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Nachwuchskriminelle in Neapel
Aus 10 vor 10 vom 19.04.2021.
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«Baby-Bosse» als Heilige Neapel und der Tod eines 15-jährigen Strassenräubers

Mit Altären und Wandgemälden wird der Camorra-Nachwuchs gefeiert, während die Stadt am Vesuv um Legalität ringt.

Die Piazza ist klein, versteckt in den Strassenwinkeln der Quartieri Spagnoli, der berüchtigten «Unterstadt» zwischen dem Vomero, dem eleganten Hügelviertel, und der Piazza del Plebiscito, dem «Wohnzimmer» der Stadt.

Dort blickt an einer Hausfassade auf einem riesigen Wandgemälde ein junger Mann auf die Passanten: mit mahnenden grossen Augen, einer Goldkette auf sonst nacktem Oberkörper – darunter der grosse Schriftzug «Wahrheit und Gerechtigkeit»!

Grosses Wandbild an Piazza
Legende: Ugo Russo wurde auf einem riesigen Wandbild verewigt. SRF

Davor eine Gruppe von Männern: ein ehemaliger Hausbesetzer und linker Aktivist präsentiert sich als «Portavoce», als Sprecher. Er macht die Öffentlichkeitsarbeit und stellt einen unruhig blickenden, etwa 40-jährigen Mann vor. Das ist Vincenzo Russo. Sein Sohn Ugo ist auf dem Bild an der Hauswand zu sehen.

Für viele hier sind wir nur Ungeziefer, das man zerstören muss.
Autor: Vincenzo RussoVater des getöteten Ugo Russo

Es braucht wenig, und das Eis ist gebrochen. Vincenzo, der sich als Hilfsarbeiter in einer Gärtnerei vorstellt, sieht in einem ausländischen Journalisten keine Gefahr, keinen voreingenommen Chronisten, der ihn und seinen Sohn gleich in die Ecke von Kriminellen stellt. «Niemand in dieser Stadt will ernsthaft wissen, warum Dinge geschehen, wie sie mein Sohn getan hat, warum Jugendliche Raubüberfälle begehen», sagt er. «Für viele hier sind wir doch nur Ungeziefer, das man zerstören muss.»

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Vincenzo Russo: «Niemand will wissen, warum solche Überfälle geschehen»
Aus 10 vor 10 vom 19.04.2021.
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Alfonso De Vito, Sozialarbeiter und Sprecher des Komitees «Ugo Russo», pflichtet bei: «Noch immer herrscht in dieser Stadt die Mentalität: jedem, was ihm gebührt. Reiche bleiben reich, Arme bleiben arm. Es gibt keinen sozialen Zusammenhalt. Ein Jugendlicher, der eine Straftat verübt, kann auch durch eine Kugel sterben: selbst schuld.»

Am 8. März vor einem Jahr fährt der damals gerade einmal 15-jährige Ugo Russo mit einem Freund nachts im feinen Viertel Santa Chiara mit dem Moped vor ein parkendes Auto und hält dem Fahrer eine Pistole ins Gesicht. Ugo will Bargeld oder wenigstens die Armbanduhr. Ugos Pistole ist nur eine Attrappe, der Fahrzeuginsasse aber ist ein Carabiniere in Zivil, der von seiner Dienstwaffe Gebrauch macht und dreimal schiesst.

Ugo stirbt noch am Tatort. Die Ermittlungen laufen schleppend, der Militärpolizist ist seitdem vom Dienst suspendiert, doch die Hauptverhandlung hat noch immer nicht begonnen.

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Vincenzo Russo: «Mein Sohn wurde durch drei Schüsse ermordet»
Aus 10 vor 10 vom 19.04.2021.
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«Keiner sagt uns, ob mein Sohn an diesem Abend hätte gerettet werden können», beklagt Vater Vincenzo Russo. Nach einem Jahr sei immer noch nicht entschieden, ob der Carabiniere aus Notwehr gehandelt habe oder ein kaltblütiger Mörder sei. «Wir fordern Wahrheit und Gerechtigkeit – wie ein lauter Schmerzensschrei!» Die Trauer des Vaters ist verständlich. Aber ist seine Version die ganze Wahrheit?

Valentino di Giacomo hat eine andere Sicht. Der Polizeireporter der Tageszeitung «Il Mattino» beobachtet seit Jahren einen Anstieg der Jugendkriminalität in Neapel.

«Ugo plante den Überfall, damit er zum Beispiel in die Disko gehen kann», sagt der Journalist. Diese Nachwuchskriminellen bräuchten das Geld nicht zum Überleben, sondern wollten damit prahlen. Viele Jugendliche in den Quartieri Spagnoli oder anderen Problemvierteln seien stolz auf ihre Kriminalstatistik. «Wenn man sie Baby-Camorristi nennt, ist das für sie ein Kompliment.»

