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«Bring Back Our Girls»
Aus Echo der Zeit vom 10.09.2019.
abspielen. Laufzeit 06:30 Minuten.
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Boko Haram in Nigeria «Die Zivilgesellschaft wird stärker und mutiger»

Aus einer Schule im nigerianischen Chibok wurden 2014 fast 300 Mädchen von der Terrormiliz Boko Haram entführt. Nach über 3 Jahren Gefangenschaft werden 107 Mädchen wieder freigelassen. Die Geschichte von Chibok hat die Gesellschaft in Nigeria verändert, meint Stefan Klein, der mit drei der freigelassenen Mädchen sprechen konnte.

Stefan Klein

Stefan Klein

Journalist und Autor

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Der Deutsche hat das Buch «Boko Haram: Terror und Trauma» geschrieben. Für seine Reportage über den Maidanek-Prozess (1978) und die Reportage «Blutsauger im Akkord» (1980) erhielt er jeweils den Egon-Erwin-Kisch-Preis.

SRF News: Warum waren Sie von den Schilderungen der Mädchen überrascht?

Stefan Klein: Mich hat überrascht, dass sich diese Entführung offenbar ganz anders zugetragen hat, als man das landläufig annehmen würde. Die Entführer haben sich sehr viel Zeit gelassen. Zum Schluss, als sie die Mädchen aufgefordert haben, sich am Eingangstor der Schule einzufinden, haben Sie das Ganze noch gefilmt. Das war ungefähr so, als würde man den Beginn eines Schulausflugs dokumentieren wollen.

Boko Haram fühlte sich also sicher. Was sagt das über die nigerianischen Sicherheitskräfte aus?

Das sagt vor allem etwas über die Stärke von Boko Haram aus. Und es zeigt die Schwäche des nigerianischen Staates, vor allem der nigerianischen Armee. Das Militärbudget stellt jedes Jahr einen der grössten Posten im nigerianischen Bundeshaushalt dar, bei der kämpfenden Truppe aber kommt davon sehr wenig an. Vor allem die Generäle, von denen es in der nigerianischen Armee überdurchschnittlich viele gibt, nutzen jede Gelegenheit, Gelder abzuzweigen und in die eigene Tasche umzuleiten. Da bleibt für die Leute an der Front so gut wie nichts mehr übrig.

Entführte Mädchen am Boden.
Legende: Noch immer befinden sich Mädchen in der Hand von Boko Haram. Keystone/Archiv

Nach der Entführung passierte etwas Bemerkenswertes: Es gab ein Aufbäumen der Zivilgesellschaft, eine Gruppe von Aktivistinnen formierte sich mit der klaren Forderung, die Mädchen nach Hause zu bringen. Was zeichnet diese Bewegung aus?

Diese Bewegung ist ein hoffnungsvolles Zeichen für die nigerianische Demokratie, welche schwach ausgeprägt ist. Die Zivilgesellschaft wird lauter und mutiger.

Ein gutes Beispiel ist die Gruppe «BBOG», also «Bring Back Our Girls». Das sind Frauen und Männer, die sich gleich nach der Entführung zusammengefunden haben und sich seither jeden Tag in der Hauptstadt Abuja treffen, um zu zeigen, dass man für die Mädchen da ist.

Bringt das etwas?

Der Druck der Bewegung hat dazu geführt, dass sich die Regierung zweimal dazu bereit erklärt hat, einen Austausch von Mädchen gegen Boko-Haram-Kämpfer stattfinden zu lassen. Ohne den Druck von der Strasse hätte dieser Austausch nicht stattgefunden.

Die Mädchen aus Chibok haben in gewisser Weise von ihrem «Promistatus» profitiert.

Manche der Mädchen sind freigekommen. Die Regierung versprach ihnen medizinische Hilfe, psychologische Betreuung sowie gute Bildung. Wurden diese Versprechen eingehalten?

