«Der Begriff Linksextreme wird nur ganz selten gebraucht»

Linksextreme verübten letztes Jahr hierzulande mehr als sechsmal so viele Gewaltdelikte wie Rechtsextreme. Das belegen Statistiken. Sie legitimierten ihre Gewalt mit der guten Sache, sagt der Soziologe Klaus Schroeder. Schuld daran seien auch die Medien, die auf dem linken Auge blind seien.

Zwei Männer randalieren. Sie sind umgeben von Polizisten. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: «Linksextreme verüben viel mehr Gewalttaten und Körperverletzungen als Rechtsextreme», sagt der Soziologe. Keystone

Linksextreme haben in den vergangenen Wochen in verschiedenen Schweizer Städten gewütet – am massivsten in Bern. Dort wurden Polizisten mit Steinen beworfen, man griff das Frauenspital und den Hauptsitz der Heilsarmee an. Im Internet wurde eine 22-seitige Liste von Personen veröffentlicht, die direkt oder indirekt im Asylbereich tätig sind und gegen die vorgegangen werden soll, weil man die Asylpolitik in der Schweiz für verfehlt hält. Der deutsche Soziologie-Professor Klaus Schroeder findet, Gewalttaten der Linken würden notorisch verharmlost.

SRF News: Warum ist das so?

Klaus Schroeder: Weil Linksradikale es gut verstehen, ihre Gewalt mit der guten Sache zu legitimieren. Sie sagen, wir üben gute Gewalt aus, weil wir gegen die herrschenden Verhältnisse sind und setzen damit ein Zeichen.

Gibt es einen Unterschied zwischen guter und schlechter Gewalt?

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Klaus Schroeder

Porträt von Klaus Schroeder.

pd

Klaus Schroeder ist Soziologieprofessor an der freien Universität Berlin und forscht zum Thema Linksextremismus.

Nein, den gibt es in einer zivilen Gesellschaft nicht. Es ist die Selbstermächtigung linksextremer Gruppen, zu sagen: Wir dürfen das. Wir haben sozusagen die historische Mission, so etwas zu tun. Wir setzen unsere gute revolutionäre Gewalt gegen die schlechte strukturelle Gewalt des Systems des Kapitalismus.

Die letztjährige Statistik der Schweiz zeigt, dass Linksextreme deutlich mehr Straf- und Gewalttaten verüben als Rechtsextreme. Konkret gab es 28 Gewalttaten von Rechtsextremen, 199 von Linksextremen. Überrascht Sie das?

Das Ausmass schon. In Deutschland liegen die Zahlen etwas dichter zusammen. Allerdings nicht bei den Straftaten, weil in Deutschland auch Propagandadelikte zählen, die Linksextreme nicht verüben können. Aber wenn man nur die Gewalttaten nimmt, ist es auch in Deutschland so: Linke verüben mehr Gewalttaten und Körperverletzungen als Rechte.

«  Das linksextreme Milieu ist über Jahrzehnte gewachsen und politisch motivierte Gewalt gilt dort als selbstverständlich. »

Was ist das für ein Milieu, aus dem diese Personen stammen?

Es ist nicht mehr das intellektuelle Milieu der 1968ern. Es sind viele junge Leute, aus der Punkszene, Abenteuerlustige, die den Drill suchen und etwas erleben wollen. Gewalt für eine gute Sache schärft das Selbstbewusstsein und das Zusammengehörigkeitsgefühl. Es ist ein Milieu, das über die Jahrzehnte herangewachsen ist und worin politisch motivierte Gewalt als selbstverständlich gilt.

Warum zeigen gebildete Personen eher Verständnis für solche linksextremen Positionen?

Weil es um eine gute Sache geht, der sie oft auch anhängen. Der Sozialismus und der Kommunismus werden immer noch positiv konnotiert. Haben Sie schon mal jemanden sagen hören, nie wieder Gulag, nie wieder Sozialismus oder Kommunismus? So wie wir es auf der rechten Seite – Gott sei Dank haben – wo es heisst: Nie wieder Faschismus, nie wieder Auschwitz. Das gibt es nicht. Es gibt keine Stigmatisierung linker historischer Massenmörder wie Lenin, Stalin oder Mao. Die werden auf Demonstrationszügen sogar noch gelobpreist.