Fast 1000 Jugendliche in zwei Jahren

2019 wurden in Neapel 142 Minderjährige verhaftet, weitere 374 angezeigt. 2020 wurden trotz des Lockdowns noch immer 110 Jugendliche verhaftet und weitere 286 angezeigt: Fast 1000 Minderjährige in nur zwei Jahren – eine Tendenz, die sich auch in den Vorjahren zeigte.

«Durch die Verhaftungswellen der letzten Jahre sind die Stadtteil-Bosse der Camorra fast alle im Gefängnis», erklärt di Giacomo. Dadurch sei ein Machtvakuum entstanden, das die Jugendlichen von der Strasse ausnutzten. «Sie spielen sich als Bosse auf und gleiten auf einer Welle gewaltbereiter Jugendkultur.»

Minderjährige hätten eine feste Rolle in den kriminellen Organisationen, so Valentino di Giacomo. Sie helfen beim Drogenhandel oder stehen Schmiere, falls die Polizei auftaucht. Wenn sie jünger als 14 Jahre sind, wandern sie nicht ins Gefängnis. Die Anzeige erhalten nur die Eltern.

Durch Covid haben mancherorts 60 Prozent der Jugendlichen die Schule abgebrochen.
Autor: Rachele FurfaroLeiterin des Bildungs- und Jugendzentrum Foqus

Diese Jungen und Mädchen fehlen auch in der Schule. 40 Prozent der Schülerinnen und Schüler brechen ab, schaffen gerade einmal die Grundschule. Rachele Furfaro leitet das Bildungs- und Jugendzentrum Foqus mitten im Spanischen Viertel. Die ehemalige Bildungsstadträtin Neapels kämpft um jedes Kind, damit es hier in den Kindergarten, in die Grund- und besser noch in die Mittelschule geht.

Rachele Furfaro
Legende: Rachele Furfaro vom Bildungs- und Jugendzentrum Foqus kämpft um jedes Kind, damit es länger zur Schule geht. SRF

«Die Schule gibt sozialen Halt, Perspektive, was zu Hause vielen Kindern fehlt», sagt Furfaro. Die Eltern seien oft arbeitslos oder schlügen sich mit Gelegenheitsjobs herum. Ein Abgleiten in die Kriminalität sei dann ein Leichtes. «Gerade jetzt durch Covid und die damit verbundene soziale Krise haben in manchen Stadtteilen mittlerweile 60 Prozent der Jugendlichen die Schule abgebrochen.»

Da lockt dann schnelles Geld durch Drogenhandel oder Raubüberfall. Auch Minderjährige sterben dabei. Der 15-jährige Ugo Russo ist nur der letzte prominente Vorfall.

Altar mit Heiligenbild und Fotos
Legende: Fotos in den Heiligenbildern von Neapels Altstadt oder eigens errichtete Mini-Altäre sollen an die getöteten jugendlichen Kleinkriminellen erinnern. Valentino di Giacomo

Die Familien der Jugendlichen errichten dann kleine Altäre oder stellen Fotos und Erinnerungstafeln in die zahlreich vorhandenen Heiligenbilder, die Neapels Altstadt säumen.

Diese Art von Volksverehrung aber soll jetzt ein Ende haben. Wandgemälde und Mini-Altäre mit Fotos «gefallener» Jungkrimineller werden von den Ordnungskräften übermalt oder abgetragen. «Baby-Bosse» dürften nicht wie Heilige verherrlicht werden – so die Direktive aus dem Innenministerium.

Wandgemälde eines Kleinkriminellen
Legende: Dieses Wandgemälde des toten 17-jährigen Kleinkriminellen Luigi Caiofa ist inzwischen von der Hauswand entfernt worden. Überall in Neapel prangen solche verherrlichenden Bilder. Valentino di Giacomo

Valentino di Giacomo war bei einigen dieser «Säuberungsaktionen» dabei. Angehörige und Anwohner reagieren dabei oft aggressiv. Sie sehen das Einschreiten der Staatsgewalt nur als Provokation.

Arbeiter übermalt Wandbild
Legende: Ordnungskräfte säubern Neapels Hauswände von verherrlichenden Bildern und Gedenktafeln, oft sehr zum Unmut von Angehörigen und Anwohnern. Valentino di Giacomo

Auch Vincenzo Russo, der Vater des verstorbenen Ugo, sieht sich als Opfer der Obrigkeit. «Wenn wir aus unseren Vierteln kommen, klebt uns schon der Dreck an den Schuhen. In der Stadt sieht man auf uns nur abschätzig herab. Dabei sind wir nicht jene, für die uns alle anderen halten».

In seinen Worten steckt Traurigkeit. Als ob Neapel sich von seinem sozialen Gefälle, vom gegenseitige Misstrauen zwischen Gut und Schlecht niemals lösen könne.

