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Kampf um Mossul «Das wird noch richtige Probleme geben»

Die Befreiung Mossuls verläuft zäher als geglaubt, wie die Journalistin Birgit Svensson in Bagdad sagt. Und niemand weiss, was danach kommt.

Legende: Audio Verzerrte Berichterstattung abspielen. Laufzeit 05:13 Minuten.
05:13 min, aus SRF 4 News aktuell vom 28.11.2016.

SRF News: Wieso verzögert sich die Befreiung Mossuls von der Herrschaft der IS-Terroristen derart?

Birgit Svensson: Es sind immer noch sehr viele Zivilisten in der Stadt. Die anrückenden Truppen möchten die Menschen schonen, was es für die Befreier ungemein schwierig macht. Man versucht jetzt deshalb, informelle Mittel einzusetzen. So haben die irakischen Telefongesellschaften die alten, ausgelaufenen SIM-Karten der Menschen in Mossul reaktiviert. Damit sollen sie der anrückenden Armee Informationen liefern, wo genau sich die IS-Stellungen befinden. Diese sollen dann gezielt bombardiert werden, damit nicht die Zivilisten getroffen werden.

Werden die Menschen in Mossul auch tatsächlich von Angriffen verschont?

So weit möglich – ja. Problematisch ist, dass der Belagerungsring um die Millionenstadt nun vollständig geschlossen ist, es kommt niemand mehr aus dem Stadtgebiet heraus. Die Menschen – und auch die verbliebenen IS-Kämpfer – sitzen nun in Mossul fest. Zwar wird es den anrückenden Truppen wohl schon irgendwie gelingen, die Stadt einzunehmen. Aber niemand weiss, wie viel Zeit sie dafür noch brauchen werden.

In den letzten Wochen wurden von den «Befreiern» Mossuls immer wieder Erfolge im Kampf gegen den IS vermeldet. Ist der Welt ein falsches Bild vermittelt worden?

Die Berichterstattung befindet sich tatsächlich in erheblicher Schieflage. Die irakischen Medien sind derzeit sehr patriotisch eingestellt und bejubeln die Armee. Entsprechend hört man von der irakischen Seite her ausschliesslich Erfolgsmeldungen. Diese News werden von vielen Medien weltweit übernommen. Allerdings gibt es kaum andere Meldungen als jene der Iraker. Das zeigt, dass der IS nicht nur militärisch geschwächt ist – so wurde kürzlich etwa der «Propagandaminister» des IS durch eine US-Drohne getötet. Ausserdem werden die einschlägigen Webseiten der Extremisten gesperrt. Entsprechend einseitig ist die Berichterstattung.

Phosphor-Anlagen und mit Erdöl gefüllte Gräben stehen in Brand.

Wie steht es in der Bevölkerung? Sind sich die Iraker bewusst, dass das Bild, welches die Medien vermitteln, verzerrt ist?

Wer mit Flüchtlingen aus Mossul gesprochen oder Kontakte zu den Menschen in der Stadt hat, weiss durchaus, was los ist. Ihnen ist klar, dass heftige Kämpfe im Gange sind. Auch haben die IS-Leute ganze Tunnelsysteme angelegt, in denen sie sich unerkannt bewegen und unvermittelt zuschlagen können. Berichtet wird auch von Phosphor-Anlagen und mit Erdöl gefüllten Gräben, die in Brand stehen. Die IS-Terroristen versuchen also, den irakischen Truppen so viele Hürden und Fallen aufzustellen wie irgendwie möglich. Das verzögert den Vormarsch der Truppen erheblich.

Auch wenn es gelingt, Mossul vom IS zu befreien – vor welchen Problemen steht man dann in der Millionenstadt?

Viele sagen, dass es erst richtig los geht, wenn der IS dereinst besiegt ist. Im Kampf gegen den IS stehen jetzt alle Gegner der Dschihadisten zusammen, sie haben ein gemeinsames Ziel. Wenn der gemeinsame Feind dann mal weg ist, könnte der Kampf um Mossul erst recht vom Zaun brechen. Alle Volksgruppen, die in Mossul leben – Kurden, Turkmenen, Sunniten, Schiiten, Araber, Christen und weitere – werden dannzumal ein Stück der Stadt kontrollieren wollen. Und das wird noch richtige Probleme geben.

Das Gespräch führte Melanie Pfändler.

