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Die Erben des Sowjetimperiums Wie westlich ist der Osten?

Eine Organisation hat einen «Westernisierungs-Index» entwickelt. Die ehemaligen Sowjetrepubliken kommen schlecht weg.

Legende: Audio Verwestlichung – oder doch nicht? abspielen. Laufzeit 04:04 Minuten.
04:04 min, aus Echo der Zeit vom 27.04.2018.

Was heisst schon westlich? Strategeast, eine Organisation, die sich für engere Beziehungen zwischen den politischen und vor allem den wirtschaftlichen Eliten in Ost und West einsetzt, hat dafür Kriterien definiert., Link öffnet in einem neuen Fenster Sie reichen von den Methoden zur Korruptionsbekämpfung bis zu Praktiken im Geschäftsleben, von der kulturellen Verknüpfung über die Unabhängigkeit der Justiz bis zu Fragen des Lebensstils.

Am Ende ergibt das eine Rangierung: Den ersten «Westernisierungs-Index». Beurteilt wurden 14 frühere Sowjetrepubliken, ausser Russland. «Unter diesen Ex-Republiken gilt einzig Estland als weitgehend westlich», sagt Anatoly Motkin, der Gründer und Präsident von Strategeast.

Der «Westernisierungs»-Index


Politisch (max. 25 Punkte)
Rechtlich (max. 25)
Wirtschaftlich (max. 25)
Sprachlich und kulturell (max. 25)
Lebensstil (max. 10)
1. Estland
232325139
2. Litauen
22212311.57.5
3. Lettland
19.517.52412.58.5
4. Georgien
19.5141684.5
5. Moldawien
15.511.516.575.5
6. Ukraine
16111485
7. Armenien
1212137.54
8. Kasachstan
97145.54
9. Aserbaidschan
85.512.574
10. Kirgistan
101010.54.52
11. Weissrussland
6.55.596.54
12. Usbekistan
74963.5
13. Tadschikistan
4.53
6.541.5
14. Turkmenistan
3.5363.51.5

In geringerem Mass westlich sind die beiden anderen baltischen Staaten, Litauen und Lettland. Deutlich abgeschlagen sind Moldawien und die Ukraine. Die Kaukasus-Republiken, etwa Armenien und Aserbaidschan figurieren sogar erst im hinteren Mittelfeld.

In Turkmenistan und Tadschikistan hat die sowjetische Mentalität noch weitgehend überlebt.
Autor: Anatoly MotkinGründer und Präsident von Strategeast

Überhaupt nicht westlich sind Turkmenistan oder Tadschikistan. Sie bleiben autoritär regierte Festungen: «In diesen Ländern hat die sowjetische Mentalität noch weitgehend überlebt.» Sowjetische Spuren davon fänden sich jedoch selbst in Ländern noch, die heute der EU angehören.

Westlich nur, wenn es ums Geld geht?

Interessant ist: Wirtschaftlich wollen sich diese Länder, vor allem die Unternehmer dort, zum Teil auch die Machthaber durchaus dem Westen annähern – der Wohlstand lockt. So ist etwa die Eigentumsfreiheit attraktiv.

Demokratie, Rechtsstaatlichkeit oder Medienfreiheit gelten in den meisten Ex-Sowjetstaaten als suspekt. «Manche finden das politisch autoritäre, aber wirtschaftlich erfolgreiche chinesische Modell vorteilhafter, andere wiederum die streng gelenkte Demokratie Singapurs», führt Motkin aus.

Die Passivität des Westens

Schuld daran, dass viele Ex-Sowjetrepubliken nicht ins westliche Lager gewechselt haben, sei aber der Westen auch selber. «Man hat zu sehr geglaubt, das passiere automatisch. Man hat zu wenig dafür getan», sagt Motkin.

Dem Westen fehlten eine klare Strategie und das Bewusstsein, dass es sich um einen jahrzehntelangen Prozess handelt, den man aktiv fördern muss. Und: Man setzte allzu oft auf einzelne Personen, vor allem auf Spitzenpolitiker, und übersah, dass stabile Institutionen weitaus wichtiger wären, um nachhaltig etwas zu bewirken.

