur Freilassung Mursis auf. Die US-Aussenamtssprecherin Jennifer Psaki sagte am Freitag in Washington: «Wir haben von Anbeginn Sorge über diese Festnahmen, diese politisch motivierten willkürlichen Festnahmen von Mitgliedern der Muslimbruderschaft geäussert.»

Aufenthaltsort Mursis unbekannt

Es ist noch immer unklar, wo sich Mursi aufhält. Seit seinem Sturz wird er vom Militär an einem unbekannten Ort und ohne Anklage festgehalten. Ein Sprecher des ägyptischen Aussenministeriums erklärte, Mursi befinde sich an einem sicheren Ort und werde in würdiger Weise behandelt.

Muslimbrüder lehnen Versöhnungsangebot ab

1:22 min, aus Tagesschau vom 10.7.2013

Mursi ist der erste frei gewählte Präsident in der Geschichte des Landes. Vor etwas mehr als einer Woche entmachtete ihn das Militär. Die islamistische Muslimbruderschaft, aus der Mursi stammt, spricht von einem Putsch.

Das Militär setzte Verfassungsrichter Adli Mansur als Übergangspräsidenten ein. Er soll eine Übergangsregierung bilden.

Regierungsbildung verzögert sich weiter

Verschiedene Kandidaten für das Amt des Regierungschefs wurden von islamischen Parteien abgelehnt. Der nun geschäftsführende Ministerpräsident Hasem al-Beblawi sagte, er werde am Sonntag mit den Gesprächen zur Bildung des Kabinetts beginnen.

Er gehe davon aus, dass es bis Ende kommender Woche vereidigt werden könne. Am Mittwoch hatte Beblawi gesagt, er hoffe, die Bildung der neuen Regierung bereits Anfang kommender Woche abzuschliessen. Beblawi will die vom Militär unterstützten Pläne umsetzen, die in rund sechs Monaten Parlamentswahlen vorsehen.

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