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Rückendeckung für Katar «Das Verhalten der Türkei ergibt keinen politischen Sinn»

Präsident Erdogan sichert Katar jegliche Unterstützung zu – doch weshalb? Eine Einschätzung von Reinhard Baumgarten.

Legende: Audio Die Türkei im Strudel der Regionalpolitik abspielen. Laufzeit 08:14 Minuten.
08:14 min, aus Echo der Zeit vom 10.06.2017.

Seit mehr als einer Woche steht Katar massiv unter Druck. Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen Emirate, Bahrain, Ägypten, Mauretanien und Jordanien beschuldigen den kleinen Golfstaat, im grossen Stil Terrorismus zu finanzieren – und haben Sanktionen verhängt, die das Land weitgehend isolieren.

Jetzt plant die Türkei, die enge Beziehungen zu Katar pflegt, zusätzliche Soldaten auf ihren Militärstützpunkt auf der Halbinsel zu verlegen. Zudem fordert Präsident Recep Tayyip Erdogan ein Ende der Sanktionen und sagte: «Wir werden Katar weiterhin jede Art der Unterstützung geben».

SRF News: Was steckt hinter dieser türkischen Rückendeckung für Katar?

Reinhard Baumgarten: Katar ist der einzige letzte echte Freund unter den arabischen Staaten, den die Türkei noch hat. Es gibt Staaten wie Ägypten, Libyen oder Syrien, mit denen Ankara total über Kreuz liegt. Mit Ägypten sind die Beziehungen praktisch abgebrochen. Zu Saudi-Arabien ist das Verhältnis sehr ambivalent. Lediglich Investitionen und Touristen sind in der Türkei willkommen.

Woher kommt diese enge Verbindung zwischen der Türkei und Katar?

Zuerst einmal ist es eine ideologische Nähe. Beide Länder unterstützen sehr intensiv die ägyptische Muslimbruderschaft und die Hamas in Palästina. Und zum andern ist Katar einer der grossen Investoren in der Türkei. Die Türkei hofft im Gegenzug in Katar an grossen Bauunternehmen beteiligt zu werden.

Sprechen wir über die geplante Entsendung zusätzlicher türkischer Soldaten nach Katar. Erdogan sagt: das sei schon lange vor der Krise beschlossen worden. Jetzt mal unabhängig davon, ob das stimmt: Was plant die Türkei militärisch in Katar?

Es gibt seit ein zwei Jahren einen türkischen Luftwaffenstützpunkt in Katar. Die türkische Führung hofft darauf, im Nahen Osten eine wichtigere strategische Rolle zu spielen. Katar ist dabei der einzige Staat in der Region, der das zulässt. Diese Absicht ist gegenseitig und der Emir von Katar hat die Türkei dazu eingeladen. Eine Aufstockung türkischer Truppen ist zudem für den Emir Tamim bin Hamad Al-Thani ein wichtiges Symbol, jetzt gerade nicht alleine dazustehen.

Die Türkei sollte nicht symbolische Zeichen setzen, sondern stärker als Vermittler auftreten.

Die Türkei bezieht mit solchen Schritten auch Position gegen Saudi-Arabien. Was setzt Ankara damit aufs Spiel?

Die Türkei sollte nicht symbolische Zeichen setzen, sondern stärker als Vermittler auftreten. Aber mit Truppen setzt man ein ganz klares Zeichen und so wird das auch Saudi-Arabien wahrnehmen. Damit schwächt die Türkei ihre Position bei vielen anderen arabischen Ländern. Aber Katar ist ein sehr kleiner Golfstaat mit 200‘000 Staatsbürgern und 1,5 Millionen Fremdarbeitern. Die restliche arabische Welt zählt dagegen rund 400 Millionen Menschen. Sich gegen diese zu stellen, ergibt keinen politischen Sinn.

Türkische Oppositionspolitiker zeigen sich besorgt und warnen davor, die Türkei könnte als Terrorismushelfer angeklagt und mit weiteren Sanktionen belegt werden. Wie beurteilen Sie das?

Das kann man nicht ausschliessen. Es gibt Aufrufe in den sozialen Netzwerken, türkische Produkte zu boykottieren. Wenn die Situation eskalieren sollte, könnte sich der Iran stärker einmischen und würde eine wichtige Rolle spielen für die Versorgung der abgeschnittenen Halbinsel und könnte so zu einer überlebenswichtigen Pipeline für Katar werden. Diese Einmischung Irans kommt aber bei den anderen Golfstaaten nicht gut an.

Gibt es sowas wie rote Linien, die nicht überschritten werden dürfen?

Die Entsendung türkischer Truppen könnte bereits eine solche rote Linie überschreiten, denn Saudi-Arabien meint es ziemlich ernst mit Katar. Und es gibt Gerüchte, dass auch der Iran schon Sondertruppen nach Katar entsandt hat. Das könnte bei den arabischen Nachbarn auch gegenüber der Türkei als sehr unfreundlicher Akt aufgefasst werden.

Die Entsendung türkischer Truppen könnte eine rote Linie überschreiten, denn Saudi-Arabien meint es ziemlich ernst mit Katar.

Wie also will Erdogan gleichzeitig Katar unterstützen und gleichzeitig andere potenzielle Investoren in der Region wie Saudi-Arabien nicht vor den Kopf stossen?

Bei Erdogan ist nicht immer klar, was seine politischen Schritte zu bedeuten haben. Es ist unklar, warum er sich so stark an diesen kleinen Staat Katar klammert. Natürlich offeriert Erdogan einen Dialog, aber mit der Entsendung von Truppen sendet er natürlich ein Signal.

Das Gespräch führte Samuel Wyss.

Reinhard Baumgarten

Porträt von Reinhard Baumgarten
Legende: ZVG

Reinhard Baumgarten ist langjähriger Nahost-Korrespondent der ARD in Istanbul. Der Islamwissenschaftler hat zahlreiche Publikationen über die Region veröffentlicht.

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15 Kommentare

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  • Kommentar von Alain Andrey (Alarey)
    Alle westlichen Truppen aus dem Nahen Osten und der Türkei abziehen und auch alle Investitionen in diese Region streichen, inkl Fifa WM. Aber wahrscheinlich macht das US Imperium nicht mit!
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  • Kommentar von Milan Darem (Mannausorient)
    Mach das Verhalten von 6 arabischen Staaten gegen Qatar nach dem Besuch von Trump Sinn? Wollten die Amerikaner bis vor ein paar Monaten gegen die Saudies (SA) wegen 9.11 als Terrorstaat Sanktionen treffen? Hat Trump in seinem Wahlkampf nicht gerade diese Staaten bedroht, dass sie die Schulden von USA bezahlen werden? Könnte sein dass Qatar nicht machen wollte? Könnte sein dass Qatar und Türkei keine Satelliten Staaten mehr von USA sein wollen? Wäre es sinnvollere Erklärung des Verhaltens TR?
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  • Kommentar von René Balli (René Balli)
    Opportunisten haben noch nie Sinn gemacht, das liegt in der Natur des Opportunismus.
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