Zum Inhalt springen

Header

Audio
Schutz vor Corona im hohen Norden: Inuit- und First-Nations-Gemeinden sind alarmiert
Aus SRF 4 News aktuell vom 05.05.2020.
abspielen. Laufzeit 09:21 Minuten.
Inhalt

Coronavirus in der Arktis Kanadas Ureinwohner bangen um ihre Gesundheit

Viele Risikopersonen und wenige Spitäler machen die Inuit in den abgelegenen Gemeinden im Norden besonders verletzlich.

Überall gefährdet das Coronavirus jene besonders stark, die nicht völlig gesund sind. In Kanada trifft das auf die indigene Bevölkerung zu, wo Diabetes, Übergewicht und Tuberkulose vermehrt vorkommen. Zudem ist der Anteil an Rauchern unter den insgesamt 1.6 Millionen Indigenen sehr hoch.

Kombiniert mit einem schwach ausgebauten Gesundheitswesen in den insgesamt 600 First-Nations-Gemeinden ergibt sich ein sehr gefährlicher Boden für die Ausbreitung einer Epidemie, berichtet der in Ottawa arbeitende Journalist Gerd Braune.

Nunavut: Ein Spital für ein Riesenterritorium

Die abgelegene Lage der indianischen Gemeinden stellt ein weiteres Risiko dar. Ein Sechstel dieser Gemeinden sind nur per Flugzeug erreichbar. Noch drastischer ist es in den Inuit-Gebieten der Arktis: Auf dem Territorium von Nunavut mit einer Fläche von zwei Millionen Quadratkilometern gibt es nur ein einziges Spital – in der Hauptstadt Iqaluit. Erkrankte müssen in den Süden geflogen werden.

Das einzige Spital des kanadischenTerritoriums Nunavut steht in der Hauptstadt Iqaluit. Nuvavut ist fast zehnmal grösser als die Schweiz
Legende: Das einzige Spital des kanadischen Territoriums Nunavut steht in der Hauptstadt Iqaluit. Nunavut ist 50 Mal grösser als die Schweiz. Reuters/Archiv

Dazu kommen in den Ureinwohnergebieten eine schlechtere Wohnqualität, ein eklatanter Wohnraummangel und oft schlechten Hygieneverhältnisse. Die geforderte Selbstisolierung ist oft gar nicht umsetzbar.

Kontrollen vor und zwischen Gemeinden

Kanadas Regierung hat mit den Mitte März lancierten Hilfsprogrammen auch spezielle Fonds für die Ureinwohnergemeinden geschaffen. Mittlerweile sind es 600 Millionen Dollar. Ein kleiner Teil fliesst auch an die Städte, wo ebenfalls viele First-Nations-Angehörige und Inuit leben. In den Gemeinden erhalten zudem Pflegepersonal Schutzmasken und Schutzanzüge.

Die Indigenen haben laut Braune sehr früh vor und zwischen ihren Gemeinden Kontrollstellen eingerichtet. Wer keinen plausiblen Besuchsgrund hat, wird zurückgewiesen. Versorgungsfahrten sind möglich. In den Geschäften gibt es Zutrittsregeln und es muss Abstand gehalten werden.

Rückreise aus dem Süden nur mit Quarantäne-Stopp

Das Territorium Nunavut hat angeordnet, dass im Süden lebende Inuit, die in ihre Gemeinden zurückkehren wollen, erst einmal in Ottawa, Winnipeg oder Edmonton für zwei Wochen in Quarantäne müssen. Erst dann können sie ein Flugzeug in den Norden besteigen.

Trotz der strengen Massnahmen haben die First-Nations-Einwohner bereits über 130 Corona-Infektionen gemeldet. Es wird versucht, die Ansteckungskette zu eruieren. In den nächsten Tagen soll Genaueres darüber veröffentlicht werden.

Tiefe Angst vor eingeschleppten Krankheiten

Im 19. Jahrhundert schleppten die Europäer die Pocken auf einer vor der Provinz British Columbia gelegene Insel ein und löschten die ansässige Bevölkerung nahezu aus. Neben Pocken ist auch an die Masern und an die Spanische Grippe zu denken. Diese hatte 1918 verheerende Folgen für einige Inuit-Gemeinden an der Küste von Labrador.

Natan Obed
Legende: Inuit-Chef Natan Obed. Bei den Indigenen sitzt die Erinnerung an eingeschleppte Suchen tief, die ganze Gemeinden auslöschten. imago images
Die Angst vor eingeschleppten Krankheiten sitzt bei den Inuit und First Nations in der DNA.
Autor: Gerd BrauneJournalist in Ottawa
Perry Bellegarde
Legende: Chef Perry Bellegarde: «Zu den verletzlichsten Gemeinschaften gehören die First-Nations-Gemeinden, vor allem jene, die nur auf dem Luftweg erreichbar sind.» Reuters

Keine Entwarnung in Sicht

Man war überrascht, dass es so lange gelungen ist, das Virus von den Gemeinden fernzuhalten und die ersten Fälle erst nach vier bis fünf Wochen auftauchten. Die Massnahmen der indigenen Völker und der Bundesregierung wirken also anscheinend, aber zum Aufatmen ist es noch zu früh.

Das Gesundheitsministerium geht davon aus, dass die kommenden zwei Wochen entscheiden, wie es in den indigenen Gemeinden weitergeht und ob es gelungen ist, einen Kollaps des Gesundheitswesens zu vermeiden.

SRF 4 News, 05.05.2020, 06:40 Uhr;

Schliessen

Jederzeit top informiert!

Wir informieren laufend über die aktuelle Entwicklung und liefern Analysen zum Coronavirus. Erhalten Sie alle wichtigen News direkt per Browser-Push. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

5 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Beat Stocker  (Beat Stocker)
    Für die Gemeinden der Ureinwohner wird eine Abschottung in Zukunft der einzige Schutz sein. Besucher und Rückkehrer müssen Erregerfreiheit nachweisen (Quarantäne) bevor sie Zugang zu den Gemeinden erhalten.
    Dieses System ist/war auch für die noch kontaktlosen Dörfer der Indios im Amazonas aktiv, um gesundheitliche und kulturelle 'Infektiob' zu verhindern.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Franz Eichmann  (Canada96)
    Herr Volkart,hier in Canada werden die Ureinwohner nicht wie Menschen zweiter Klasse behandelt.In Nunavut wo alles so weit auseinander liegt hat es praktisch in jedem Ort ein Spital und die schweren Faelle werden dann ausgeflogen meist nach Edmonton.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Haller Hans  (H.Haller)
    Nicht nur Kanadas Ureinwohner bangen um ihre Gesundheit, das ist augenblicklich eine weltweite Erscheinung.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Alex Volkart  (Lex18)
      Da haben Sie zwar recht aber Ureinwanderer leiden noch mehr darum weil sie von den dominanten Einwanderer unterdrückt werden und nicht selten wie Menschen zweiter Klasse behandelt werden. Wie oben genannt wird hat es zB. In den Gebieten in denen die First Nation wohnen deutlich weniger Spitäler als in den Gebieten wo die heute dominanten Einwanderer wohnen.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Haller Hans  (H.Haller)
      Herr Alex Volkart, in der Abgeschiedenheit gibt es nicht viele Spitäler, wenn überhaupt, dann höchstens eine Sanitätsstation. Spitäler finden sich eher in den dichter bewohnten Regionen und wie in Australien oder Kanada oder sogar auch noch Neuseeland muss man schon einige Kilometer bis zum nächsten Spital fahren. Da deswegen gleich von zweiter Klasse zu sprechen greift nun doch auch zu kurz.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen