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Bürgersprechstunde im TV «Herr Putin, wir haben ein Problem»

Von Kleinstadt-Kindergärten bis zum Krieg in der Ostukraine: Russlands Präsident stellt sich den Fragen der Bevölkerung.

Legende: Audio Putin inszeniert Volksnähe abspielen. Laufzeit 6:42 Minuten.
6:42 min, aus SRF 4 News aktuell vom 07.06.2018.

Das Prinzip: Einmal im Jahr stellt sich Putin dem Publikum. Die Fernsehshow «Direkter Draht» wird heute zum 16. Mal ausgestrahlt. Bürgerinnen und Bürger reichen auf den unterschiedlichsten Kanälen ihre Fragen an den Präsidenten ein. Putin beantwortet diese live im Studio, was bis zu vier Stunden dauern kann. Der Kreml behauptet stets, die Show sei in vielem spontan. Russland-Korrespondent David Nauer bezweifelt dies: «Es gibt doch sehr viele Hinweise darauf, dass das Ganze eine durchorchestrierte Sache ist.»

Callcenterangestellte an ihren Bildschirmen
Legende: Ein Callcenter, das die Fragen der Bevölkerung im Vorfeld der Sendung aufnimmt. Getty Images

Die Fragen: «Die Palette ist sehr breit», sagt David Nauer. Der Tenor ist oft der: «Herr Putin, wir haben ein Problem, helfen Sie uns.» Diese Probleme reichen von Kindergärten in Kleinstädten über den Krieg in der Ostukraine bis zu persönlichen Fragen, zum Beispiel, ob Putin denn nun eine Lebenspartnerin habe. Letztes Jahr schilderte eine krebskranke Frau aus Nordrussland, die Ärzte vor Ort hätten sie falsch behandelt. Kurz darauf wurde sie mit einem Flugzeug der Regierung nach Moskau geflogen und in einer der besten Krebskliniken des Landes behandelt.

Publikum der Fernsehshow.
Legende: Von Problemen in Kindergärten über den Krieg in der Ostukraine bis zu persönlichen Fragen: Das Publikum erwartet Red und Antwort von seinem Präsidenten. Getty Images

Die Funktion: Eine inszenierte Werbeshow für Putin. Das Land hat viele Baustellen, und der Staatschef geht diese nicht strukturell, sondern öffentlichkeitswirksam an. «Es ist eine symbolische Problemlösung», sagt Nauer. Und trotzdem ist Putin bei vielen Menschen im Land die letzte Hoffnung. Die Leute glauben, dass der Präsident ihre Probleme lösen kann. Dies hat geschichtliche Gründe: Russland pflegt seit mehreren Jahrhunderten eine paternalistische Tradition. Die Menschen haben realisiert, dass sie selber nur begrenzte Möglichkeiten haben, die Probleme anzupacken. Auch, weil schnell die Behörden vor der Tür stehen. Das hat sich ins kollektive Bewusstsein eingebrannt. Und Putin kultiviert dieses Bild gezielt.

Menschen schauen auf einen Fernsehbildschirm
Legende: Medienschaffende verfolgen in einem Pressezentrum den «Direkten Draht». Keystone

Die Kritik: Ist beinahe verstummt. Da der «Direkte Draht» schon lange existiert, mag sich in der westlichen, liberalen Öffentlichkeit kaum mehr jemand aufregen. Viele Russinnen und Russen durchschauen die mediale Inszenierung – gerade aufgeklärte Geister in Moskau schauen diese Show nicht. Kritische Medienschaffende schauen aber immer wieder hinter die Kulissen und enthüllen den Charakter der Sendung.

Das Gespräch führte Isabelle Maissen.

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12 Kommentare

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  • Kommentar von c jaschko ("politically correct-player")
    Eine Inszenierung ? Wenn man es im Westen macht ist ja gut. Im Westen die Korruptionsbekämpfung wird auch den Lobbyisten überlassen. Warum siehst du jeden kleinen Splitter im Auge deines Mitmenschen, aber den Balken in deinem eigenen Auge bemerkst du nicht? Matthäus 7:3 HFA
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  • Kommentar von Sebastian Mallmann (mallmann)
    Wie muss man sie verstehen, die Nauerschen Hinweise? Ähnlich wie vor einigen Wochen, als man dem Medienkonsumenten verklickern wollte, dass für den Skripal-Anschlag eigentlich nur Russland infrage komme und die britischen Geheimdienste . über genügend Beweise für eine russische Täterschaft verfügten? Heute die Meldung, die dt. Bundesregierung habe von GB bis heute keine Beweise präsentiert bekommen (vgl. tagesschau.de, Rubrik Ausland). Kommt von SRF dazu auch noch was?
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    1. Antwort von Stanic Drago (Putinversteher)
      Skripal? Psst, erwähnen Sie diese Name nicht. Es wird bald für gesamte westliche Presse peinlich.
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  • Kommentar von T. H. Isaak (cuibono)
    Herr Nauer spricht vielleicht russisch, aber Russland darf oder will oder kann er nicht verstehen. Dieses Prinzip, dass man sich direkt an die Obrigkeit wendet gab es im Russland der Zarenzeit schon. Dann später in der Sowjetunion. Und heute im digitalisierten Russland. Also, in Russland nichts Neues.
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