Sie haben gesagt, die linke Szene hat sich verändert. Aber wie damals ist man auch heute noch gegen den Kapitalismus.

Ja, das stimmt. Man hält den Kapitalismus für die Ursache allen Übels auf dieser Welt. Es ist ein Vulgär-Marxismus, der sich aber gehalten hat. Die heutige Szene ist nicht mehr theoretisch, sondern theoriemüde. Es dominiert die Propaganda der Tat und der Aktion und kennzeichnet die linke Szene der Schweiz ebenso wie diejenige in Deutschland.

Ab wann kippt es aus Ihrer Sicht ins Extreme? Wo müssten linke Politiker klar sagen, jetzt geht es zu weit?

Immer dann, wenn Gewalt angewendet wird, egal gegen wen. Selbstjustiz gegen Rechte und Rechtsextreme ist auch nicht gerechtfertigt, wie die Linksextremen meinen. Die gemässigte sowie die radikale Linke müssen den Trennungsstrich bei der Gewaltanwendung ziehen. Aber das geschieht häufig nicht. Wir erleben immer wieder gemeinsame Aktionsbündnisse, Demonstrationen, die dann von gewaltbereiten Autonomen ausgenutzt werden und die wie die Fische im Wasser in der Demonstrationsmenge untertauchen und schwer zu fassen sind.

Sie sind einer von wenigen Wissenschaftlern, der sich mit Linksextremismus beschäftigt. Welche Erfahrung haben Sie damit gemacht?

Bei jeder Äusserung jede Menge Hassmails zu erhalten und angefeindet zu werden. Auch unter Kollegen ist es nicht gerade ratsam, sich mit diesem Thema zu beschäftigen. Da muss man schon sehr etabliert und selbstbewusst sein, um diesen Anfeindungen standhalten zu können.

«  Wenn man auf linksextreme Gewalt aufmerksam macht, heisst es gleich, man würde rechtsextreme Gewalt verharmlosen.  »

Wie erklären Sie sich diese Reaktionen?

Wir haben, zumindest hier in Berlin, an den Universitäten eine sehr breite linksradikale- bis linksextreme Szene, die sofort Kampagnen startet, wenn Leute sich mit diesem Thema beschäftigen. Die glauben, Linksextremismus gibt es überhaupt nicht. Wer das Wort Extremismus benutzt, würde Links und Rechts gleichsetzen. Das ist sowohl publizistisch wie wissenschaftlich Unsinn. Aber auf einer so simplen Ebene wird argumentiert. Man wird gleich in die Ecke gestellt, man würde rechtsextreme Gewalt verharmlosen, wenn man auf linksextreme Gewalt hinweist. Auch das ist Unsinn. Man muss auf beide hinweisen. In einer zivilen Gesellschaft gibt es das staatliche Gewaltmonopol. Die Anwendung politisch motivierter Gewalt ist zu unterlassen.

«  Wenn Rechtsextreme in dem gleichen Masse Gewalttaten wie Linksextreme ausüben würden, hätten wir schon eine doppelte Lichterkette um Berlin.  »

Welche Rolle spielen die Medien dabei? Man liest von Neonazis auf der rechten Seite. Bei den Linken heisst es dann Autonome, Chaoten, Aktivisten.

Man braucht das Wort Linksextreme nur ganz selten. Wenn umgekehrt Rechtsextreme in dem gleichen Masse Gewalttaten ausüben würden wie Linksextreme, hätten wir schon eine doppelte Lichterkette um Berlin. Wenn aber Linksextreme sie ausüben, ist es – wenn überhaupt – eine kleine Meldung wert. Viele Medien sind hier schon auf dem linken Auge blind – oder wollen es sein.

Das Gespräch führte Samuel Wyss.