Privat-Milizen tauchten im August 2017 bei den Zusammenstössen zwischen rechten und linken Aktivisten in Charlottesville, Virginia, auf. Die Öffentlichkeit reagierte schockiert: Wer sind diese schwerbewaffneten Männer in selbstgebastelten Uniformen, die rechtsextreme Aufmärsche begleiten?
Die Rolle der Milizen ist umstritten: Die linke Denkfabrik Southern Poverty Law Center sieht in ihnen staatsfeindliche Paramilitärs mit rechtsextremen Wurzeln. Sie selber sehen sich als patriotische Verfassungsschützer.
Christian Yingling, ein Navy-Veteran, führte den Einsatz der «Pennsylvania Lightfoot Militia» in Charlottesville. Es ist ihm ein Anliegen, das schlechte Image seiner Miliz-Truppe zu korrigieren. Er distanziert sich im Nachhinein von den rechtsextremen Gruppen, die in Charlottesville aufmarschiert waren. Die Mission seiner Miliz sei es gewesen, alle Demonstranten zu schützen, auch linke. Zwar sei er wie alle Milizsoldaten politisch konservativ ausgerichtet, aber in Uniform agiere er politisch neutral, sagt Yingling.
Die Milizionäre machen sich im Lager in einem entlegenen Waldstück auf Privatgrund bereit für die Übung; sie überprüfen das Material, Schusswaffen und Funk. Die SRF-Reporterin darf alles aufnehmen, die heutige Übung steht im Zeichen der Transparenz. Anwesend sind auch ein Kollege vom Tessiner Radio RSI und ein Magazin-Journalist aus Norwegen.
Die Milizen sehen die Prinzipien der US-Verfassung in Gefahr, insbesondere deren zweiter Zusatzartikel, der US-Bürgern das Recht garantiert, sich zu bewaffnen. Das Ausmass dieses Rechts ist politisch und juristisch stark umstritten. Die Milizen beziehen ihre Daseinsberechtigung direkt aus dem 2nd Amendment: «Da eine wohlgeordnete Miliz für die Sicherheit eines freien Staates notwendig ist, darf das Recht des Volkes, Waffen zu besitzen und zu tragen, nicht beeinträchtigt werden.» Die in West Virginia anwesenden Milizen fühlen sich sehr wohlgeordnet.
Sie verstehen sich als Patrioten, die ultimativ die US-Verfassung schützen, wenn der Staat versagt. Einige der rund fünfzig Teilnehmer sind Armeeveteranen, die nach dem Dienst eine Kontinuität suchten. Die meisten sind Männer, die eigentlich gerne Soldaten geworden wären. Mehrere erzählen, dass sie nach einer persönlichen Sinnkrise und Drogenproblemen der Miliz beigetreten seien.
Milizionäre aus diversen US-Gliedstaaten und von verschiedenen Organisationen nehmen an der Übung teil, hier drei Männer aus Maryland. Gemeinsam suchen sie Zusammenhalt in der Waffenbruderschaft. «Es geht uns um viel mehr als um das Herumballern», versichern sie.
Aber das Schiessen ist dann doch wichtig... zunächst einmal das Einschiessen, denn die Übung der Milizen findet mit scharfer Munition statt.
Von der Colt AR-15 über Sig Sauer bis zur Kalaschnikow – das Waffenarsenal ist enorm. Es handelt sich vor allem um halbautomatische Gewehre, automatische Schusswaffen sind in den USA strenger reguliert und dem Militär vorbehalten. Aber einige würden so genannte «Bump Stocks» verwenden, sagt ein Milizionär. Sie verwandeln halbautomatische Waffen in Schnellfeuerwaffen.
Die «Action» beginnt – drei Kampfverbände robben durch den Wald, um eine zwischen den Fronten gefangene Truppe zu befreien. Die Luft ist feucht, die Moskitos stechen.
Unterwegs machen sie «Feindeskontakt», in Form von Pappsoldaten, auf diese Zielscheiben wird scharf geschossen. Das feindliche Camp, das Ziel, ist mit einer Konföderierten-Flagge behängt. Die Botschaft sei, dass auch militante Rechtsbewegungen zum Feind werden können, sagt Übungs-Kommandant Corey Miller.
Die Milizionäre wissen aber auf Nachfrage nichts von einer solchen «Lehre». Und dass eine Konförderierten-Flagge ausgehängt ist, scheint sie nicht zu erstaunen. Vielleicht war die Botschaft mehr für die Journalisten gedacht als für die Milizsoldaten?
Fast wie im realen Krieg – «verletzte» Soldaten werden in Sicherheit gebracht. Die Sicherheitsvorkehrungen wirken professionell, die Truppenbewegungen werden von der Kommandozentrale per Funk koordiniert, der Verteidigungs-Perimeter 360 Grad geschützt.
Die Milizionäre beim Debriefing oder, millitärisch gesprochen, dem «Action Report». Ein Armeeveteran ist kritisch: «Ihr wärt alle tot – im Ernstfall freut man sich nicht, wenn man auf den Feind trifft und schiesst los, sondern man geht in Deckung, und zwar so schnell wie möglich. Der Ernstfall ist kein Spass.»
Christian Yingling ist glücklich über den Ausgang der Übung. Gegenüber den anwesenden Reportern hat er Gastfreundschaft und Offenheit bewiesen. Aber ganz am Schluss, bei der Verabschiedung, sagt er zu mir: «Schreib bloss keine Fake News, ich weiss, wo Du wohnst.»
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