«Die Ärzte schaffen es fast nicht, alle Verletzten zu versorgen»

Die umkämpfte Stadt Aleppo brauche dringend eine Waffenruhe, sagt IKRK-Mitarbeiterin Marianne Gasser. Viele Zivilisten und Verletzte getrauten sich nicht, die Stadt durch die eingerichteten Korridore zu verlassen. Denn auch dort ist ihr Leben in Gefahr.

Marianne Gasser spricht mit kriegsbetroffenen Frauen und Kindern Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Marianne Gasser im Einsatz in Syrien. IKRK

SRF News: Sie waren in den letzten Wochen in Aleppo. Wie präsentiert sich die Lage in der Stadt?

Marianne Gasser: Die Situation würde ich als sehr schwierig zusammenfassen, was die humanitäre Versorgung betrifft. Sowohl im Osten der Stadt, als auch im Norden und im Westen. Luftangriffe, Schiessereien finden fast überall statt – mit Verletzten und Toten auf Seiten aller Kriegsparteien. Ich selbst habe in den vergangenen Tagen verschiedene Spitäler der Regierungstruppen besucht. Die Ärzte und Helfer schaffen es fast nicht, alle Verletzten zu versorgen.

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Marianne Gasser

Die Schweizerin Marianne Gasser leitet die Syrien-Delegation des Internationalen Roten Kreuzes.

Seit Tagen hören wir von humanitären Korridoren, die eingerichtet wurden, um Verletzte und Zivilisten aus dem Kriegsgebiet zu bringen. Können Sie bestätigen, dass dies funktioniert?

Um ehrlich zu sein – und auch wenn ich in den vergangenen Tagen in Aleppo war – ich kann nicht sagen wie viele Menschen den Osten oder Westen der Stadt durch diese Korridore verlassen konnten. Was ich bestätigen kann ist, dass es diese Korridore gibt. Das IKRK begrüsst jede Initiative, die den Menschen im Kriegsgebiet Ruhe verschaffen und den Abtransport von Verwundeten ermöglichen soll.

Aber solche Korridore müssen sehr gut vorbereitet und geplant werden – vor allem braucht es dafür einen Konsens der Kriegsparteien. Und für Aleppo kann ich das derzeit nicht bestätigen. Aber wir sind dabei mit der syrischen Regierung und den verschiedenen Akteuren zu diskutieren, um diese humanitären Korridore sicherzustellen.

Ganz wichtig scheint mir aber: Sehr viele wollen nicht raus aus den umkämpften Gebieten, weil sie um ihr Leben fürchten. Und vor allem müssen wir uns um jene kümmern, die dringend medizinische Hilfe benötigen, weil sie schwer verletzt sind.

Was müsste ihrer Meinung nach in diesem Bereich passieren?

Der entscheidende Punkt hier ist: Wir vom IKRK und all die anderen Hilfsorganisationen müssen erstens Nahrung und Medikamente in diesen Gebieten verteilen können und zweitens Verletzte herausbringen. Dafür bräuchte es aber einen Stopp aller Kriegshandlungen für mindestens zwei Tage. Für unsere Sicherheit, aber vor allem für die Sicherheit der eingeschlossenen Menschen. Wir bräuchten einen neutralen Vermittler. Und noch wichtiger: eine Waffenruhe.

Es ist aber schon so: Ihnen sind weitgehend die Hände gebunden und Sie sind abhängig von der Kooperation der einzelnen Kriegsparteien.

Humanitäre Akteure können in diesem schwierigen Umfeld nur eines: versuchen den Menschen zu helfen. Und das heisst auch: Wir müssen vorsichtig sein, was wir sagen und zu wem. Hier hat alles eine politische Dimension – und das macht unsere Arbeit nicht einfach.

Das Gespräch führte Samuel Wyss am vergangenen Dienstag.