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Nun reagiert auch Grossbritannien entschieden auf das Coronavirus
Aus Rendez-vous vom 24.03.2020.
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Coronavirus in Grossbritannien «Die Dunkelziffer bei den Infektionen muss riesig sein»

Im Kampf gegen das Coronavirus hat Premier Boris Johnson die Bevölkerung am Montagabend angewiesen, zuhause zu bleiben. Läden, die nicht der Grundversorgung dienen, wurden geschlossen. Die Regierung hatte sich lange gegen strengere Massnahmen gesträubt.

Forscher kritisieren, man habe zu lange gewartet. Sie befürchten, Grossbritannien könnte noch härter getroffen werden als Italien. Die hohe Dunkelziffer lasse ein Mehrfaches der offiziellen Infektionszahlen vermuten, sagt Korrespondent Martin Alioth.

Martin Alioth

Martin Alioth

Grossbritannien- und Irland-Korrespondent, SRF

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Der Grossbritannien- und Irland-Korrespondent von Radio SRF lebt seit 1984 in Irland. Er hat in Basel und Salzburg Geschichte und Wirtschaft studiert.

SRF News: Die britische Regierung hat lange zugewartet. Warum jetzt der Sinneswandel?

Martin Alioth: Übers Wochenende kippte die Unterstützung der Medien für den Regierungskurs. Auch konservative Zeitungen kritisierten die Laissez-faire-Politik von Boris Johnson, die Wankelmütigkeit der Regierung und die unpassenden Scherze des Premiers. Die Schulen schlossen erst Montagfrüh. Man sah, dass sich die Leute nicht an die puren Empfehlungen der Regierung hielten, namentlich im Raum London als Epizentrum der britischen Epidemie.

Was tut die Regierung neben den Einschränkungen im öffentlichen Leben, um die Krise in den Griff zu bekommen? Vermehrt testen?

Das ist ein angekündigtes Ziel, aber es geht sehr langsam voran. Die britischen Testzahlen werden täglich kumulativ veröffentlicht. Aber das genügt noch lange nicht für eine so grosse Bevölkerung.

Ich kann da nur auf eine riesige Dunkelziffer bei den Infektionen schliessen.

Italienische Ärzte haben schon länger gewarnt, Grossbritannien renne sehenden Auges in die Katastrophe. Ist es schon zu spät?

Ich fürchte, das könnte der Fall sein. Eine morbide Arithmetik: Die neuen Schweizer Zahlen sprechen von rund 9000 Infektionen und 86 Todesfällen. Die Bevölkerung Grossbritanniens ist achtmal grösser, doch die gestrigen Zahlen zeigten nur 6700 Infektionen, dafür aber 335 Tote. Ich kann da nur auf eine riesige Dunkelziffer bei den Infektionen schliessen.

Grossbritannien setzte bisher auf eine Durchseuchung. Das war gefährlich. Wie reagieren die Menschen auf die Kehrtwende?

Aus ersten Meinungsumfragen geht hervor, dass die überwältigende Mehrheit den neuen Kurs der Regierung deckt. Nur etwa vier Prozent der Befragten kritisierten den Kurs. Aber etwa 40 Prozent sind der Meinung, es werde immer noch zu wenig getan.

Reine Empfehlungen und Ratschläge haben nicht funktioniert, um der Bevölkerung den Ernst der Lage vor Augen zu führen.

Bisher fehlte ganz klar die Dringlichkeit, um das Verständnis für die Krise zu wecken, weil die Massnahmen nicht verbindlich waren. Reine Empfehlungen und Ratschläge haben nicht funktioniert, um der Bevölkerung den Ernst der Lage vor Augen zu führen.

Das britische Gesundheitswesen ist chronisch überlastet. Ist das Land für eine grössere Anzahl Erkrankter gerüstet?

Das ist die grosse Frage. Es ist viel gemacht worden in den letzten Tagen: Es gibt neue Kapazitäten im Gesundheitssystem. Die Privatspitäler wurden ganz in den NHS, den National Health Service, integriert. Es gibt neue Geräte. Zum Beispiel bauen Autofabriken jetzt Beatmungsgeräte und Schnapsbrennereien produzieren Desinfektionsmittel. Bei der Schutzkleidung hapert es offenbar noch. Die Regierung behauptet, die Anzüge für das Gesundheitspersonal seien vorhanden, aber am falschen Ort. Es sei also ein logistisches Problem.

Man muss wissen, dass der NHS in Grossbritannien eine geradezu totemische Verehrung geniesst. Es ist ein identitätsstiftendes Symbol. Die Unterstützung der Bevölkerung für den Schutz der Gesundheitsbediensteten wäre also da, wenn die Regierung vielleicht etwas früher begonnen hätte, den Ernst der Lage auch klarzumachen.

