Bericht zum Irakkrieg: sieben Jahre, 2,6 Millionen Wörter

Tony Blair hat sein Land 2003 in den Irakkrieg geführt. Voreilig – wie im heute veröffentlichten Chilcot-Bericht steht. Eine Sisyphus-Arbeit war das Werk, das 12 Bände und 2,6 Millionen Wörter beinhaltet.

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Chilcot-Bericht belastet Tony Blair

2:04 min, aus Tagesschau am Mittag vom 6.7.2016

Hat Tony Blair damals, 2003, mit gezinkten Karten gespielt, über angebliche Chemiewaffen im Irak die Unwahrheit gesagt? Der Entscheid war zumindest voreilig. Ein seit langem erwarteter Untersuchungsbericht bringt nun Licht ins Dunkel. Dies sind die Fakten zum «Chilcot-Bericht», der 2009 vom damaligen Premier Gordon Brown ins Rollen gebracht wurde:

  • Wie lange ist der Bericht und wo kriegt man ihn?

Der Bericht ist sehr lang. Das ist die kurze Antwort auf die Frage. Es wird vermutet, dass er 2,6 Millionen Wörter enthält. Es gibt 12 Bände sowie eine Zusammenfassung. Die Arbeitsgruppe sichtete 150'000 Dokumente. Auf 7000 verliess sie sich für den Bericht. 1500 sollen online veröffentlicht werden.

Trauernde Familien bekommen eine ausgedruckte Version des Berichts. Zunächst hätten die Familien 800 Pfund für ein Exemplar bezahlen sollen – doch dies gab einen Aufschrei in der Öffentlichkeit. Jedermann kann auf einer eigens eingerichteten Webseite die Online-Ausgabe des Berichts lesen.

Bekannte Werke im Wörter-Vergleich

Der Chilcot-Bericht
2.6 Millionen Wörter
Die «Harry Potter»-Serie von JK Rowling
1 Million Wörter
Alle Werke von William Shakespeare
885'000 Wörter
Die Bibel
775'000 Wörter
«Krieg und Frieden» von Leo Tolstoy
587'000 Wörter
Die «Herr der Ringe»-Trilogie von JRR Tolkien
455'000 Wörter
«Mein Kampf» von Adolf Hitler
271'000 Wörter
  • Warum hat es mit der Fertigstellung so lange gedauert?

Eigentlich hätte der Bericht innert zwei Jahren fertiggestellt sein sollen. Jetzt hat es fast sieben Jahre gedauert – länger als die britischen Truppen überhaupt im Irak waren.

Der Grund ist, dass die Arbeitsgruppe den noch nie dagewesenen Umfang der Untersuchung unterschätzt hat. Und auch die Zeit, die es dauerte, die 150‘000 Dokumente zu studieren.

In den Jahren 2013 und 2014 gab es Verzögerungen, weil die britische Regierung den Email-Verkehr zwischen Tony Blair und George W. Bush nicht freigeben wollte. Zudem wollten viele Zeugen ihre Aussagen nicht publiziert sehen. Im Jahr 2012 erkrankte zudem ein Mitglied der Arbeitsgruppe, dieses starb 2015.

  • Was ist der Sinn und Zweck des Berichts?

Der Bericht soll keinen Blick auf die Rechtmässigkeit der Handlungen von Personen werfen. Deshalb kann er auch nicht klären, ob die Invasion in Irak von 2003 legal war oder nicht.

Die Hinterbliebenen der 179 britischen Opfer des Krieges befürchten, dass der Bericht versuchen wird, die Verantwortlichen reinzuwaschen und er nicht die erhofften Antworten vermittelt.

Wer spielte im Jahr 2003 welche Rolle?

Tony Blair
Premierminister
Ihm wird vorgeworfen, er habe die Bedrohung durch Saddam Hussein und seine angeblichen Massenvernichtungswaffen massiv aufgebauscht, um die Invasion zu rechtfertigen.
Jack Straw
AussenministerEr muss mit äusserst harscher Kritik rechnen zu seiner Rolle sowohl im Vorfeld der Invasion als auch in der Nachkriegszeit bei der Besetzung von Basra.
Sir Richard Dearlove
Chef des Auslandsgeheimdiensts MI6
Er hat Tony Blairs Einschätzungen zu Geheimdienstinformationen bezüglich angeblichen Massenvernichtungswaffen nicht korrigiert. Dies hätte aufzeigen können, dass Blair die Bedrohung, die von Irak ausging, aufgebauscht ist.
Alistair Campbell
Direktor für Kommunikation und Strategie
Er beaufsichtigte die Publikationen zu den angeblichen Massenvernichtungswaffen, die dazu benutzt wurden, die Öffentlichkeit von der Notwendigkeit eines Kriegs zu überzeugen.
Geoff Hoon
VerteidigungsministerEr war verantwortlich für das britische Militär in Irak. Gewisse Soldaten sind verletzt oder getötet worden wegen mangelhafter Ausrüstung.
  • Welches sind die wichtigsten Zeugen?

Über 150 Personen lieferten Beweise für die Untersuchung und über 130 Zeugen wurden mündlich befragt. Es gilt als wahrscheinlich, dass Tony Blair selbst zwei Mal befragt wurde – in den Jahren 2010 und 2011. Auch der damalige Schatzkanzler Gordon Brown wurde befragt sowie der Aussenminister Jack Straw und der Verteidigungsminister Geoff Hoon.

John Chilcot bei einer Rede zu seinem Bericht im Jahr 2009. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: John Chilcot bei einer Rede zu seinem Bericht im Jahr 2009. Keystone

Andere bekannte Zeugen waren der ehemalige UNO-Waffeninspektor Hans Blix, der ehemalige Armeechef General Sir Richard Dannatt und der Spionagechef Sir Richard Dearlove.

  • Wer ist Sir John Chilcot?

Nach ihm ist der Bericht benannt. Er ist der Vorsitzende der Arbeitsgruppe. Chilcot wurde 1939 geboren und absolvierte eine Beamten-Karriere. Er war beispielsweise Staatssekretär im Nordirland-Büro während der letzten Jahre der Wirren. Zur Arbeitsgruppe zählen ausser Chilcot noch vier weitere Personen, von denen eine 2015 verstarb.

  • Wie viel kostet der Bericht den Steuerzahler?

Der Chilcot-Bericht kostet rund 10 Millionen Pfund. John Chilcot erhielt 790 Pfund pro Tag (ca. 1000 Franken), die übrigen Mitglieder der Arbeitsgruppe kassierten 565 Pfund pro Tag.

  • Wie geht es weiter?

Die Familien der Soldaten, die im Irak starben, hoffen, dass aufgrund des Berichts eine Strafverfolgung gegen die Verantwortlichen des Kriegs möglich ist.

179 britische Soldaten liessen von 2003 bis 2009 ihr Leben im Irak, Hundertausende Iraker starben im Krieg und in der folgenden Welle der Gewalt zwischen Sunniten und Schiiten. Die von den Amerikanern und Briten geführte Invasion zerstörte die prekäre Machtbalance in Bagdad. Ein UNO-Mandat für den Krieg gab es nicht.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Entscheid «in gutem Glauben»

    Aus Tagesschau vom 6.7.2016

    Der damalige britische Premier Tony Blair zeigt sich reuig, aber auch unnachgiebig. Er sei der Überzeugung gewesen, im «besten Interesse des Landes» zu handeln.

  • Verzweifelte Lage im Irak

    Aus Tagesschau vom 12.8.2014

    Im Irak-Krieg sitzen Zehntausende in der Falle der IS-Dschihaddisten – oft ohne Wasser und Nahrung bei brütender Hitze. Derweil verliert Regierungschef Al-Maliki zunehmend an Rückhalt. Nahost-Korrespondent Pascal Weber berichtet aus dem Konfliktgebiet.

  • 10 Jahre Irak-Krieg

    Aus Tagesschau vom 19.3.2013

    Vor 10 Jahren begann das Abenteuer, an das sich kein Amerikaner mehr gern erinnert: Der Krieg im Irak, der ohne Sieg endete. Noch immer ist der Irak ein Pulverfass, was die heutigen Anschläge in Bagdad mit 50 Toten deutlich macht. Eine wirkliche Demokratie gibt es nach wie vor nicht, und eine nationale Versöhnung zwischen Sunniten und Schiiten ist ebenfalls in weiter Ferne.

  • «Du kannst hier nicht sagen, der Irakkrieg war falsch»

    Aus 10vor10 vom 18.3.2013

    Vor zehn Jahren griffen die USA, wie sich nachträglich herausstellte grundlos, den Irak an. Unter dem Vorwand, der damalige Diktator Saddam Hussein sei im Besitz von Massenvernichtungswaffen, marschierten die US-Truppen im Irak ein. Die US-Kriegsveteranen kämpfen heute mit posttraumatischen Stresserkrankungen und versuchen, ihren Einsatz zu rechtfertigen – zu vielen dringt die Kritik bis heute nicht durch.