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Wasserkrise in Kentucky
Aus Echo der Zeit vom 03.07.2019.
abspielen. Laufzeit 08:45 Minuten.
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Bakterien und Gifte «Wir trinken kein Leitungswasser»

Sauberes Trinkwasser ist in den USA keine Selbstverständlichkeit mehr. Arme, ländliche Gegenden können ihre Wassersysteme nicht mehr in Stand halten. Im ehemaligen Kohleabbau-Gebiet in den Appalachen ist die Lage besonders prekär.

Martin County in Kentucky war schon immer bitterarm: In Inez verkündete Präsident Lyndon B. Johnson 1964 seinen «Krieg gegen die Armut». Heute ist selbst die Kohleindustrie grösstenteils verschwunden, und Aussicht auf Aufschwung gibt es nicht. Die Infrastruktur verwuchert und verrottet, die Bevölkerung verarmt.

Von Grünzeug überwachsene Rohre.
Legende: Wo früher eine funktionierende Infrastruktur war, wuchert heute nur noch die Natur. SRF/Isabelle Jacobi

Im Seniorenzentrum von Inez gibt das Hilfsprogramm «Meals on Wheels» jeden Mittag gratis Mahlzeiten für Bedürftige aus.

Senioren an einem Tisch im Seniorenzentrum.
Legende: Die Senioren in Inez sind teilweise auf Hilfsprogramme angewiesen. Das Wasser aus dem Hahn trinken sie nicht. SRF/Isabelle Jacobi

Den Service beanspruchen nicht Randständige, sondern die gepflegte Seniorin, der pensionierte Kohlearbeiter, die junge Mutter und der Lokal-Journalist.

«Wir trinken kein Leitungswasser», sagen die Anwesenden unisono, «auch wenn die Behörden nun behaupten, es sei alles wieder in Ordung». Ihr Trinkwasser kaufen sie im Supermarkt für teures Geld ein.

Gary Ball, Journalist und Redaktor des lokalen Wochenblatts «Mountain Citizen» schreibt seit vielen Jahren über das marode Wassersystem von Martin County.

Gary Ball sitzt rauchend in seinem Auto.
Legende: Für Journalist Gary Ball ist die Korruption der Lokalbehörden Grund für die Trinkwassermisere im Martin County. SRF/Isabelle Jacobi

Er weist die Schuld für die Trinkwasserkrise in Martin County den korrupten Lokalbehörden zu. Auf einer Fahrt durch das 600-Seelendorf zeigt er, wie sie Geld mit sinnlosen Bauprojekten verschleudert hatten. Das neue Regierungsgebäude kostete 20 Millionen Dollar.

Das neue Regierungsgebäude des Martin County.
Legende: Während die Infrastruktur verrottet, haben die Lokalbehörden in Inez ein neues Regierungsbäude bauen lassen. SRF/Isabelle Jacobi

Geld, das man dringend für eine Sanierung des Wassersystems hätte brauchen können. Das Trinkwasserproblem in Martin County begann im Jahr 2000, als der Abwasser-Damm einer Kohlemine brach. Das Grundwasser wurde durch den Vorfall für viele Jahre lang vergiftet. Dann verseuchten Chemikalien der Reinigungsanlage das Wasser. Heute sind die lecken Leitungen das Hauptproblem, denn bei den undichten Stellen dringen Bakterien und Gifte ins Leitungswasser. «Die Behörden haben die Zustände lange ignoriert», sagt Nina Mc Coy. «Heute fehlt uns das Vertrauen.»

Nina Mc Coy sitzt lachend an einem Tisch.
Legende: Die Aktivistin Nina Mc Coy kämpft gegen die Missstände im Martin County. SRF/Isabelle Jacobi

Die Aktivistin ist Mitglied der Bürgergruppe «Martin County Concerned Citizens». Diese Gruppe begann 2016, öffentlich gegen das verseuchte Trinkwasser von Martin County anzukämpfen.

Protestschild gegen das verschmutzte Trinkwasser an einer Tür.
Legende: Mit der Bürgergruppe «Martin County Concerned Citizens» hat sich der Protest formiert. SRF/Isabelle Jacobi

Schützenhilfe erhält die Bürgergruppe von der jungen Anwältin Mary Cromer vom «Appalachian Law Center».

