«Der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten wird geschürt»

Die Hinrichtung des Schiiten Nimr al-Nimr in Saudi-Arabien hat zu einer weiteren Eskalation zwischen Sunniten und Schiiten geführt. Ist eine Aussöhnung zwischen diesen muslimischen Traditionen noch möglich? Islamexperte Reinhard Schulze sagt: Bleibt die Unterdrückung, bleiben auch die Feindbilder.

Wütende Schiiten demonstrieren in Bagdad. (reuters) Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Der Differenz zwischen Schiiten und Sunniten ist kleiner als zwischen Katholiken und Protestanten – so Reinhard Schulze. Reuters

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Reinhard Schulze

Reinhard Schulze

Der gebürtige Berliner Reinhard Schulze leitet seit rund 20 Jahren das Institut für Islamwissenschaft und Neuere Orientalische Philologie an der Universität Bern.

SRF News: Herr Schulze, wie wirkt sich diese neue Eskalation auf die ohnehin schon sehr angespannte Lage im Nahen Osten aus?

Reinhard Schulze: Ich habe den Eindruck, Saudi-Arabien schürt im Moment den Konflikt. Zuerst mit der Hinrichtung des schiitischen Geistlichen Nimr al-Nimr und nun mit der Abberufung des Botschaftspersonals in Teheran. Saudi-Arabien versucht damit seine Hegemonie zu wahren und durchzusetzen – auch mit dem konfessionellen Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten, der sich in den letzten Jahren aufgetan hat.

Was sind die wichtigsten Unterschiede zwischen den schiitischen und sunnitischen Traditionen?

Es gibt keine fundamentalen Differenzen, die sich über Jahrhunderte etabliert hätten. Der islamische Kult wird etwas anders praktiziert. Die Unterschiede sind kleiner als etwa zwischen der katholischen und protestantischen Tradition.

Was wir heute erleben ist eine konfessionelle Differenzierung, die es so in der islamischen Geschichte noch nicht gegeben hat. Die Art und Weise wie sich beide Gemeinschaften gegenseitig aus der islamischen Gemeinschaft ausschliessen, einander als Ungläubige taxieren, das ist etwas, das sich erst in den letzten Jahrzehnten herausgebildet hat.

Welcher Lehre man angehört, ist in den letzten Jahren zudem immer stärker politisiert worden und zum Gegenstand von Machtpolitik gemacht worden. Das heisst, die Regimes identifizieren sich zunehmend mit einer schiitischen oder einer sunnitischen Tradition, sie bauen Feindbilder auf, die schon über Jahrzehnte tradiert worden sind – vor allem in Saudi-Arabien.

Die Mehrheit der Muslime weltweit sind Sunniten. Warum muss denn das sunnitische Saudi-Arabien seine Machtherrschaft trotzdem dermassen zeigen?

Saudi-Arabien kämpft derzeit an zwei Fronten: Einerseits gegen seinen alten Erzfeind Iran, den sie als Hochburg und Schutzmacht der Schiiten ansehen, und andererseits gegen den sogenannten Islamischen Staat (IS), der auch zum Sturz des saudischen Königshauses aufgerufen hat. Dieser Konflikt wird derzeit im Jemen von Saudi-Arabien geführt (mehr dazu hier).

In dem Sinne führt Saudi-Arabien also einen Stellvertreterkrieg an zwei Fronten. Diese derzeitigen Aktionen gleichen einem Befreiungsschlag: Indem es Schiiten und ultraislamische Bünde in einen Topf wirft, versucht sich das Land als Beschützer eines «wahren Islams» darzustellen – der sich gegen alles richtet, was nicht mit der saudi-arabischen Tradition vereinbar ist.

Wer profitiert von dem Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten?

Jene Gruppen, die sich mit der jeweiligen vorherrschenden Tradition identifizieren. So etwa der IS, der eine radikale anti-schiitische Propaganda betreibt. Es gibt aber auch schiitische Gemeinschaften im Irak, die nun versuchen ihre Hegemonie wieder herzustellen oder durchzusetzen. Es sind also letztendlich machtpolitische Interessen, die dahinter stehen.

Ist denn eine Aussöhnung überhaupt noch denkbar?

Diese ganzen Konfessionalisierungs-Prozesse sind auch ganz stark mit sozialer Ungerechtigkeit verbunden. Und solange sich die soziale Situation für die Bevölkerung nicht fundamental ändert, solange wird es die Option des Feindbildes Sunniten oder Schiiten geben.

Das hört sich deprimierend an.

Das ist es auch. Denn die jeweiligen Bevölkerungen haben kaum Handlungsmöglichkeiten, um sich gegen eine solche machtpolitische Nutzung zu wehren. Im Grunde kann die Bevölkerung nur noch das machen, was die syrische Bevölkerung macht: fliehen. Die Menschen sind Opfer der Eskalationspolitik, die manche Regimes betreiben. Sie haben keine Stimme in der Gesellschaft oder der Politik. Das macht es schwierig, den Konflikt von unten nach oben zu befrieden.

Eine Lösung des Konflikts könnte also die Demokratisierung sein?

Das ist die einzige Lösung. Es müsste ein demokratischer Interessensausgleich stattfinden. Und auch, dass konfessionelle Parteien in einen Meinungswettbewerb eintreten könnten, anstatt diesen in einem militanten, sozialen Konflikt auszutragen. Aber das sind natürlich wunderbare Utopien.

Zum Schluss: Wie soll der Westen auf die jüngste Eskalation reagieren?

Der Westen ist in einer schwierigen Situation. Denn wenn er sich nun nicht klar gegen die jüngsten Massnahmen aus Saudi-Arabien stellt, könnte dies bei der schiitischen Bevölkerung den Eindruck erwecken, der Westen verbünde sich mit den Sunniten. Wenn der Westen hingegen eindeutig für den Iran Partei ergreifen würde, könnte dies für die Sunniten bedeuten, der Westen sei Partner der Schiiten.

Wenn der Westen aber seiner eigenen Wertetradition treu bleiben möchte, muss er klar zeigen, dass er für Menschenrechte und Demokratie einsteht. Er muss also auch die Ermordung des schiitischen Geistlichen Nimr al-Nimr nicht nur zur Kenntnis nehmen, er muss klar machen, dass es nicht hinnehmbar ist, jemanden hinzurichten, weil er von einem Land Bürgerrechte verlangt. Einem Land, das bisher immer als Verbündeter des Westens gegolten hat.

Der Westen muss aber auch politische Konsequenzen ziehen: durch ein Waffenboykott gegenüber Saudi-Arabien. Andernfalls verliert der Westen seine moralische Integrität.

Das Interview führte Carla Schubert

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    Simon Leu