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Die Kehrseite der landwirtschaftlichen Grossproduktion in den Niederlanden
Aus SRF 4 News aktuell vom 16.10.2019.
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Aufruhr in den Niederlanden «Die Bauern spielen jetzt die beleidigte Leberwurst»

Über 1000 Naturschutzgebiete in den Niederlanden sind akut gefährdet, weil sie zu viel Stickstoff aufgenommen haben. Für einen grossen Teil der Stickstoff-Emission ist die Landwirtschaft verantwortlich. Deshalb fordert eine Regierungskommission, den Viehbestand im Land zu halbieren. Die Bauern sind empört und fürchten um ihre Existenz. Sie protestieren energisch. Die SRF-Niederlande-Korrespondentin Elsbeth Gugger sagt, worum es genau geht.

Elsbeth Gugger

Elsbeth Gugger

Niederlande-Korrespondentin, SRF

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Die Journalistin arbeitet seit 1992 als Korrespondentin aus den Niederlanden für SRF und «NZZ am Sonntag». Vorher war sie bei der Schweizerischen Depeschenagentur tätig.

SRF News: Was planen die Bauern?

Elsbeth Gugger: Zuerst wollen sie heute Mittwoch im Nationalen Gesundheits- und Umweltinstitut in der Nähe von Utrecht vorstellig werden. Dort wurden die Emissionswerte berechnet. Danach fahren sie nach Den Haag zum Regierungssitz. Es ist anzunehmen, dass es Hunderte von Kilometern Stau geben wird, weil sie mit ihren Traktoren die Autobahnen in voller Breite blockieren werden.

Sind die Bauern für die Probleme in den Naturschutzgebieten verantwortlich?

Ein sehr grosser Teil, fast die Hälfte der schädlichen Emissionen, geht auf das Konto der Bauern. Das hat das Gesundheits- und Umweltinstitut errechnet. Allerdings zweifeln die Bauern diese Zahlen an und deshalb protestieren sie dagegen beim Gesundheitsinstitut. Die Regierung hat die Bauern in den letzten Jahrzehnten mehr oder weniger gewähren lassen, so dass deren Betriebe immer grösser wurden und dass immer mehr Vieh dazu gekommen ist.

Die Niederlande produzieren inzwischen fünfmal so viele Lebensmittel, wie sie für die eigene Bevölkerung nötig hätten.

Die Niederlande produzieren inzwischen fünfmal so viele Lebensmittel wie sie für die eigene Bevölkerung nötig hätten und sie stehen bei den weltweiten Agrarexporten an zweiter Stelle. Für ein so kleines Land, kaum grösser als die Schweiz, ist dies eine eindrückliche Leistung. Aber die Kehrseite sind die schädlichen Emissionen, die viele Naturschutzgebiete kaputt machen.

Hat die Politik in den letzten Jahren diesbezüglich versagt?

Umweltschützer beantworten diese Frage mit einem Ja. Es ist so, dass die Bauern eine kräftige Lobby haben. Sie ist sehr stark mit der Politik verfilzt. Letzte Woche wurde dies wieder offensichtlich. Sehr publikumswirksam wurde die Methode dieses nationalen Umweltinstituts von zwei Parlamentariern angezweifelt. Einer dieser Parlamentarier ist Mitglied der liberalen Regierungspartei von Premier Mark Rutte, der andere von der christlich-sozialen Partei, die ebenfalls in dieser Koalition sitzt und mitregiert. Es zeigt, wie niederländische Bauern mit subventionierten Samthandschuhen angefasst werden. So gesehen: Ja, die Politik hat versagt.

Normalerweise wird eine solche Hiobsbotschaft am runden Tisch besprochen.

Hat die Forderung, den Viehbestand zu halbieren, Chancen?

So direkt denke ich eher nicht. Die Bauern fühlen sich brüskiert. Normalerweise wird eine solche Hiobsbotschaft am runden Tisch besprochen, und zwar nicht nur mit den Betroffenen selber, sondern auch mit dem Gewerbeverband, mit Provinzen und Gemeinden und so weiter. Alle werden an diesen runden Tisch eingeladen, das ist das berühmte niederländische Polder-Modell. Solche Gespräche hat es diesmal nicht gegeben und deshalb spielen die Bauern jetzt die beleidigte Leberwurst.

Wartet da noch viel Arbeit auf die niederländische Politik, um dieses Problem zu lösen?

Ja. Die Bauern sind ausserordentlich motiviert und geniessen viel Sympathie in der Bevölkerung. Man ärgert sich nicht darüber, dass sie mit ihren Traktoren die Städte versperren. Solange dieser Goodwill vorhanden ist, werden die Bauern mit ihren Protestaktionen weitermachen.

Das Gespräch führte Christoph Kellenberger.

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