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International «Die Angst der türkischen Journalisten ist greifbar»

Ausländische Medien sind nicht von der Verhaftungswelle und der Schliessung dutzender Redaktionen betroffen, die die türkische Regierung bekannt gegeben hat. Iren Meier von der SRF-Auslandredaktion hält sich zurzeit in Istanbul auf.

Legende: Video «Säuberungsaktionen greifen auch aufs Ausland aus» abspielen. Laufzeit 1:20 Minuten.
Aus Tagesschau vom 28.07.2016.

Präsident Erdogan lässt die Meinungs- und Pressefreiheit in der Türkei nach dem gescheiterten Putsch immer mehr beschneiden. Gestern ordnete er an, dass dutzende Zeitungen, Radio- und Fernsehsender und einige Nachrichtenagenturen geschlossen werden. Zahlreiche kritische Journalisten wurden festgenommen.

SRF News: Gibt es in der Türkei überhaupt noch unabhängige Medien?

Iren Meier: Ja, die gibt es. Zu erwähnen ist «Hürriyet», eine wichtige säkulare Zeitung mit einer langen Tradition. Ich war gestern in ihrem Medienhaus, da wird noch voll gearbeitet. Aber auch bei «Hürriyet» sieht man seit einer Weile Zeichen von Selbstzensur. Zu dem Schritt der Regierung muss man sagen: Bei den Medien, die jetzt geschlossen werden, handelt es sich einerseits um viele kleine lokale Zeitungen und Sender. Daneben sind wichtige Nachrichtenagenturen wie etwa Cihan betroffen. Die Schliessung betrifft Medien, die der Gülen-Bewegung zugerechnet werden. Aber auch solche, die sich säkular und links positionieren. Und das beunruhigt hier viele.

Laut Listen, die kursieren, sind 45 Zeitungen, 23 Radio- und 16 Fernsehsender sowie drei Nachrichtenagenturen betroffen. Wie informieren sich die Menschen nun?

Zum einen gibt es die Staats- und Regierungsmedien. Das Staatsfernsehen ist das wichtigste Medium. Hier informieren sich vor allem die Anhänger der Regierung. Das ist ein grosser Teil der türkischen Bevölkerung. Die andere Hälfte der Bevölkerung hat es schwerer: Die unabhängige Information wird in der Türkei seit langem eingeschränkt – und jetzt noch mehr. Man beobachtet, dass sich die meisten kritischen Leute über die sozialen Medien informieren. Twitter ist sehr wichtig, der Austausch von Informationen untereinander. Aber das meiste dort ist nicht gewichtete, nicht eingeordnete Information. Man findet viele Gerüchte und Spekulationen. Doch die Leute sind sehr kreativ und finden Zugang zu Information.

Sind internationale Medien auch von der Zensur betroffen?

Soweit man das beobachten kann, nicht. Man kann weiterhin an den Kiosken und in den Buchhandlungen alle wichtigen ausländischen Zeitungen kaufen; die deutschen, die amerikanischen, die britischen. Und auch online ist der Zugang zu diesen internationalen Medien offen. Allerdings wird in den Staatsmedien Kritik geübt an der westlichen Berichterstattung über den Putschversuch und über die Zeit danach.

Schliessung von Medien, verhaftete Medienschaffende – wie reagieren die Journalisten im Land darauf?

Wenn jetzt so viele Journalisten entlassen oder verhaftet werden, wie die Regierung angekündigt hat, dann weiss jeder und jede: Mich kann es auch treffen, egal wo ich stehe, egal was ich denke. Man spürt es. Die Angst ist greifbar und man merkt sehr deutlich, wie viele Journalisten verstummen, wie sie Interviews ausschlagen. Die unabhängige Information wird eingeschränkt. Aber es ist in erster Linie eine Einschüchterung, und die wirkt. Das ist das entscheidende.

Jeder weiss: Mich kann es auch treffen, egal wo ich stehe, egal was ich denke.

Das Gespräch führte Brigitte Kramer.

10 Kommentare

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  • Kommentar von Charles Halbeisen (ch)
    @SRF: In den heutigen Nachrichten wurde immer von ErdoWahn gesprochen. War das eine versteckte Solidaritäts-Bekundung mit den türkischen Journalisten, oder spricht man den Namen des Diktators Erdogan tatsächlich so aus?
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    1. Antwort von Redaktion SRF News
      Guten Abend. Der Name des türkischen Präsidenten wird gemäss unserer Aussprachedatenbank ɛrdɔːan (Ärrdoh-ann) betont. Guten Abend, Redaktion SRF News ^ak
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  • Kommentar von Angela Keller (kira)
    Der Westen muss Erdogans Türkei nehmen, wie das Land nun einmal ist, samt Geschichte und Geografie. Aber man muss es nicht bedingungslos tun, oder nach dem Drehbuch des Recep Tayyip Erdogan. Das kann nicht gut gehen. Sonst bleibt auf lange Zeit das Gift einer verschleppten Krise, das Staat und Gesellschaft durchzieht. Die Türkei hat eine schwierige Vergangenheit, ja deren mehrere. Was das Land braucht, ist mehr ein Seelenarzt und Versöhner als ein Rächer und Henker.
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  • Kommentar von Angela Keller (kira)
    Die Türkei liegt, nicht nur metaphorisch, zwischen den östlichen Diktaturen und den westlichen Demokratien, zwischen Putins Russland, das seine Grenzen noch nicht gefunden hat, und der arabischen Unruhe, die noch lange keine Stabilität finden wird. Wohin treibt die Türkei? Der Putsch, aber auch Härte und Selbstgerechtigkeit des Gegenschlags verraten tiefe Risse in Staat und Gesellschaft des Landes.
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