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Coronavirus in den Favelas von Rio
Aus Rendez-vous vom 23.03.2020.
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Coronavirus in Brasilien «Quarantäne ist in den Favelas nicht möglich»

Das Coronavirus hat am Wochenende auch die Armutsviertel in Brasilien erreicht. In den Favelas von Rio de Janeiro lebt rund ein Fünftel der 8-Millionen-Metropole unter prekären hygienischen Bedingungen und akutem Wassermangel. Die Behörden täten aktiv sehr wenig, sagt Südamerika-Korrespondent Ulrich Achermann.

Ulrich Achermann

Ulrich Achermann

Südamerika-Korrespondent, SRF

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Ulrich Achermann ist seit 2003 SRF-Korrespondent und berichtet über alle Länder Südamerikas. Er lebt in Santiago de Chile.

SRF News: Eine positiv getestete Person aus einer Favela ist bekannt – was wissen Sie über die aktuelle Corona-Situation in Rio?

Ulrich Achermann: Neben der ersten positiv getesteten Person in Rio sind derzeit etwa 50 weitere Favela-Bewohner unter Beobachtung. Sie haben einen ersten Test hinter sich und warten nun auf das Ergebnis des zweiten Tests. Aus einer sehr grossen Favela in São Paulo weiss man bereits, dass die Ausbreitung des Virus unter diesen Bedingungen sehr schnell vorwärtsgeht. Dort gab es am Montagfrüh schon fünf positive Fälle.

Die Hygiene-Vorschriften sind kaum einzuhalten. Was unternehmen denn die Behörden, um die Leute in den Armenvierteln zusätzlich zu schützen?

Die Behörden tun aktiv eigentlich sehr wenig. In Rio zum Beispiel hat die Wasserversorgung jetzt 40 Tanklastzüge bereitgestellt, um Wasser in die Favelas zu bringen. Aber das ist angesichts der grossen Zahl von Menschen in den Favelas nicht mehr als ein Tropfen auf den heissen Stein. Die hygienischen Bedingungen sind allgemein katastrophal. Das hat auch damit zu tun, dass in den Armenvierteln oft sechs oder sieben Menschen in einem einzigen Raum leben.

Die Möglichkeit, Erkrankte zu isolieren, gibt es eigentlich gar nicht.

Wie steht es um die Gesundheitsversorgung der Favela-Bewohnerinnen und -Bewohner – haben sie Zugang zu medizinischer Hilfe?

In der Theorie schon. Aber ein sehr bekannter Mediziner hat heute prophezeit, auf dem Höhepunkt der Epidemie würden die Armen vor den Toren überfüllter und überforderter Spitäler sterben. In Brasilien gibt es pro 100'000 Menschen gerade einmal drei Beatmungsgeräte. Hier zeigen sich die strukturellen Schwächen im öffentlichen Gesundheitssystem.

Ein sehr bekannter Mediziner hat heute prophezeit, auf dem Höhepunkt der Epidemie würden die Armen vor den Toren überfüllter Spitäler sterben.

Wie gehen die Leute in den Favelas von Rio mit dieser Situation um?

Die Menschen versuchen sich so schnell wie möglich selber zu organisieren. Die Nachbarschaftskomitees klären die Leute über die Gefährlichkeit des Virus auf und was man dagegen tun kann. Dazu gibt es in einzelnen Favelas auch Zugangskontrollen. So werden zum Beispiel Menschen nicht mehr hereingelassen, die klar als Ausländer identifizierbar sind. Man befürchtet, sie könnten das Virus in sich tragen und weitergeben.

Favela in Rio.
Legende: Die Favela Rocinha in Rio de Janeiro am letzten Montag. Mittlerweile hat die Regierung mit Reisebeschränkungen reagiert. Keystone/Archiv

Präsident Bolsonaro hat das Coronavirus bisher als kleine Grippe verharmlost. Wie geht man in Brasilien mit der Corona-Pandemie um?

Bolsonaro bleibt eigentlich bei seiner Überzeugung und gibt ständig Gegensteuer, wenn Bürgermeister oder Gouverneure der Teilstaaten Einschränkungen in der Bewegungsfreiheit erlassen. Damit hat er aber die politische Initiative verloren und steht in der Öffentlichkeit in einem völlig schiefen Licht da. Der Druck von unten auf ihn ist jetzt sehr gross geworden, und es sind die untergeordneten Instanzen, die im Augenblick das Heft in der Hand haben und mit Massnahmen wirklich vorwärtsmachen.

Das Gespräch führte Brigitte Kramer.

Rendez-vous, 23.03.2020, 12:30 Uhr; srf/brut;eglc

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16 Kommentare

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  • Kommentar von Martin H. Meier  (Mahame)
    Viele Menschen, die in Slums leben, sterben an Blinddarm-Entzündung, Blutvergiftung etc. Sie können sich die nötige medizinische Behandlung finanziell nicht leisten. Versichert sind sie nicht. Jeder, der das wissen will, weiss das schon.
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  • Kommentar von Thomas Steiner  (Thomas Steiner)
    All die Rechtspopulisten der Welt zeigen im Moment nur eines: Sie taugen absolut nichts, wenn es darum geht ihr Volk zu beschützen und Lösungen für die aktuelle Krise zu erarbeiten. Bolsonaro wird tief fallen, allerdings wird er bis dann auch unfassbar viele Brasillianer auf dem Gewissen haben. - Ach nein, der Typ hat ja gar kein Gewissen!
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    1. Antwort von Margot Helmers  (Margot Helmers)
      Nur blöd, dass es die Favelas schon seit Jahrzehnten gibt. Was für Lösungsvorschlage haben Sie für dieses Problem? In Indien und Afrika gibt es auch noch viele Slums, wäre schön einen kluge Idee für diese Menschen.
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  • Kommentar von Ulrich Zimmermann  (Crocc)
    Es ist zu hoffen, dass in Brasilien und vielen anderen südlichen Ländern die Corona-Grippe glimpflich abläuft. Die Erkrankungen werden nicht kontrolliert werden können und so wird es zu Massenansteckungen und nach Genesung zur Herdenimmunität kommen. Da bei uns die meisten Virologen mit drastischen Notmassnahmen das Virus verzögern und verschleppen, wird sich so ein Vergleich der Strategien zeigen. Vorteil Brasilien, ohne Stilllegung der Wirtschaft zerstören sie nicht das halbe Volksvermögen.
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    1. Antwort von Martin Hofer  (MartinSurfeu)
      Die Wirtschaft steht aber still, Schulen, Banken, Einkaufszentren, Hotels, Restaurants, Bars etc, ja sogar die Strände sind geschlossen. Millionen von Strassenverkäufer dürfen nicht mehr arbeiten, die Strassen sind beinahe leer, Da tickt eine Zeitbombe, die losgeht, wenn diese Menschen kein Geld mehr fürs essen haben.
      Am TV wird ununterbrochen über Covid-19 informiert, Verhaltensregeln wie in der CH.
      Wir sind seit Januar bis Anfang Mai in Bahia, Salvador und Agglomeration werden wir vermeiden.
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