Anwältin Mary Cromer steht auf einer Veranda.
Legende: Mit der Anwältin Mary Cromer macht die Gruppe Druck auf die Behörden – mit ersten Erfolgen. SRF/Isabelle Jacobi

Ihre gemeinsamen Aktionen fanden bei der Kommission für öffentliche Dienstleistungen des Gliedstaats Kentucky Gehör. 2016 eröffnete sie eine Untersuchung, die die Missstände bei der Wasserbehörde von Martin County aufdeckte. Die hoch verschuldete Wasserbehörde steht nun unter Aufsicht. Anfang Jahr brach das Wassersystem vollständig zusammen, neun Tage lang wurde das Wasser abgestellt.

Marode Rohre liegen neben einem kleinen Bagger.
Legende: Für Marc Edwards von der Technischen Universität Virginias sind die Arbeiten am Wassersystem «Verzweiflungstaten». SRF/Isabelle Jacobi

Inzwischen haben die Flickarbeiten begonnen. Lecks werden gestopft, alte Hauptleitungen sollen bald ersetzt werden. «Das sind Verzweifungstaten,» sagt Wasser-Ingenieur Marc Edwards von der Technischen Universität Virginias. «Sie versuchen das anitquierte Wassersystem mit Klebeband und Draht aufrecht zu erhalten. Eigentlich bräuchten sie ein neues Wassersystem, aber können es sich nicht leisten.»

In den USA herrscht bezüglich Trinkwasser ein radikaler Infrastruktur-Föderalismus. Die lokalen Bezirke, die Counties, sind selber verantwortlich für ihre Infrastruktur. «Wir erhalten kein Geld vom Staat Kentucky, bloss Auflagen», sagt John Hensley. Er sitzt im neu besetzten Verwaltungsrat der Wasserbehörde von Martin County.

John Hensley sitzt lächelnd vor Blumen.
Legende: Das Lächeln täuscht. John Hensley von der Wasserbehörde des Martin County blickt pessimistisch in die Zukunft. SRF/Isabelle Jacobi

Die Wasserreinigungsanlage funktioniere wieder und das Wasser halte derzeit die gesetzlichen Grenzwerte ein, sagt Hensley. Bloss wie lange? Im Moment hält eine Bundesnothilfe von 8 Millionen Dollar den maroden Bezirk über Wasser. Ist das Geld aufgebraucht, steht er wieder alleine da mit seinen Armutsproblemen.

Aussenansicht auf ein grösstenteils leer stehendes Geschäftsgebäude.
Legende: Ohne sauberes Trinkwasser, keine Industrie. Keine Industrie, kein Geld. Die Region steckt in der Abwärtsspirale. SRF/Isabelle Jacobi

Hensley gibt zu, dass die Aussichten – trotz allen Bemühungen – schlecht sind: «Ohne Kohleindustrie haben wir kein Geld, um die Infrastruktur zu sanieren. Unsere politische Führung muss neue Industrien anziehen. Aber wenn wir kein sauberes Wasser haben, schreckt das ab», beschreibt Hensley die Abwärtsspirale, in der sich viele ländliche und post-industrielle Regionen in den USA befinden.

Karte der USA mit Kentucky, dem Martin County und Inez.
Legende: SRF
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32 Kommentare

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  • Kommentar von Günter Rieker  (guedi)
    Auch in der Schweiz ist das Leitungswasser nicht so unbedenklich, wie uns immer vorgaukelt wird. Bei uns ist daran nicht die verlotterte Infrastruktur schuld, sondern die tonnenweise versprühten Pestizide. Vor ein paar Wochen wurde z.B. das in der EU verbotene, aber in CH immer noch verwendete Pilzgift Chlorothalonil in 10% der Trinkwasserfassungen nachgewiesen.
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  • Kommentar von Bendicht Häberli  (bendicht.haeberli)
    Eine Katastrophe! Seit 30 Jahren ist Trump der erste Präsident, der die Infrastrukturen wieder auf Vordermann bringen will. Selber war ich noch nie in den USA, habe aber viele Bekannte, die mir von den katastrophalen Zuständen berichtet haben. Es bringt nichts bei den Nachbarn zum Rechten zu sehen, wenn zu Hause das Chaos herrscht. Trump hat jetzt, wenn er wiedergewählt wird, 6 Jahre Zeit in den USA wieder für sauberes Trinkwasser zu sorgen.
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    1. Antwort von M. Fretz  (MFretz)
      Tja als ob er was tun würde. Gibt kein Prestige wie lustige Fotos mit Kim auf der DMZ
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  • Kommentar von Andrea Esslinger  (weiterdenken)
    Make America great again wird ein Generationenprojekt, das wohl scheitern wird. Angst machen vor diesem Hintergrund die Nuklearsprengkörper.
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