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Erleichterung bei jordanischen Hochzeitspaaren
Aus Rendez-vous vom 02.10.2020.
abspielen. Laufzeit 03:36 Minuten.
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Corona-Massnahmen als Segen Jordanische Hochzeitspaare sind froh um den Lockdown

Eine Hochzeit ist in Jordanien teuer. Die Beschränkungen wegen der Corona-Pandemie sind für viele Paare ein Glücksfall.

In Jordanien hat die Regierung von Anfang an drastische Massnahmen gegen die Verbreitung des Coronavirus verhängt. Teilweise sind Restaurants und Cafés nun erneut geschlossen – auch Feste mit mehr als ein paar Personen sind verboten.

Für junge Paare sind diese Massnahmen jedoch ein Segen. Dank Corona können sie sich jetzt nämlich eine Hochzeit leisten – ohne dabei die gesamte Verwandtschaft und alle ihre Bekannten und Nachbarn zu vergraulen. In «normalen» Zeiten hätten sie alle einladen müssen.

Normalerweise kostet eine Hochzeit 14'000 Franken

Ein Hochzeitsfest in Jordanien – egal ob christlich oder muslimisch –ist laut, dauert rund vier Tage, hat mehrere Hundert Gäste, und kostet ein Vermögen. In Jordanien bezahlt in erster Linie die Familie des Bräutigams. Im nationalen Durchschnitt kostet eine richtige Hochzeitsfeier umgerechnet 14’000 Franken, doppelt so viel wie ein typisches Jahreseinkommen.

Hochzeit.
Legende: Normalerweise sieht eine jordanische Hochzeit eher so aus – Aufnahme aus Amman im Jahr 2012. Keystone

Und je nach Grösse der Familie, Verwandt- und Bekanntschaft reicht auch diese Summe nicht, um die hohen gesellschaftlichen Erwartungen an ein Hochzeitsfest zu erfüllen. Doch damit ist jetzt Schluss.

Eine Hochzeit brachte den Lockdown

Es war eine grosse Hochzeit, die dem ganzen Land Mitte März praktisch über Nacht eine komplette Ausgangssperre bescherte, aus der danach ein monatelanger Lockdown wurde. Die Braut und der Brautvater hatten sich mit dem Coronavirus angesteckt – bald danach auch Dutzende ihrer Gäste. Die Regierung verbot Hochzeiten zunächst ganz, mittlerweile darf mit maximal 20 Personen gefeiert werden.

Bräutigam Youssef Hreisch bezeichnet die Situation als Glücksfall: «Ich wollte gar nie ein grosses, teures Hochzeitsfest» sagt der 27-jährige Grafiker, der im Juni seine grosse Liebe Tala Zabaneh geheirat hat. Die Feier fand im engsten Familienkreis statt.

Das Hochzeitspaar.
Legende: Youssef Hreisch und Tala Zabaneh an ihrer Hochzeit im Juni. zvg

«Die Coronakrise wirkte sich zu unseren Gunsten aus» schmunzelt der christliche Jordanier. Er und seine Frau, eine Lehrerin und Künstlerin, hatten lange auf diesen Moment gewartet: Vor zwölf Jahren lernten sie sich in der Kirche kennen, vor drei Jahren dann die Verlobung und nun die Hochzeit.

Über die Grösse des Fests gab es dank Corona keine Diskussion, dies auch, weil Youssefs Grossvater Krebs hat, und besonders gefährdet ist. Nur Eltern und Geschwister waren eingeladen. «Nach der Kirche gingen wir zuerst zu meinem Grossvater und tanzten etwas, danach zur Grossmutter meiner Frau», erzählt Youssef.

Warum sollte ich für einen Tag so viel Geld ausgeben, das uns dann zum Leben fehlt? Ich habe einen Engel zur Frau – sie verdient ein gutes Leben.
Autor: Youssef HreischJordanischer Bräutigam

Ein schönes Fest – und danach keine Schulden. Der Grafiker sagt, er habe nicht so viel Geld, oder wie es ein jordanischer Sänger in einem Hochzeitslied ausdrückt: «Ich habe weder Land noch Schmuck noch Geld, aber ich liebe dich.»

«Die Pandemie bricht mit einer sinnlosen Tradition», sagt Youssef weiter. «Warum sollte ich für einen Tag so viel Geld ausgeben, das uns dann zum Leben fehlt?» Und: «Ich habe einen Engel zur Frau – sie verdient ein gutes Leben.» Viele scheinen es ihm und seiner Tala nachzumachen: Während der Coronakrise wird in Jordanien nicht weniger geheiratet, trotz Verbot von grossen Festen.

Rendez-Vous, 2.10.2020, 12:30 Uhr

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4 Kommentare

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  • Kommentar von Eva Heinzer  (heinzereva)
    So negativ das Virus an sich ist, gewisse Bereiche in der Gesellschaft werden plötzlich hinterfragt, das ist meines Erachtens gut so.
    1. Antwort von Samuel Müller  (Samuel Müller)
      Aber man könnte trotzdem langsam zur Besinnung kommen ....
  • Kommentar von Urs Dubach  (0^0)
    Der Artikel hat zwei Inhalte, die getrennt betrachtet auch Sinn machen. Auf der einen Seite die Hochzeitsindustrie, der ich nicht wirklich Sympathie abgewinnen kann. Statt grösser, teurer und exklusiver, ist meine Empfehlung sich auf Authentizität und die wahren Werte zu fokussieren: Familie, Freude, Liebe, Dankbarkeit. Allein dieser Gedanke bereichert die Bedeutung und reduziert das Budget. Der zweite Inhalt ist Corona, was es darstellt und was daraus Politik und Medien gemacht haben.
  • Kommentar von Mark De Guingois  (MDG)
    Ich wünsche das Brautpaar alles Gute. Ich finde, sie machen es richtig. Und sie können immer einzelne Familienmitglieder separat einladen, und müssen sich nicht auf einmal dermassen verschulden.