Die Mächtigen in all diesen Ländern halten zwar viel von Immobilien in London, Ferien an der Côte d'Azur und westlichen Produkte.
Autor: Anatoly MotkinGründer und Präsident von Strategeast

Im Grund blendete man aus, dass die Sowjetunion nicht auseinanderbrach wegen der fehlenden Pressefreiheit, sondern weil die Regale in den Läden leer waren.

Motkin bezweifelt, dass die Machthaber, mancherorts Diktatoren von sich aus umsteuern: «Die Mächtigen in all diesen Ländern halten zwar viel von Immobilien in London, Ferien an der Côte d'Azur und westlichen Produkte.» Politisch aber bevorzugten sie ihr eigenes System.

Umdenken bei der jungen Generation?

Motkin glaubt ebensowenig in erster Linie an die Kraft von Menschenrechtsorganisationen und anderen NGOs. Dennoch ist er mittelfristig zuversichtlich. Veränderungen werden von der Jugend in diesen Ländern ausgehen, von jungen Leuten in all diesen Ländern, die immer stärker international vernetzt sind mit Gleichaltrigen in westlichen Ländern.

«Westlich» aus Pragmatismus

«Sie verstehen sich schon heute als Teil eines gemeinsamen globalen Systems», sagt Motkin. Er nennt als Beispiel Weissrussland. Das Land figuriert zwar auf der «Westernisierungs-Rangliste» weit hinten. Dennoch werde dort heute schon für fast eine Milliarde Dollar Informationstechnologie exportiert.

Die postsowjetische Phase werde nicht deswegen überwunden werden, weil der Westen ein leuchtendes Vorbild sei. Auch nicht aus politethischen oder moralischen Gründen. Sondern aus einem praktischen Grund: Totalitäre Regime und Praktiken sind einfach ineffizient.

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38 Kommentare

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  • Kommentar von Hans Bernoulli (H.Bernoulli)
    Eine kritische Stimme im Westen, John W. Whitehead, renomierter US-Verfassungsanwalt, bringt es auf den Punkt: "Wir leben in einem Zeitalter der Monster" oder auf englisch: "Crimes of a Monster: Your Tax Dollars at Work". Er prangert u.a. an, wie Steuergelder gegen die Interessen der Steuerzahler, für ihre Überwachung, für den militärindustriellen Komplex, für das weltweite Morden usw. verwendet werden. - Die westlichen Werte sind leider rar geworden, auch im Westen.
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  • Kommentar von Peter Mueller (Elbrus)
    Eine weitere CIA Tarnorganisation ohne Jahresberichte, Statuten. Domiziliert an der K Street in DC - solche Mieten kann sich keine durchschnittliche NGO leisten. Die meisten dieser zentralasiatischen Staaten liegen weit vor der Ukraine. Offensichtlich brauchen die den Westen nicht darum liefert Chinas Huawei auch die kompletten Netzwerke für diese Staaten überwiegend. An Geld fehlt es auch nicht. Kasachstan hat über 10 Jahre lang keine Eurobonds mehr aufgelegt bis Ende 2016.
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  • Kommentar von Markus Gringer (Gringer)
    Ist unser Lebensstil so löblich, dass wir uns anmassen können, für andere Kulturen einen Werte-Index zu erstellen? Weil wir die Freiheit haben, auf Kosten von Billiglohnländer zu konsumieren? Weil wir 2.5 mal mehr Ressourcen konsumieren als nachhaltig? Wegen unserer Burnoutkultur oder weil junge Leute sich aus Langeweile ins Komma Saufen können? Der freie Zugang zu Pornografie? Dieser Beitrag widerspiegelt, wie selbstgerecht und arrogant der Westen sich gegenüber dem Rest der Welt verhält.
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    1. Antwort von Peter Mueller (Elbrus)
      Sehe ich sehr ähnlich, vor allem weil diese Länder kaufkraftbereinigt mit den Letten - von den Ukrainern nicht zu sprechen mindestens mithalten können. Weissrussland oft verschmäht hat aus eigener Entwicklung ein Niveau wie Rumänien, Bulgarien aber ohne die EU Subventionen. Den USA stinkt die Eurasische Union - die auch noch Israel, Iran Assoziierung beantragt umfassen wird mindestens. Der Handel verläuft dort eben Nord nach Süd und nicht Ost nach West.
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