Das Gespräch führte Brigitte Kramer.

Rendez-vous, 24.03.2020, 12:30 Uhr; srf/brut;eglc

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29 Kommentare

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  • Kommentar von Norbert Zehner  (ZeN)
    Diese Dunkelziffer hat auch sein "Gutes", vermutlich entscheidend Gutes: ganz unbemerkt baut sich so eine für Zukunft notwendige Resistenz gegen diesen Virus in Bevölkerung auf.
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    1. Antwort von Thomas Steiner  (Thomas Steiner)
      Oder das Virus mutiert dann so schnell, das wir in Zukunft jedes Jahr eine tödliche Coronawelle wie jetzt gerade haben.
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    2. Antwort von Beat Reuteler  (br)
      Da es auf diese Weise überdurchschnittlich viele Todesopfer geben wird, finde ich nicht dass es etwas Gutes hat.
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    3. Antwort von Norbert Zehner  (ZeN)
      T.S.: Mit Testen bringt man eine höhere Sicherheit vor der unbemerkten Ausbreitung und Ansteckung Hochgefährdeter hin, das ändert nichts am Mutieren des Virus. Dagegen hilft einzig Immunisierung, natürlich vorzugsweise mit Impfung, vor allem Gefährdeter, aber das passiert ebenso in natürlicherweise beim hoffentlich glimpflichen Durchleiden bei Erkrankung.
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    4. Antwort von Norbert Zehner  (ZeN)
      br: Mit keinster Weise soll meine Aussage darauf hindeuten, nichts zu machen, sondern vielmehr Hoffnung aufzeigen, dass zum Glück natürliche Immunisierungsmechanismen diesem Virus die Gefährlichkeit nehmen. Vorsorgeimpfungen werden in Zukunft nur mildern können, wirksame Medikament helfen denjenigen, die trotzdem betroffen sein werden.
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  • Kommentar von Norbert Zehner  (ZeN)
    Das ist weltweit so, dass "Dunkelziffer" riesig sein muss. Man schaue nur Listen der erfassten Fälle an (https://www.worldometers.info/coronavirus/#countries).
    Mit weitem Abstand am meisten Fälle pro Bevölkerung gibt es in 'reichen' kleineren Ländern mit lückenlos ausgebauten Gesundheitssystemen. Gleichzeitig sind die Todesrate da am geringsten, weil es pro Todesfall viel mehr erfasste Infektionsfälle gibt. Beispiele: Island, Schweiz, S.Korea etc
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    1. Antwort von Beat Reuteler  (br)
      Das ist korrekt. Einer der Parameter der Aussagekräftig ist darüber ob gut gehandelt wurde, wird deshalb am Ende die Anzahl Todesopfer pro Einwohner sein, da es am Ende die einzigen 2 Zahlen sind, die einigermassen verlässlich erfasst werden können. Das tönt jetzt vielleicht etwas makaber, aber ich sehe keinen Weg das anders verlässlich zu messen.
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    2. Antwort von Norbert Zehner  (ZeN)
      B.R.: Das werden die Italiener dann "gerne" hören, wenn sie gemäss diesen 2 Zahlen dann unter die Nicht-Guten fallen. Bis zur Erschöpfung mit dem gekämpft was man mangels besserer Vorsorge noch hatte, um nachher zu hören, man gehöre zu denen, die nicht gut gehandelt hätten. EU-hafter Widersinn.
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  • Kommentar von Pascal Odermatt  (PDOdermatt)
    Es war ja schon ueberraschend, dass die UK eine Durchseuchungspolitik ernsthaft durchmachen wollte. Einige Kommentarschreiber sind ja auch der unverbesserlichen Ansicht, dass eine Durchseuchung Sinn macht. Vielleicht lernen ja einige jetzt etwas an diesem misslungenen 'Experiment'. Wenn man die Zahlen der UK in den letzten Tage verfolgt hat, musste man doch mit Erschrecken feststellen, dass so weiter zu machen wie bis anhin ziemliches Elend verursachen wuerde. Schlechte Noten fuer Boris.
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    1. Antwort von Daniel Bucher  (DE)
      Schauen wir wie sich die Niederlande mit ihrer Durchseuchungs-Politik schlagen werden. Vermutlich besser als die Italiener.
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    2. Antwort von Michel Koller  (Mica)
      Darauf würde ich nicht wetten. Die Niederlanden haben bereits eine ordentliche Anzahl Tote zu beklagen, bei vergleichsweise geringer Infiziertenzahlen. Kommt das Gesundheitssystem irgendwann an seine Grenzen, wird sich das Verhältnis noch weiter verschlechtern.
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