Zum Inhalt springen
Inhalt

Baby-Raub in Franco-Diktatur Keine Zweifel an Schuld von Arzt – Tat verjährt

Der erste Prozess zu einem Babyraub in der Franco-Diktatur endet mit einem Freispruch. Die Klägerin kündigt Rekurs an.

Legende: Audio Spaniens geraubte Babies abspielen. Laufzeit 03:37 Minuten.
03:37 min, aus Echo der Zeit vom 08.10.2018.

Inés Madrigal weiss, dass ihre Mutter nicht ihre Mutter ist. Und sie weiss, wer dafür verantwortlich ist. 1969 wurde sie geboren, in der Madrider Klinik San Ramón. Aber der Geburtshelfer erklärte der Mutter, ihr Kind sei nach der Geburt gestorben.

Tatsächlich hatte er es einer anderen Frau übergeben, die selbst keine Kinder kriegen konnte. Das Kind, Inés Madrigal, erfuhr im Alter von 18, dass sie ein Adoptivkind war. Und erst viel später begann sie Verdacht zu schöpfen. Sie las in einer Zeitung von Kinderhandel zur Franco-Zeit. Da fiel auch der Name der Klinik, in der sie zur Welt gekommen war. 2012 hatte sie genügend Elemente, um eine Klage einzureichen.

Ein Frauenarzt im Bund mit der Kirche

«Ich weiss es nicht, ich erinnere mich nicht». Das waren im Prozess immer wieder die Antworten von Doktor Edurado Vela. Er war damals der diensthabende Gynäkologe, und er folgte der Weisung eines Jesuiten, das Kind solle einer anderen Frau «geschenkt» werden.

Vertreter der katholischen Kirche hatten in diesem Handel also die Hände im Spiel. Einvernommen werden können sie nicht, denn sie leben nicht mehr. Das ist ein Problem bei den Ermittlungen solcher Fälle. Die Verdächtigen sind meist schon sehr alt oder eben tot.

Frauenarzt Eduardo Vela.
Legende: Dem Frauenarzt Eduardo Vela (85) waren Entführung und Urkundenfälschung vorgeworfen worden. Die Staatsanwaltschaft forderte elf Jahre Haft. Keystone

Ausmass des organisierten Babyraubs noch nicht geklärt

Dennoch hat auch eine Kommission des Europäischen Parlaments zu untersuchen begonnen. Inés Madrigal ist kein Einzelfall. Es gibt den begründeten Verdacht, dass Babyraub während der Franco-Diktatur zwischen 1939 und 1975 Hunderte, vielleicht Tausende Male begangen wurde.

Zahlen und Beweiselemente sind teils sehr widersprüchlich. Und bis heute haben weder die spanische Justiz, noch die spanische Regierung grosse Anstrengungen unternommen, das Ausmass dieses Verbrechens und dessen Hintergründe zu klären.

Inès Madrigal macht Druck für weitere Untersuchungen

Genau dieses Defizit trieb Inés Madrigal an, ihren Fall vor Gericht zu bringen. Mehrfach erklärte sie, sie suche keine Entschädigung und wolle den über 80-jährigen Arzt Eduardo Vela nicht hinter Gitter bringen. Sie wolle, dass das Problem wahrgenommen werde und zu weiteren Untersuchungen führe.

Inès Madrigal will die spanische Gesellschaft wachrütteln und Druck machen auf die Politik, sich mit der spanischen Diktaturvergangenheit zu beschäftigen. Die sozialistische Regierung Spaniens will mit der Exhumierung Francos beginnen. Ihre weiteren Pläne sind noch nicht konkret. Aber diese Regierung ist schwach und möglicherweise nicht von langer Dauer. Und die Konservativen und Ciudadanos werben heftig um die Gunst der rechten Wählerschaft. Da rührt man das Thema Vergangenheit lieber nicht an.

Opfer des Babyraubs im Jahr 1969: Inés Madrigal am Montagmorgen bei der Ankunft beim Gericht.
Legende: Opfer des Babyraubs im Jahr 1969: Inés Madrigal am Montagmorgen bei der Ankunft beim Gericht. Keystone

Inés Madrigal will ihren Fall ans Oberste Gericht weiterziehen. In der Urteilsbegründung hörte man, die Klägerin hätte früher klagen können, um die Verjährung zu vermeiden. Dass sie das gar nicht tun konnte, weil sie erst spät von den wahren Zusammenhängen erfuhr, übergehen die Richter. Und dass nicht die Betroffenen ermitteln müssen, sondern die Justiz ebenfalls.

Auch das ist Ausdruck einer Haltung der Behörden, die lange schon kritisiert wird. Nichts ist geschehen. Aber der erste Baby-Raub-Prozess bringt vielleicht Bewegung. Wenn auch erst in der zweiten Runde.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

5 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Peter Imber (Wasserfall)
    Und auch da hatte die doch so um das Seelenwohl und die Moral der Menschen besorgte Kirche ihre ach so sauberen Hände im Spiel. Es ist nicht zu fassen!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Hans Klein (HansKlein)
    Das ist doch einfach nicht zu fassen! Nach wievielen Jahren ist denn für Eltern der Verlust eines Kindes "verjährt"? Erst recht wenn dieses Kind nicht gestorben ist, wie man sie anlog (auch Kirchenleute… gab es da nicht ein Gebot…?), sondern es ihnen geraubt wurde? Nach wievielen Jahren ist das Recht der Kinder auf Kontakt zu ihren leiblichen Eltern und Geschwistern "verjährt"? Sowas nennt sich "Rechtsstaat"? Und die Kirche immer mittendrin! Was, wenn nicht das, ist "Organisierte Kriminalität"?!
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Charles Dupond (Egalite)
    Einmal verjaehrt ist in Nochrechtsstaaten endgueltig verjaehrt. Die (respektierte statt verlaengerte oder gar nach Ablauf wieder aufgehobene Verjaehrung) verkennt, dass die Strafgewalt des Staates fuer die Verfolgung, die individuelle und die Massenabschreckung aktueller Verbrecher da ist, und nicht fuer ewige Rachefantasien von Opfern und deren politisch nur sehr selektiv ruehrige Kasten....
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Erich Singer (liliput)
      Was sie da schreiben ist ein Hohn und Spott gegenüber den Betroffenen. Was würden sie denn unternehmen wenn ihnen ein Kind weggenommen würde? Eine respektlose Haltung und äusserst beschämend!!
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Erich Singer (liliput)
      Vielleicht könnte da die spanische Juxtiz Licht in dieses dunkle Kapitel bringen.....
      Ablehnen den Kommentar ablehnen