Das Wandbild von Ugo Russo bleibt vorerst erhalten. Das hat jetzt ein Gericht entschieden. Vielleicht lädt es doch noch zum Nachdenken ein: Darüber, was alles schiefläuft, wenn ein 15-Jähriger nachts in Neapel mit einer falschen Pistole einen Raubüberfall unternimmt.

10 vor 10, 19.04.2021, 21:50 Uhr

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Marcel Benjamin  (Benny)
    George Floyd malt man ja auch und wird verehrt als ob Kriminelle wirklich als Vorbild dienen sollen.
  • Kommentar von Katica Öri  (Katiöri)
    Die Probleme im Artikel beschrieben sind Hausgemacht bzw. Ort oder Land gemacht. Viele sehen weg aus Angst (verständlich). Solidarität gibt es fast keine unter Menschen den auch der kleinere Volk kann als Masse etwas bewirken. Im Italien haben Jugendliche kaum Perspektiv erstaunt mir nicht dass sie sich etwas aussuchen was da ist. Die Mafia ist sehr gut vorbereitet auf solche Menschen. Dieser Spiel kann nur gewonnen werden wenn Gruppen von Menschen lernen es noch besser zu spielen. Schwierig!
  • Kommentar von Ueli von Känel  (uvk)
    Traurig, und die Reiche Oberschicht hält dicht. Aber halt, wo hält die reiche Oberschicht nicht dicht. In Italien, die Mafia und die Politik, aber auch in der Schweiz (und sonst) herrscht „Omerta“ gegenüber den ungerecht seienden Reichen bis ganz Reichen, die vor allem von Rechtsbürgerlichen protegiert oder wenn nötig (im Fall von Kriminalität) häufig gedeckt werden. Aermeren Sozialbezügern jagt man Sozialdetektive auf den „Pelz“, oben die grossen Steuerdelinquenten lässt man weitgehend machen.
    1. Antwort von Bruno Müller  (Krötenprinz)
      Warum diskriminieren Sie immer wieder in Ihren Kommentaren die "reiche Oberschicht"? Reiche sind nicht per se schlecht und ungerecht, Arme aber gut und sozial. Ohne die Steuerabgaben der Reichen wäre Armut und Elend noch grösser.
    2. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Müller: kein Land kommt auf einen grünen Zweig, wenn es nicht eine möglichst breite Volksschicht am Erfolg teilhaben lässt. Wenn grosse Volksmassen in der Armut verharren wird logischerweise auch weniger gekauft und dies schadet letztendlich der Wirtschaft.
    3. Antwort von Ueli von Känel  (uvk)
      Herr Müller, indem ich Herrn Planta ergänze, folgendes: Das neoliberale System und die Reiche stützende Politik haben es in sich, dass die Reichen oben bleiben und gerade auch durch Politik, vor allem Rechtskonservativer, protegiert werden. Die Aermeren haben unten zu bleiben und zu schweigen und müssen sich - in der Schweiz - die Kontrolle z.B. durch Sozialdetektive gefallen lassen. Die Reichen werden kaum so kontrolliert. Deshalb: Ungeheuerlich Ihre Behauptung, dass ich Reiche diskriminiere.
    4. Antwort von Ueli von Känel  (uvk)
      Herr Müller: Das stimmt gar nicht, was Sie da behaupten, dass ohne die Steuerabgaben Reicher Arme noch ärmer wären. Denn trotz der Steuerabgaben nimmt der Reichtum Vermögender meist - und das schnell - weiter zu. Und dieses Geld kommt nicht vom Himmel, sondern wird letztlich dem Mittelstand und Aermeren entzogen. Und das hat eben schon Böses an sich. Halt eben doch: Was oben ist, bleibt oben, und was unten ist, wird systematisch unten festgehalten.
    5. Antwort von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
      @UvK
      1. Die Entwicklung der Einkommensschere ist vom Steuersystem abhängig und von der Masse der damit geleisteten Transferzahlungen - in der Schweiz nachgewiesenermassen sehr gross und mit den entsprechenden Auswirkung auf die Verteilungsgerechtigkeit (verhältnismässig konstanter Gini Koeffizient
    6. Antwort von Udo Gerschler  (UG)
      uvm.,doch sie diskriminieren indem sie Mörder und organisiertes Verbrechen entschuldigen sowie mit dem Finger auf Menschen zeigen und deren Lebensleistung nicht achten.
    7. Antwort von Ueli von Känel  (uvk)
      Herr Gerschler: Moment, das organisierte Verbrechen ist mehrheitlich von Reichen unterstützt oder angestiftet. Die Armen in Neapel unterstehen Reichen. Also, Arme unter der Knutte halten mit geraubten Geld und Gewaltandrohungen soll eine wertzuschätzende Lebensleistung sein? Nein, auf welcher Seite stehen Sie eigentlich?