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Das Erbe der Roten Khmer Youk Chhangs lebenslanges Streben nach Versöhnung

Er überlebte die Schreckensherrschaft der Roten Khmer und trat später gegen das Vergessen an. Eine Begegnung.

Legende: Audio Youk Chhang: «Wir sind versöhnt» abspielen. Laufzeit 04:35 Minuten.
04:35 min, aus Echo der Zeit vom 31.07.2018.

Der Ramon Magsaysay Preis gilt als der asiatische Friedensnobelpreis. Jährlich wird er an Menschen verliehen, die ihren Gesellschaften einen mutigen Dienst erweisen. Vergangene Woche ging der Preis an sechs Personen, darunter auch an den Kambodschaner Youk Chhang, einen Überlebenden der Roten Khmer.

Chhang war 14 Jahre alt, als die Roten Khmer am 16. April 1975 in Phnom Penh einmarschierten und ihn und die gesamte Stadtbevölkerung aufs Land trieben. Im Dorf erhielt der junge Youk ein paar Löffel Wasser pro Tag, eine Reissuppe, zwei Kleidungsstücke, keine Schuhe. Als er aus Hunger Reiskörner und Pilze vom Boden aufsammelte und ass, wurde er verprügelt und nach einem Schauprozess ins Gefängnis geworfen.

Youk Chhang erinnert sich: «Im Gefängnis war ich der Jüngste. Jeden Abend mussten wir antreten und eine Sünde beichten: Ich habe an Sodawasser gedacht; bitte vergebt mir. Ich habe meine Mutter vermisst, bitte vergebt mir. Der Gefängnisaufseher entschied, ob er dir verzieh oder dich umbringen liess. Ein alter Gefangener bat den Gefängnisaufseher, mich frei zu lassen. Erst ein Jahr später erfuhr ich, dass mein Helfer an meiner Stelle ermordet worden war.»

Die Roten Khmer: Interviews mit Flüchtlingen (Rundschau, 12.8.75)

Nach knapp vier Jahren wird das Regime der Roten Khmer von Truppen aus dem wiedervereinigten Vietnam gestürzt. Youk Chhang kommt in ein Flüchtlingslager nach Thailand, dann in ein Lager in die Philippinen und geht später zur Ausbildung in die USA. Er arbeitet für die UNO, bis er nach Kambodscha zurückkehrt, um das Dokumentationszentrum von Kambodscha aufzubauen.

Erinnerung als Lebensaufgabe

Das Zentrum habe zwei Ziele, sagt er: «Die Erinnerung wach zu halten und Gerechtigkeit einzufordern. Gerechtigkeit bedeutet, all die zerbrochenen Stücke zu sammeln und zusammenzusetzen; zu zeigen, was die Roten Khmer unserem Volk angetan haben. Das ist meine Aufgabe. Denn noch heute ist es, als hätten die Roten Khmer einen dunklen Schatten über uns geworfen.»

Massengrab
Legende: Unter der eisernen Hand des Diktators Pol Pot (1928 – 1998) und seiner neostalinistischen Roten Brigaden wurden Tausende von Menschen zu Tode gequält. Mit dem Ziel, eine neue Gesellschaftsordnung zu errichten: Einen primitiv-kommunistischen Bauernstaat. Keystone

Auf dem langen Weg der Aufarbeitung entstand vor mehr als zehn Jahren auch das Rote-Khmer-Tribunal. Angeklagt und verurteilt wurde die Führungsriege der Roten Khmer – auch dank der Dokumente und Augenzeugenberichte, die Youk Chhang und sein Team über Jahre gesammelt hatten.

Doch für Chhang, der ruhig, aber immer mit leichtem Selbstzweifel spricht, ist Versöhnung genauso wichtig wie Urteile: An diesem Nachmittag empfängt Chhang eine Gruppe von Jugendlichen, die in Phnom Penh studieren. Es sind alles Kinder von ehemaligen Kaderleuten der Roten Khmer.

Pol Pot in einer Archivaufnahe,
Legende: Die Schreckensherrschaft von Pol Pot und seiner Roten Khmer dauerte nur von 1975 bis 1979, doch Kambodscha lag danach in Trümmern. Keystone

Er hilft ihnen, sich in Phnom Penh zurecht zu finden, Englisch zu lernen und sich mit Kindern von Opfern der Roten Khmer auszutauschen, ihre Geschichten anzuhören.

