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Belastungsprobe für die Beziehungen zum Kreml
Aus HeuteMorgen vom 19.04.2021.
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Ausweisung von Diplomaten Das laute Schweigen von Tschechiens Präsident Miloš Zeman

Tschechien hat am Wochenende 18 russische Diplomaten des Landes verwiesen. Der Grund: Russische Geheimagenten sollen für Explosionen in einer Munitionsfabrik verantwortlich sein, die zwei Menschenleben kosteten. Moskau hat umgehend seinerseits 20 Angestellte der tschechischen Botschaft des Landes verwiesen. Eine Belastungsprobe für das Kreml-kritische und das Kreml-freundliche Lager, so Journalist Kilian Kirchgessner.

Kilian Kirchgessner

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Kilian Kirchgessner ist freier Journalist., Link öffnet in einem neuen Fenster Er berichtet u.a. für die ARD aus Tschechien und der Slowakei. Auch schreibt er von dort für diverse Printmedien wie den «Tagesspiegel».

SRF News: Was wirft Tschechien Russland aktuell konkret vor?

Kilian Kirchgessner: Hintergrund der Eskalation sind die Explosionen in Vrbetice. Die Waffen, die dort gelagert wurden, hätten von privaten Waffenhändlern auf Umwegen über Bulgarien in die Ukraine gehen sollen.

Welche Beweise es gibt, bleibt im Dunkeln, da es eine Angelegenheit des Geheimdienstes ist.

Es war gerade die Zeit, als der Konflikt auf der Krim losging. Es war also eine Waffenunterstützung für die Kämpfer aus der Ukraine. Russland soll mit zwei Agenten offenbar dafür gesorgt haben, dass das Lager in die Luft fliegt, damit die Waffen nicht an ihr Ziel gelangen. Das ist der Vorwurf. Welche Beweise es gibt, bleibt im Dunkeln, da es eine Angelegenheit des Geheimdienstes ist.

Das war 2014. Weiss man, warum Tschechien erst jetzt handelt?

Das ist nicht ganz verwunderlich. Wenn es keine unmittelbaren Beweise gibt, bleiben die Ermittlungen bei solchen Fällen oftmals stecken. Man ging zunächst davon aus, dass es menschliches Versagen war. Es gab keine Hinweise auf ein Fremdverschulden, was wohl für die Art der Ausführung spricht. Warum der Vorwurf aber jetzt aufs Tapet kommt, ist tatsächlich die grosse Frage. Auch die Politiker sollen erst seit wenigen Tagen im Bild sein.

Wie sind die Reaktionen im Land?

Es ist überall ein sehr grosses Entsetzen zu spüren, denn die russisch-tschechischen Beziehungen standen immer unter gewissen Belastungen. Man denke an das Jahr 1968, an den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen zur Niederschlagung des Prager Frühlings. Das ist für viele Tschechinnen und Tschechen bis heute ein traumatisches Ereignis. Nichtsdestotrotz gibt es in der tschechischen Politik viele, die eine Kreml-freundliche Politik fahren. Und dieses Lagerdenken überschattet immer auch das Verhältnis zu Moskau.

Wie schätzen Sie die Folgen für das Verhältnis ein?

Russlands reziproke Reaktion ist sehr heikel. Die russische Botschaft in Tschechien hat eine dreistellige Anzahl Diplomaten. Das heisst, auch nach der Ausweisung von 18 Diplomaten sind noch sehr viele übrig. Das hängt damit zusammen, dass Russland – das gilt als offenes Geheimnis – von Prag aus Spionage betreibt, die nicht nur Tschechien betrifft, sondern auch Westeuropa. Die tschechische Botschaft in Moskau wiederum, die jetzt 20 Diplomaten verliert, ist damit quasi unbesetzt, es sind nur noch fünf übrig.

Präsident Miloš Zeman gilt als russlandfreundlich. Ist es da nicht einigermassen erstaunlich, dass Tschechien auf Konfrontation geht?

Die tschechische Bevölkerung selbst ist in der Mehrheit eher skeptisch gegenüber Russland. Es gibt aber in der Politik ein ausgeprägtes Lager von Kreml-freundlichen Vertretern, und dazu zählt insbesondere der Präsident.

Die tschechische Bevölkerung selbst ist in der Mehrheit eher skeptisch gegenüber Russland.

Er sei bei der Ausweisung der russischen Diplomaten, so ist zu hören, tatsächlich im Vorfeld informiert gewesen. Er hat sich allerdings selbst noch nicht zu Wort gemeldet. Es ist also gewissermassen ein sehr lautes Schweigen, das da zu hören ist. Zur Bedeutung der wirtschaftlichen Beziehungen muss man allerdings sagen, dass Russland kein allzu entscheidender Verbündeter ist.

Das Gespräch führte Isabelle Maissen.

Heute Morgen, 19.04.2021, 09:05 Uhr;

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9 Kommentare

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  • Kommentar von Peter König  (Vignareale)
    Gesicht gut gewahrt hat Tschechien mit den Beschuldgungen Russland wird nun den neuen Kraftwerk Auftrag nicht nach RUSSLAND vergeben, die Amis stehen bereits in den Startlöcher
    1. Antwort von Jaro Bels  (Gotod)
      Es gibt kein neuer Kraftwerk, Dukovany ist bereits seit 1985 am Netz. Es geht, je nach der Formulierung, um Ersatz, Reparatur , Erweiterung oder Fertigstellung des Atomkraftwerks. Und die Amis haben keine Erfahrungen mit der bestehenden, verbauten Technologie, in Startlöcher stehen eher Franzosen.
  • Kommentar von Wolfgang Bortsch  (a2b3c4d5)
    Tschechien und Russland !
    Polen und Russland !
    Zwei Staaten mit etwas "kompliziertem" Verhältnis zum
    "Russischen Bären".----Schon von der Geschichte her !!
    1. Antwort von Jaro Bels  (Gotod)
      Das Verhältnis ist gar nicht kompliziert sondern klar definiert. 2 Staaten die auch die meisten Erfahrungen mit dem Bären immer wieder gemacht haben. Nicht zulezt wegen des München Abkommens im Jahre 1938.
  • Kommentar von Peter Mueller  (Elbrus)
    Die Tschechen haben sich in den Fuss geschossen. Die haben in Moskau nur noch 5 Personen und dürfen keine Russen mehr anstellen z.B für die Küche oder Reinigung. Das ist nur dumm, weil die Tschechen möchten ja noch ein AKW bauen. Die Ausschreibung läuft.
    1. Antwort von Urs Müller  (Jackobli)
      Naja, wer schiesst sich in den Fuss, wenn die Tschechen nun kein Atomkraftwerk aus der überlegenen russischen Technologieschmiede bekommt?
      Zudem kann ich mir nicht vorstellen, dass die Russen die massgebenden Lieferanten für Gastarbeiter in Tschechien sind. Da gibt es wohl andere (EU-)Staaten, welche da eher in Frage kommen.
      Aber es tut mir schon leid, dass ihre Freunde schon wieder die Bösen sind.
    2. Antwort von Enrico Dandolo  (Doge)
      Und nur die Russen können AKW's bauen? Zudem: ich kenne Tschechien recht gut. Die meisten "russischen" Gastarbeiter sind Ukrainer.