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International «Das Problem ist die Tabuisierung der Diskussion»

Die Weihnachtsrede von Papst Franziskus war alles andere als feierlich. Der Kurie warf er Geschwätzigkeit, Selbstverliebtheit und Machtgier vor. Damit sorgte er für einen notwendigen Eklat, sagt Leo Karrer, emeritierter Professor für Theologie.

Legende: Video Papst kritisiert Kurie abspielen. Laufzeit 01:29 Minuten.
Aus Tagesschau am Mittag vom 23.12.2014.

SRF: Der Papst listet in seiner Weihnachtsrede 15 Krankheiten auf, an denen die Kurie leiden soll. Das sind harsche Worte.

Leo Karrer: Papst Franziskus spricht die Probleme des Alltags direkt an – in einer Sprache, die man sich von päpstlichen Ansprachen nicht gewohnt ist, gerade in der sakralen Atmosphäre einer Kirchen-Kurie. Das ist erstaunlich.

Die Kardinäle haben der Ansprache mit versteinerter Mine zugehört. Kann man von einem Eklat sprechen?

Das kann ich mir gut vorstellen. Der Papst ist angetreten, um die Kurie aus der Verkrustung von Formalitäten herauszuführen. Darum ist er auch gewählt worden. So könnte längerfristig eine Reform in Gang gesetzt werden.

Ist das der Beginn eines grossen Aufräumens im Vatikan?

Ein Papst kann nicht sein Amt antreten und sofort alles von oben herab ändern. Es muss ein langfristiger Prozess des Umdenkens, des In-die-Wege-Leitens sein. Die von Papst Franziskus einberufene Bischofssynode über Ehe und Familie ist dabei ein kluger Schachzug. So werden nicht nur Dokumente verabschiedet, die auf immer und ewig gelten sollen, sondern es wird ein Prozess des Streitens, des Dialogs, der Spurensuche in Gang gesetzt. So kann etwas reifen. Nicht die Hilflosigkeit der Kirche bei seit Jahrzehnten angedachten Reformen ist das Problem, sondern das Tabu, über «heisse Eisen» zu diskutieren.

Sie halten diese Schritte des Papstes in Richtung Reformen für klug. Ganz grundsätzlich – was ist er für ein Papst?

Er betont Menschlichkeit und Liebe und spricht von einem barmherzigen Gott. Damit schafft er eine offene Stimmung, in der Querelen angegangen statt ausgesessen werden können.

Wie progressiv ist Papst Franziskus?

Er vertritt Positionen, auf die man sich auch in der Basis berufen kann. Auf Dauer muss sich aber das System der katholischen Kirche ändern. Das geschieht nicht von heute auf morgen. Man muss Veränderungen wachsen lassen. Die Orte der Probleme sind auch die Orte, wo man Lösungen finden kann.

Das Gespräch führte Andreas Klaeui.

Leo Karrer

Leo Karrer (Jg. 1937) ist emeritierter Professor für Pastoraltheologie an der Universität Fribourg und ehemaliger Präsident der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie. Er studierte Theologie, Psychologie und Philosophie. Karrer ist verheiratet und hat zwei Kinder.

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4 Kommentare

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  • Kommentar von M. Roe, Gwatt
    Der Papst hat mit seiner Aussage recht, auch wenn dies sehr viele Betroffene wieder einmal nicht einsehen wollen. Für mich ist seine Ansicht die grosse Hoffnung, dass die Welt vielleicht doch einmal zurück zu Ehrlichkeit und Gerechtigkeit kommt. Was er sagt, betrifft ja nicht nur Katholiken sondern alle andern Religionen und vor allem Politiker und Staatsmänner. Zuerst muss Gerechtigkeit Ziel jedes "Rechts" sein, dann kommt auch die Ehrlichkeit und Güte zurück.
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  • Kommentar von August Kreuzer, Dornach
    Die Unfehlbarkeit des Papstes gilt nur wenn er "Cathedra" spricht !!!
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  • Kommentar von Charles Halbeisen, Bronschhofen
    Dass der Papst seine ehemaligen Kollegen abkanzelt wie Schulbuben (vor 40 Jahren), ist schon ein starkes Stück. Das kann sich nur jemand leisten, der selber 100 heilig ist. Um mit dem guten Beispiel voran zu gehen, sollte er möglichst bald die "Unfehlbarkeit" des Papstes aufheben, und als nächstes den Primat des Bischofs von Rom gegenüber allen anderen Bischöfen. Dann hätten wir wieder demokratische Verhältnisse.
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    1. Antwort von Jim James, Zürich
      Nur aus Interesse, ist nicht der Bischof von Alexandria auf gleicher Stufe wie der von Rom? Macht faktisch keinen Unterschied klar, aber historisch waren die beiden doch mal auf gleicher Stufe, nicht?
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