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Deutsche Grüne wählen Vorstand «Cem Özdemirs Abgang ist eine Zäsur»

Legende: Audio Journalist Matthias Meisner über die deutschen Grünen nach Cem Özdemir. abspielen. Laufzeit 07:21 Minuten.
07:21 min, aus SRF 4 News aktuell vom 26.01.2018.

Nach rund zehn Jahren an der Spitze der grünen Partei Deutschlands tritt Co-Parteichef Cem Özdemir ab. Kommendes Wochenende wählen die Grünen am Parteitag eine neue Führung. Der deutsche Journalist Matthias Meisner ordnet Özdemirs Abgang ein.

Porträt von Cem Özdemir.
Legende: Der Abgang von Cem Özdemir soll den Neubeginn für die Ökopartei markieren. Keystone

SRF News: Wie schwer wiegt der Abgang von Cem Özdemir?

Matthias Meisner: Es ist sicher eine Zäsur. So lange war noch nie jemand bei den Grünen Parteivorsitzender. Umgekehrt haben die Grünen auch schon den Rückzug von prominenten Männern verkraftet, zum Beispiel von Joschka Fischer, der sich 2006 zurückgezogen hat.

Wie gross ist die Lücke, die Özdemir hinterlässt?

Er hat sich jahrelang abgekämpft und sich auch hart innerhalb des Flügels auseinandersetzen müssen, zuletzt mit der linken Frontfrau, Simone Peter. Ganz weg ist er ja nicht. Er bleibt im Bundestag. Er wird das harte Geschäft mit der Opposition betreiben müssen und man wird sehen, ob er sich als starker Redner im Bundestag profiliert.

Was war Özdemir für eine Figur?

Er spielte rein schon durch seine Herkunft eine besondere Rolle. Er stammt aus einer türkischen Migrantenfamilie. Letztlich haben die Grünen in ihrer Geschichte nur selten Menschen hervorgebracht, die dann eine so grosse Bekanntheit erlangten und so zum öffentlichen Bild gehörten.

War Özdemir ein Bindeglied in der Partei?

Er stammt klar aus dem Realo-Flügel. Der so genannte Fundi-Flügel – neuerdings nennen die Grünen diesen Flügel den linken, das klingt nicht so hart – schwächelt. Es gibt das geflügelte Wort von der Özdemisierung der Partei. Auf dem Parteitag in Hannover wird sich die Frage stellen, ob in der künftigen Doppelspitze der Partei der linke Flügel überhaupt noch vorkommt.

Rechnen Sie vermehrt mit Flügelkämpfe zwischen Realos und Fundis?

In der Partei kann das passieren. In der Fraktion gilt nach wie vor die Flügel-Arithmetik. Da gibt es Kathrin Göring-Eckhard, die ganz klar eine Reala ist. Und der linke Flügel ist durch Anton Hofreiter, der ähnlich bekannt und profiliert ist, vertreten. Aber wie erwähnt, der linke Flügel bei den Grünen schwächelt etwas.

Gibt es in der Grünen Partei Persönlichkeiten, die die Lücke, die Özdemir hinterlässt, auszufüllen können?

Es gibt drei Kandidaten für zwei Vorstandsposten. Überregionale Bekanntheit ist bei allen dreien noch nicht da, trotzdem sind es interessante Figuren. Es gibt da den Umweltminister aus Schleswig-Holstein, Robert Habeck. Aus Brandenburg bewirbt sich die Bundestagsabgeordnete Anna-Lena Baerbock und die Kandidatin des linken Flügels, Anja Pel aus Niedersachsen. In der Partei sind die drei durchaus bekannt. Sie sind alle auf ihre Weise auch beliebt. Wenn die schwarz-rote Koalition zusammenkommt, wird es eine Herausforderung, sich auch im Wettbewerb mit Linkspartei, FDP und AFD zu behaupten – insbesondere im Rahmen der komplizierten Oppositionssituation.

Özdemir wollte in einer Jamaika-Koalition Aussenminister werden. Daraus ist nichts geworden. Wie geht es mit ihm weiter?

Es ist noch nicht ganz klar, welche Aufgabe er in der Fraktion übernimmt. Man kann sich gut vorstellen, dass er sich in der Europapolitik oder auch im Wirtschaftsausschuss engagiert.

Die Grünen sind seit Jahren in der Opposition, und sie werden auch in den nächsten Jahren nicht mitregieren. Hat Özdemir zum Schluss quasi eine Niederlage einstecken müssen?

Özdemir hat eine ganze Reihe von Niederlagen in seiner politischen Laufbahn gehabt. Er ist 52. Er hat sich immer wieder als Stehaufmännchen erwiesen. Vielleicht gibt es mittelfristig doch noch die Chance, dass er wieder in der ersten Reihe steht.

Matthias Meisner

Meisner ist seit 1999 Redaktor des «Tagesspiegels». Als politischer Korrespondent berichtet er unter anderem über Innenpolitik, die Linkspartei, Rechtsextremismus und Ostdeutschland.

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7 Kommentare

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  • Kommentar von Udo Gerschler (UG)
    Hoffendlich hat er wenigstens gelernt das man in D Steuern zahlen muss nachdem er damit Probleme hatte.
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  • Kommentar von Hans Haller (panasawan)
    Er war wohl auch so etwas wie ein "Vorzeige-Migranten-Modell" fuer die deutsche Befindlichkeiten.
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  • Kommentar von Luzius Brotbeck (LuziBrot)
    Bei allem Respekt für Cem Özdemir & seinem Engagement. Er ist kein Friedensengel: Als überzeugter Transatlantiker ist er eng vernetzt mit Think Thanks wie Atlantik-Brücke, European Council on Foreign Relations oder Atlantischen Initiative, welche primär US-Interessen vertreten. Er steht für eine Abkehr der Entspannungs- & Friedenspolitik der Grünen. Er hält «humanitären Intervention» durch USA/NATO für legitim & notwendig (vgl.u.a. Nachdenkseiten) & begrüsst Konfrontationspolitik gegen Russland!
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    1. Antwort von Alex Volkart (Lex18)
      Es gibt keine wirklich neutralen Politiker mehr, alle sind irgendwie mit irgendjemandem vernetzt. Links wie rechts. Die Frage ist nur hinterfragt der Politiker auch die Informationen die er bekommt oder übernimmt er sie eins zu eins. Wenn das Zweite zutrifft wird es erst gefährlich.
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    2. Antwort von Sebastian Mallmann (mallmann)
      Genau diese Kehrseite bei Özdemir überschattet meiner Auffassung nach sein anderweitiges Engagement. Wenn wir einen Krieg haben, werden die ökologischen Probleme eh hinfällig. Wie ein grüner Politiker sich gegen eine Politik der Verständigung und des Friedens engagieren kann, ist mir ein Rätsel. Ich wünsche Herrn Özdemir und seinen Gesinnungskollegen, dass sie diesen Gewissenskonflikt irgendwann austragen müssen und zur Besinnung kommen, bevor es zu spät ist.
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