Briten im Paradies – dunkle Wolken über der Costa del Sol

Fast 400‘000 britische Expats leben in Spanien. Die meisten von ihnen sind Rentner. Und sie machen sich Sorgen – jetzt, nach dem Brexit-Entscheid. Um die kostenfreie Gesundheitsversorgung. Um tiefere Renten. Doch viele von ihnen befürworten den Austritt Grossbritanniens aus der EU.

Blick auf das Mittelmeer von einer von Briten bewohnten Residenz an der spanischen Costa del Sol. (pd) Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Den Fuss vom Gaspedal und kaum Regen – das suchen viele ältere Briten in Spanien. Doch die Zeiten sind unsicherer. pd

Über eine Million britische Expats leben in anderen europäischen Staaten. Die meisten von ihnen unter der wärmenden, spanischen Sonne. Bisher konnten sie dort problemlos arbeiten – oder das Rentenalter geniessen. Doch seit dem Brexit-Entscheid ziehen auch über der Costa del Sol dunkle Wolken auf. Denn viele Briten sind verunsichert. Eine von ihnen ist Jackie, 66, aus London.

Jackie und ihr Mann Tony haben stets hart gearbeitet. Drei Rezessionen überstanden, ihre eigenen kleinen Firmen immer wieder vorangetrieben. Und zwei Kinder aufgezogen. Die beiden gehören zum gesunden englischen Mittelstand, mit einem guten finanziellen Polster. Seit dem Jahr 2000 besitzen sie eine Wohnung direkt am Meer an der Costa del Sol.

«  Hätten wir über den Brexit abgestimmt, hätten wir ‹leave› gesagt. »

Vor drei Jahren haben die beiden entschieden, ganz in Spanien zu bleiben. Jetzt die Zeit zusammen zu geniessen, ohne den Londoner Stress – und ohne den für sie störenden Wandel in ihrer Heimat. Jackie: «Es hat sich vieles drastisch verändert. Grossbritannien ist nicht mehr das, was es einmal war. Wir haben uns nicht mehr wohl gefühlt in einem Land, das von anderen Ländern geführt wird. Hätten wir am 23. Juni über das Brexit-Referendum abgestimmt, hätten wir ‹leave› gesagt.»

Trotzdem sei sie «ziemlich schockiert» über das Resultat gewesen. «Ich hätte nicht gedacht, dass die Briten so viel Mumm hätten», sagte Jackie. Etwas Stolz darüber schwingt in der Aussage mit.

Dennoch: Jackie ist besorgt. Denn der Brexit-Entscheid hinterlasse einen tiefen Graben in Grossbritannien. Nicht nur den geografischen – quasi den britischen Röstigraben zwischen Norden und Süden.

Noch viel grössere Sorgen macht sie sich über den Generationenkonflikt, der das Referendum deutlich zum Vorschein gebracht hat. Die Jungen haben mehrheitlich für den Verbleib der Briten in der EU gestimmt, die Älteren dagegen.

«  Wir Briten sind hier in Spanien darauf angewiesen, weiterhin kostenfreien Zugang zum Gesundheitssystem zu haben. »

Und die Sorgen der über 380‘000 Briten, die in Spanien leben? «Die Hauptsorge hier an der Costa de Sol ist, dass wir auf das britisch-spanische Abkommen angewiesen sind, was unsere Gesundheitsversorgung angeht.» Dieses gewähre den Einwanderern freien Zugang zum Gesundheitssystem. Denn die Briten, die sie an der Costa del Sol kenne, seien alle im Rentenalter.

Eine weitere Unsicherheit sind die Währungsschwankungen. Das britische Pfund hatte nach dem Brexit-Entscheid den tiefsten Stand seit 30 Jahren erreicht. Das wirkt sich auf die Renten aus. Diese werden direkt in Pfund von Grossbritannien auf die spanischen Bankkonten ausbezahlt. Verliert das Pfund an Wert, sinken entsprechend die Renten.

Hätte Blair die Immigration reglementiert...

«Wir gehen derzeit einfach durch sehr unsichere Zeiten», sagt die Britin am Telefon – und wird nostalgisch: «Trotz Brexit: Ich denke nicht, dass Grossbritannien jemals das zurückbekommen wird, was das Königreich einst hatte. Etwa wie zu der Zeit, als Margaret Thatcher (Premierministerin 1979-1990, Konservative Partei) das Land führte. Denn sie war der stärkste Führer, den die Briten je hatten», so Jackie.

Sie sei keine Expertin, doch sie denke, der ehemalige britische Premier Tony Blair (Arbeiterpartei) trage eine grosse Schuld an der heutigen Situation. «Er hätte die Immigration reglementieren können, doch er tat es nicht», ist Jackie überzeugt.

«  Die Jungen haben leider nie erfahren, wie bedeutend Grossbritannien einst gewesen ist. »

Auf die Frage, was das Problem an der Zuwanderung sei, sagt die ausgewanderte Britin: Sie sei in der Frage gespalten, denn auch sie habe in den letzten Jahren vor ihrer Auswanderung mehrere Nicht-Briten angestellt. Die hätten einfach besser gearbeitet, härter angepackt. Ihre Angestellten aus anderen EU-Ländern seien stets loyal und engagiert gewesen.

Jackie: «Anders als die jungen Briten. Die waren oftmals faul, minimalistisch und unverbindlich.» Doch um die letzte Rezession (ab 2007) zu überstehen, habe sie so handeln müssen. Trotzdem habe sie immer gedacht, dass es nicht richtig sei.

Können es die Jungen richten?

Jackie hat im Laufe der Zeit mehrere kleine Firmen im Fitness- und Schönheitsbereich aufgebaut. Doch es wurde immer schwieriger. Für sie ist klar, wer daran die Hauptschuld trägt: die EU. «Die EU hat unsere Start-Up-Prozesse bedeutend verlangsamt und schwerfälliger gemacht. Früher hatte ich eine Idee und setzte die auch gleich um. Seit den Beginn des Jahrtausends wurde dies immer schwieriger. Immer mehr Regeln der EU erschwerten das Arbeitsleben.»

Dieses liegt nun hinter Jackie und Tony. Die Costa del Sol bietet ihnen eine wärmende Zuflucht. «Das Tempo hier in Spanien ist insgesamt bedeutend langsamer. Mit der Londoner Geschäftigkeit wollen und können wir nicht mehr mithalten. Und wir wollen nicht mehr Bestimmungen von aussen erfüllen müssen.» In Grossbritannien seien nun die Jungen gefragt, sie müssten jetzt übernehmen.

Dass der Brexit vielen Angst mache, verstehe sie. Schliesslich sei es wohl letztlich ein Beschluss der Alten über die Jungen. Trotz Verständnis fügt Jackie an: «Die Jungen haben leider keine Erinnerungen an das einstige Königreich. Sie haben nie erfahren, wie bedeutend Grossbritannien einst gewesen ist.»

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