In diesem Fall wurden sie tatsächlich eingehalten. Die Regierung wollte sich mit dem Erfolg dieser Freilassung von über hundert Mädchen schmücken. Die Mädchen bekommen bis zum heutigen Tag psychologische Hilfe. Wenn «normal» Gefangene von Boko Haram freikommen oder flüchten, landen sie normalerweise in einem Elendslager, wo sich kaum einer um sie kümmert. Die Mädchen aus Chibok haben in gewisser Weise von ihrem «Promistatus» profitiert.

Frau in rotem Gewand.
Legende: Die Frauen und Männer von «BBOG» kämpfen für die entführten Mädchen. Keystone

Wie nachhaltig war die Aktion der Zivilgesellschaft?

Es wirkt nach. Andere Gruppen haben sich inzwischen gebildet und kopieren den Singsang der «BBOG-Gruppe»: Dort heisst es jeweils zu Beginn «What are we demanding?», dann heben die anderen die Faust und rufen «Bring Back Our Girls». Diesen Slogan hören wir nun auch bei anderen Gruppen. Das zeigt, dass diese Aktivistengruppe Schule gemacht hat und dass die Zivilgesellschaft stärker und mutiger wird.

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7 Kommentare

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  • Kommentar von Harald Buchmann  (Harald_Buchmann)
    Warum liegt der Fokus hier jetzt auf der “Zivilgesellschaft“? Was Nigeria offenbar fehlt ist eine schlagkräftige, gut organisierte Armee. Innerdemokratische Fraktionskämpfe sind das letzte was so ein Land jetzt braucht. Da wäre ein demokratischer Zentralismus (Leninismus) wohl effektiver im Moment.
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    1. Antwort von Hans Haller  (panasawan)
      Gooht's no ? - China ist nicht überall. Und eine "gute, schlagkräftige Armee" würde da in Nigeria wahrscheinlich nur einen Despoten schützen und die Zivilgesellschaft eher unterdrücken wollen.
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  • Kommentar von Norbert Zehner  (ZeN)
    "Zivilgesellschaft", aus dem Jargon der links-grün-progressiven Identitäts-Politik, niemand weiss allerdings, was genau diese "Zivilgesellschaft" so genau ist, kann situativ der jeweiligen Gegebenheiten angepasst werden, wie grad so ins Narrativ passt. Welche anderen Gesellschaften gibt's denn sonst noch in der heutigen Zeit?
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    1. Antwort von Reto Camenisch  (Horatio)
      Zivilgesellschaft bedeutet, wie im Artikel beschrieben, Leute die sich aus persönlicher Betroffenheit zusammentun, und Andere, welche solche Leute unterstützen. Ein Beispiel in der Schweiz, unter vielen, 'Marche Blanche', Initiativen gegen Pädophilie.
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    2. Antwort von Stefan Olarte  (Oikaner)
      Lobbies, Oligarchen, Monopole, Zentralisten, Totalitaristen, den Elfenbeinturm der Wissenschaft, Eliten, Geheimgesellschaften, den "inner cirlce" der Psychiaterinnen, religiöse Gruppierungen, Staatskapitalisten, Behörden, Verwaltungen, etc.

      Weder Markt noch Staat, sondern deren Fundament.

      Der Begriff ist schon in der Antike belegt. Dort unter anderem im Zusammenhang mit freien Bürgern.

      Ich wusste nicht, dass die links-grün-progressiven als einzige dieses Wort gebrauchen würden.
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    3. Antwort von Walter Strittmatter  (WalterStrittmatter)
      So ein Unsinn. Der Begriff der Zivilgesellschaft wurde schon in der Antike verwendet und hat nichts mit links-grün-progressiv zu tun. Erklärungen zum Begriff finden sich in jedem guten Lexikon.
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    4. Antwort von Harald Buchmann  (Harald_Buchmann)
      Zivil ist eigentlich das Gegenteil von militärisch, wird heute aber auch als amateurhaft im Gegensatz zu professionell verwendet. Ob Boko Haram allerdings Zivilisten fürchtet wage ich sehr zu bezweifeln.
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