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«Buchhalter von Auschwitz» Beihilfe zum NS-Massenmord: Gericht bestätigt Urteil

Durch den Entscheid des deutschen Bundesgerichtshofs könnten auch andere Holocaust-Handlanger spät zur Rechenschaft gezogen werden.

Das Wichtigste in Kürze

  • Der deutsche Bundesgerichtshof bestätigt erstmals ein Urteil wegen Beihilfe zum Massenmord in einem NS-Konzentrationslager.
  • Verurteilter ist der heute 95-jährige Oskar Gröning, der «Buchhalter von Auschwitz».
  • Dank des Entscheids ist laut Experten der Weg frei für weitere Prozesse.
  • Ob der hochbetagte Gröning ins Gefängnis muss, bleibt unklar.
Legende: Video Die Verurteilung des «Buchhalters von Auschwitz» (Archiv) abspielen. Laufzeit 01:00 Minuten.
Aus 10vor10 vom 15.07.2015.

Es ist ein Entscheid mit Signalwirkung: Der deutsche Bundesgerichtshof (BGH) hat zum ersten Mal eine Verurteilung wegen Beihilfe zum Massenmord in einem nationalsozialistischen Vernichtungslager höchstrichterlich bestätigt. Dabei geht es um den Fall des früheren SS-Manns Oskar Gröning.

Der Schuldspruch gegen den 95-Jährigen sei rechtskräftig, sagte Grönings Verteidiger Hans Holtermann der Nachrichtenagentur dpa in Karlsruhe. Zuerst hatte die «Bild»-Zeitung darüber berichtet. Vom BGH lag zunächst keine Bestätigung vor.

Geld verschleppter Juden verwaltet

Gröning war im Juli 2015 in einem der letzten grossen Auschwitz-Prozesse vom Landgericht Lüneburg (Niedersachsen) zu vier Jahren Haft verurteilt worden. Er hatte eingeräumt, das Geld der verschleppten Juden verwaltet und die Ankunft der Transporte mit beaufsichtigt zu haben. Das Gericht wertete das als Beitrag zum Funktionieren der nationalsozialistischen Tötungsmaschinerie.

Damit wurde Gröning sieben Jahrzehnte nach dem Holocaust wegen Beihilfe zum Mord in 300'000 Fällen verurteilt, ohne dass er an einzelnen Mordtaten direkt beteiligt war. Revision dagegen eingelegt hatten Gröning selbst sowie mehrere Nebenkläger.

Werden weitere Prozesse folgen?

Mit dem jüngsten Urteil wäre der Weg frei, auch anderen hochbetagten Handlangern des NS-Regimes in Deutschland den Prozess zu machen. Ob Gröning ins Gefängnis muss, hängt von seiner Gesundheit ab.

Jahrzehntelang wurden am Holocaust Beteiligte nicht zur Verantwortung gezogen, weil sie zwar Rad im Getriebe waren, aber nicht selbst getötet hatten.

Eine Wende leitete erst das Münchner Urteil gegen den früheren Sobibor-Aufseher John Demjanjuk von 2011 ein. Aber dessen Verurteilung wegen Beihilfe zum Mord an 28'000 Juden wurde nie rechtskräftig, weil Demjanjuk vorher in einem Pflegeheim starb.

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16 Kommentare

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  • Kommentar von Philipp Etter (Philipp Etter)
    Es ist richtig, diese Täter zu verurteilen und trotzdem mutet es komisch an, 95jährige Pflegefälle zu "lebenslänglich" zu verurteilen. In spätestens zehn Jahren ist der Spuk zu Ende, die deutsche Öffentlichkeit durch solche Verfahren immer mal wieder an ihre Kriegsschuld zu erinnern. Wann endlich werden die USA und England, welche dank Luftaufklärung bereits Jahre vor Kriegsende wussten, wo die KZ's lagen an den Pranger gestellt?? Warum wurden weder Schienen noch Strassen systematisch gebombt??
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  • Kommentar von Susanne Lüscher (Lol)
    Das Schlimme ist, dass damals sehr wenige Verantwortliche oder Beihelfer verurteilt wurden. Verweise hier noch einmal auf Gladio - die bewiesenen Geschichten sind zum Kotzen, vor allem in Anbetracht dessen, dass unsere Verantwortlichen den für Gladio Zuständigen jeden Mist glauben. Man kann leicht Ähnlichkeiten in Hinblick auf Terroranschläge in Europa erkennen oder auch wenn man genauer hinschaut, was für Leute in der Ukraine an der Macht sind.
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  • Kommentar von Franz NANNI (Aetti)
    Diese alten Knoecheriche wissen ja oft nicht einmal mehr ihren eigenen Namen.. hier wird Recht zur Farce.. getan haette frueher muessen....
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    1. Antwort von Michael Räumelt (Wirtschaftskanzlei)
      Wäre nicht möglich gewesen in der von "Nazi verseuchten Elite der BRD" wie zB. H.D Genscher-Karl Carstens-Kissinger-Walter Scheel-Horst Ehmke usw. usw. Alleine in Willy Brandts Kabinett sassen 12 ehemalige Nationalsozilisten, ganz zu schweigen von Adenauers braune Socken.Ach wie Sauber doch die BRD war und ist......einfach zum kotzen.
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    2. Antwort von Albert Planta (Plal)
      Räumelt: Gefährlich sind Objekte wie sie , die mit Falschmeldungen im Internet herumgeistern.
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    3. Antwort von Marcel Chauvet (xyzz)
      @"Wirtschaftskanzlei" Vom moralischen Standpunkt mögen Sie recht haben. Aber Adenauer und seine Nachfolger und nicht nur die brauchten diese flexiblen Wendehälse in der Verwaltung, Justiz, Wissenschaft und Forschung, Gewerbe etc.nach dem Zusammenbruch für den Wiederaufbau Deutschlands, der schließlich glänzend gelungen ist. Berufsverbote wären dabei kontraproduktiv gewesen. Ob Sie das in der Schweiz "einfach zum Kotzen" finden, spielt dabei keine Rolle.
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