Sie gehören nicht mehr zu meinem Leben, weil ich sie konfrontiert und mich von ihnen getrennt habe. Und sie fühlen keine Schuld mehr, weil sie mir die Geschichte erzählt haben. Wir sind versöhnt.
Autor: Youk Chhang

Auch Chhang wollte die Geschichte seiner ehemaligen Gefängniswärter hören, und kehrte deshalb in jenes Dorf zurück, wo er als 14-Jähriger gefoltert und eingesperrt worden war: «Sie haben sich nie entschuldigt und ich werde ihnen nie verzeihen. Denn wir erinnern uns an die Geschichte eines kleinen Jungen, der Reis gestohlen hatte und dafür gefoltert wurde.»

Trauernder sitzt hinter aufgereihten Schädeln, am «Tag des Zorns»
Legende: Das Regime setzte seine Vorstellung eines radikal-kommunistischen Bauernstaats mit aller Härte durch. Dabei kamen fast zwei Millionen Menschen um, ein Viertel der Bevölkerung. Reuters

Aber diesen Knaben gebe es nicht mehr. Wenn er etwas von Versöhnung gelernt habe, dann das: «Ich habe das Dorf und seine Bewohner verlassen. Nicht nur physisch, sondern auch in meiner Erinnerung. Sie gehören nicht mehr zu meinem Leben, weil ich sie konfrontiert und mich von ihnen getrennt habe. Und sie fühlen keine Schuld mehr, weil sie mir die Geschichte erzählt haben. Wir sind versöhnt.»

Nicht nur für die Arbeit des Dokumentationszentrums, sondern auch für das lebenslange Streben nach Versöhnung, wurde Youk Chhang mit dem renommierten Ramon Magsaysay Preis ausgezeichnet.

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12 Kommentare

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  • Kommentar von Ueli von Känel (uvk)
    Ob rechts- oder linksextreme politische Führungskräfte ist m. E. darauf zu achten, dass in einem Land nicht mehr und mehr ein Einparteiensystem entsteht. Dies öffnet diktatorischen Entwicklungen von Machthabern (Machthaberinnen) Tor und Tür. Mit Fingern nach Ostasien zu zeigen, wäre vermessen. Es geht an, dass wir in der Schweiz und in Europa dazu beitragen, politische Kräfte zu fördern, die verschieden Denkende respektieren und für mehr soziale Gerechtigkeit einstehen. Für sozialen Frieden!
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  • Kommentar von pedro neumann (al pedro)
    Danke SRF für diesen guten Bericht. Während heutzutage bei jeder Kritik an der Immigrationspolitik mit der Nazi-und Rassismus-Keule zugeschlagen wird, ist es nur fair zu dokumentieren, welche Gräuel im Namen kommunistischer und sozialistischer Regimes verübt wurden. Die Opfer von Mao, Stalin, PolPot, Honneker und Konsorten gehen in die zweistelligen Millionen. Kommunistisches und sozialistisches Gedankengut ist aber bei uns absolut salonfähig und niemand schreit auf!
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    1. Antwort von Florian Kleffel (Hell Flodo)
      Dieses Schwarzweissdenken bringt gar nichts. Hätten wir in westlichen Demokratien damals nicht sozialistisches Gedankengut in den polit. Prozess mit einbezogen, hätte es zB. in der Schweiz nicht "nur" einen Generalstreik, sondern eine Revolution gegeben. Dem eingeschlagenen Weg der Vernunft, der sozialen Marktwirtschaft in einem nicht kommunistischen, aber sozialen Staat, verdanken Sie übrigens zB., dass Sie eine AHV erhalten (werden). Leider wird dieser Weg seit Jahren von rechts untergraben.
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  • Kommentar von Rolf Künzi (Unbestimmt)
    Die Geschichte Asiens und Chinas ist schon sehr blutig und vielerorts wurden die Geschichten noch gar nicht angesprochen, allen voran vielleicht Indonesien. Vergeben und loslassen sind zwei verschiedene Dinge. Durch das verarbeiten der eigenen Geschichte kann man loslassen, man muss falsches nicht entschuldigen. In dem Sinne ist es wichtig, doch die eigene Geschichte der Kommunismusbekämpfung hat der Westen noch nicht angeschaut, denn da lief vieles falsch.
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