Die beiden Männer stehen am Waldrand, sie sehen glücklich aus. Der Mann im hellblauen Hemd, CDU-Fraktionschef Jens Spahn, hält mit beiden Händen die Griffe eines dunkelblauen Kinderwagens. Der Mann im Vordergrund, Daniel Funke, macht ein Selfie von der Szene, postet es auf Instagram und schreibt: «We are Family». Dahinter setzt er ein rotes Herz.
Diese ganz alltägliche Szene, dieses Bild zweier frischgebackener Eltern, in diesem Fall Jens Spahn und sein Ehemann Daniel Funke, treibt derzeit die Republik um, Berlin bebt. Denn Spahn und Funke haben ihr Kind, Georg, mithilfe einer Leihmutter in den USA zur Welt gebracht.
Spahns Partei, die CDU, die Christlich-Demokratische Union Deutschlands, lehnt Leihmutterschaft ab, ganz egal, ob es sich um eine kommerzielle Leihmutterschaft handelt oder eine altruistische, also eine ohne Eigennutz, eine aus Liebe. Der Politiker Spahn lehnt in Beruf also ab, was er privat tut. Viele, auch in der CDU, sprechen von Doppelmoral.
Das sieht Spahn anders
Gegenüber dem «Bild»-Journalisten Paul Ronzheimer sagt Spahn, er und sein Partner hätten sorgfältig abgewogen. Und: Es sei nicht immer alles schwarz-weiss. Sie hätten darauf geachtet, dass alle ethischen und moralischen Standards eingehalten würden. Zudem – und das ist wichtig in dieser Geschichte – ist die Leihmutterschaft in den USA nicht verboten. Jens Spahn und sein Ehemann haben diese Entscheidung als erwachsene, freie Männer getroffen und nichts Illegales getan. Deutsche Gesetze im Ausland zu umgehen, ist nicht strafbar.
Dennoch kommt, auch aus der Christlich-Demokratischen Union, die Moralfrage. Darf man das aus christlicher Sicht? Vielen CDU-Wählerinnen und Wählern ist das «C» in «CDU» wichtig. Darum lehnen sie Leihmutterschaft ab. Darum wählen sie die Partei von Kanzler Merz.
Innert Stunden hat sich innerhalb der CDU eine Empörungswelle aufgeschäumt, der Landesverband in Mecklenburg-Vorpommern fordert bereits den Rücktritt von Fraktionschef Spahn. Ebenso kirchliche Kreise oder die Frauen-Union. In den nächsten Stunden und Tagen dürften weitere dazukommen.
Das Spahn-Baby als Gefahr für Kanzler Merz
Auch Kanzler Merz kommt das Spahn-Baby immer näher. Er wird die Lage übers Wochenende genau verfolgen. Wird genau registrieren, abwägen, ob das auch für ihn gefährlich werden könnte – auch und gerade in Zeiten des Wahlkampfs.
In Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin wird im Herbst gewählt. Die Zahlen der CDU sind schon jetzt – gelinde gesagt – nicht berauschend. Am nächsten Montag will Merz die «Causa Georg» im Parteipräsidium traktandieren, Lage und Gefahr zusammen mit der CDU-Chefetage beraten und einschätzen.
Für Spahn könnte die Sache also durchaus gefährlich werden. Er ist in den letzten Monaten in der Partei immer mächtiger geworden, hat hinter den Kulissen für den Kanzler manches Reformpaket verhandelt. Mit der innerparteilichen Macht kam auch der Neid, es gibt in der Fraktion alte Rechnungen – und echte Empörung über das Leihmutter-Baby, das ins moralische Bild der CDU so gar nicht passt.
Gleichzeitig weiss Merz: Er braucht einen starken Fraktionschef, damit er sich intensiv um die Weltpolitik kümmern kann. Es bleibt also völlig offen, ob sich Jens Spahn bald viel intensiver um das Baby kümmern kann, als er sich vorgestellt hat.