«Das Flüchtlingscamp in der Türkei liegt noch völlig brach»

Knapp drei Wochen nach Abschluss des Flüchtlingspaktes zwischen der EU und der Türkei tritt das Abkommen am Montag in Kraft. Etwa 400 Asylsuchende werden zunächst von den Inseln der Ostägäis in die Türkei abgeschoben. Doch ist das Land bereit?

Video «SRF-Korrespondentin: «Türkei hat grosse Erfahrung»» abspielen

SRF-Korrespondentin: «Türkei hat grosse Erfahrung»

1:10 min, aus Tagesschau vom 3.4.2016

Am Montag tritt der Flüchtlingspakt zwischen EU und Türkei in Kraft.

Zusatzinhalt überspringen

Das Abkommen in Kürze

  • Alle, die seit dem 20. März illegal nach Griechenland gelangt sind, werden zwangsweise in die Türkei abgeschoben.
  • Ausgenommen sind Menschen, die beweisen können, dass sie in der Türkei verfolgt werden.
  • Für jeden abgeschobenen Syrer soll ein Syrer aus der Türkei legal in der EU aufgenommen werden.
  • Die Regel gilt vorerst für 72'000 syrische Flüchtlinge.

Doch ist das Land dafür effektiv bereit? SRF-Korrespondentin Ruth Bossart sagt, es gebe im Moment noch Zweifel.

Denn dann werden die ersten 400 Migranten aus Lesbos erwartet. Vom Hafen des Hauptortes Mytilini soll das türkische Passagierschiff «Nazli Jale» ablegen. Von dort werden die Menschen in die Türkei gebracht, in das Küstenstädtchen Dikili.

Lager für 5000 Menschen steht noch nicht

Laut Bossart sind die Behörden dort daran, zunächst temporäre Unterkünfte bereitzustellen: «Die Flüchtlinge sollen offenbar zuerst in Turnhallen untergebracht werden, denn das Areal, auf dem ein Flüchtlingscamp für 5000 Menschen entstehen soll, lag heute noch völlig brach.»

Zudem gebe es Widerstand in Dikili. Laut Bossart haben die Bewohner gegen das Camp protestiert. «Sie fürchten, ein solches Flüchtlingslager könnte sich negativ auf den Tourismus auswirken», so Bossart.

«  Die grosse Schwierigkeit ist der enorme Zeitdruck, unter dem dies alles zu bewerkstelligen ist. »

Ruth Bossart
SRF-Korrespondentin in Istanbul

Alles in allem müsse man der Türkei zugutehalten, dass das Land über reiche Erfahrung verfüge, eine grosse Zahl an Flüchtlingen menschenwürdig unterzubringen, so die Korrespondentin weiter.

Eine syrische Flüchtlingsfamilie an der Küste in Dikili, nachdem ihre Überfahrt nach Griechenland nicht gelang. (reuters/03.03.2016) Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Von Dikili haben viele Menschen nach Griechenland übergesetzt, wie jene im Bild. Nun werden sie wieder zurück geschafft. Reuters

Um 09 Uhr legt das erste Schiff ab

Für den Start der Rückführungen hat Griechenland mehr als 350 Bereitschaftspolizisten auf Lesbos zusammengezogen. Dies berichtet der griechische Rundfunk.

Die erste Fahrt von Migranten in die Türkei soll am Montag nach nicht offiziell bestätigten Informationen gegen 9 Uhr (MESZ) starten.

Nach Informationen aus Regierungskreisen in Athen soll für jeden Migranten, der zurück in die Türkei gebracht wird, ein Polizist als Aufpasser eingesetzt werden.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Spannung vor Umsetzung des Flüchtlingsabkommens

    Aus Tagesschau vom 3.4.2016

    Laut der Vereinbarung zwischen der EU und der Türkei sollen ab morgen die ersten Flüchtlinge in die Türkei zurückgeschafft werden. Die Flüchtlinge sind verunsichert. Einschätzungen von SRF-Korrespondentin Ruth Bossart in Istanbul.