1000 IS-Kämpfer getötet

Spezialkräfte der irakischen Armee haben beim Kampf um Mossul nach eigenen Angaben im Osten der Stadt fast 1000 IS-Kämpfer getötet. Um zu vermeiden, dass Zivilisten zu Schaden kämen, setze die Armee Panzer und schwere Waffen nicht mehr ein. Es wird vermutet, dass noch etwa eine Million Einwohner in der grössten Stadt im Nordirak leben.

Birgit Svensson

Birgit Svensson

Die deutsche Journalistin lebt seit 13 Jahren in Bagdad und berichtet von dort für die «Zeit», Deutschlandradio, die Deutsche Welle und SRF.

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Beat Reuteler (br)
    Wenn man das SRF anschaut: Dann gibt es eigentlich keine Schieflage der Berichterstattung, sondern mit Ausnahme dieses Artikels praktisch ein SRF-Boykott der Geschehnisse um Mosul seit fast 2 Wochen. Wer sich also informieren wollte war auf Wikipedia angewiesen und da sind immerhin immer die Quellen angegeben, somit kann jeder selber überlegen wie sehr er der Information traut. Bisher geht die Aktion jedenfalls schneller voran als geplant, im Gegnsatz zu der Meinung von Fr. Svennsson.
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    1. Antwort von
      SRF bemüht sich, alle relevanten Nachrichten in angemessener Grösse zu bringen. Es liegt auf der Hand, dass es je nach Nachrichtenlage nicht immer möglich ist, über alle Ereignisse zu berichten. Wir müssen auswählen und gewichten und wir tun dies mit unserem besten Wissen und Gewissen.
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  • Kommentar von Stanic Drago (Putinversteher)
    Operation Mossul würde gestartet um H.Clinton bei Wahlen zu helfen. Es sind zu viele verschiedene Milizen welche verschiedene Interesse vertretten und sich nicht über gemeinsame Ziele einigen können. Kurden wollen nicht sich opfern für Gebiete welche ihnen nicht gehören werden. Suniten wollen nicht gegen eingene Volksgruppe kämpfen und geben deswegen schnell auf. Schiiten dürfen nicht vorwärts gehen, weil damit Graben zwischen Ethnien wird grösser.
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    1. Antwort von Beat Reuteler (br)
      Sie haben das falsch drauf. Sorry. Die Kurden wurden ANGEWIESEN sich zurückzuhalten und die Schiiten gehen sehr wohl vorwärts, nur nicht genau in die Richtung die Ihnen vorgegeben wurde. Sunnitische Gruppen arbeiten sehr wohl mit und mit Clinton hat das rein nichts zu tun, sonst könnte man ja jetzt die AKtion sofort abbrechen. Einzig den Fakt dass es zu viele Gruppen sind haben Sie geschnallt. Allerdings: Für den Umstand kommen die super vorwärts.
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    2. Antwort von Stanic Drago (Putinversteher)
      B.Reuteler Kurden haben eigenwillig alle Operationen gestoppt. Schiiten wollten nicht IS Möglichkeit geben sich in Syrien abzusetzen und einzige richtige getan, nämlich alle Nachschub Routte abgeschnitten gegen den Willen der USA. Dann hat USA gedroht aus diese Operation auszusteigen. Nach den Wahlen hat USA nicht mehr eilig Mossul zu befreien.Uns Schiiten drohen nach befreiung von Mossul weiter nach Syrien zu gehen um Assad zu helfen. Auch gegen US Willen.
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  • Kommentar von Susanne Lüscher (Lol)
    Fakt ist nun einmal der IS ist von den USA erschaffen und finanziert worden. Ist nachzulesen in gewissen Mails der Dame Clinton. Was über Mossul berichtet wird, soll wohl als Gegenstück dienen wie es angeblich in Syrien abläuft. Meine den Teil über den Schutz der zivilen Bevölkerung. Zu den vielen Kriegen seit 1945 gibt es gute Bücher, die mit Fakten unterlegt sind z.B. "die illegalen Kriege der NATO". In dem und auch in anderen wird auch die Berichterstattung der MSM erläutert.
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    1. Antwort von Beat Reuteler (br)
      Wenn man den Begriff "Fakt" verwendet, sollte man auch etwas vorzuweisen haben. Das haben Sie offensichtlich nicht. Es läuft nicht "angeblich" in Syrien so ab wie es läuft, sondern man hat ja schon relevante Berichte über die Zerstörungen aus der Luft. Es ist in der Tat bisher sehr verschieden was läuft in Mosul, aber leider ist es noch nicht klar ob die das so durchhalten können.
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