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International Die Flüchtlinge müssen den Touristen weichen

Am Athener Hafen Piräus steht ein Flüchtlingscamp mit hunderten Zelten. Auch die Wartehalle ist zur Flüchtlingsunterkunft umfunktioniert worden. Nun will die Regierung das Camp räumen, die Touristensaison steht an.

In einer der Wartehallen am Hafen von Piräus lädt ein Imam die Flüchtlinge zum Gebet ein. Rund 1500 Menschen haben hier in der Halle und in den Zelten rund um das Gebäude Zuflucht gefunden. Es sind vor allem Kinder, Frauen und Männer aus Syrien, Irak und Afghanistan. Zwischen den Zelten hängt die Wäsche zum Trocknen, vielerorts riecht es streng.

Der 29-jährige Kusai zeigt sein Zelt vor dem Eingang der Wartehalle: «Hier verstauen wir unsere Sachen und hier schlafen wir. Im Moment ist es zu heiss, aber am Abend können wir ins Zelt. Zum Schlafen legen wir einen Teppich auf den Boden.» Den Tag würden sie in der Wartehalle verbringen. Doch: «Wir fühlen uns da nicht sicher und ich habe Angst, dass meine Frau sexuell belästigt wird. Sie ist ja so hübsch!»

Aus der Not geboren

Der Hafen ist eine so genannte inoffizielle Flüchtlingsunterkunft, denn die Regierung hat eigentlich nicht als Camp vorgesehen. Erst als sich immer mehr Flüchtlinge dort niederliessen und ihre Zelte aufstellten, reagierte die staatliche Hafengesellschaft und stellte ihnen die Halle zur Verfügung. Das sei aber nur als vorübergehende Lösung gedacht gewesen, sagt Giorgos Kyritsis, Regierungssprecher für Flüchtlingspolitik.

«Piräus ist der wichtigste Hafen des Landes. Er ist gebaut, um als Hafen genutzt zu werden, nicht damit Menschen dort wohnen», sagt er. Es sei also nicht bloss eine Frage der Ästhetik und der Ordnung, dass die Flüchtlinge nun weg müssten. Es habe auch mit der Sicherheit zu tun. «Wir können von Glück reden, dass noch kein Flüchtlingskind von einem der vielen Lastkraftwagen dort überfahren wurde», so Kyritsis.

Die Räumung soll aber nicht von heute auf morgen passieren. Pro Tag sollen einige hundert Personen umgesiedelt werden, so dass bis Ende des Monats die letzten Flüchtlinge gegangen sind.

Abgelegene Flüchtlingslager

Auch das UNO-Flüchtlingshilfswerk ist dafür, dass die Flüchtlinge umgesiedelt werden. Doch die Frage sei, wohin sie gebracht werden und wie das Ganze passiere, sagt UNHCR-Mitarbeiterin Katerina Kitidi. Es sei wichtig, dass sie freiwillig in neue Camps gingen und über die Umstände, die sie dort erwarten, gut informiert werden. «Sie sind misstrauisch und haben Angst, in diesen Camps vom Staat vergessen zu werden», so Kitidi.

Die meisten Flüchtlingslager in Griechenland liegen ausserhalb der Städte, weit weg von bewohnten Gegenden. Deshalb bleiben viele Flüchtlinge lieber am Hafen, trotz der schlechten Lebensbedingungen. Das bestätigt auch der Syrer Kusai. Er sei schon in mehreren anderen Camps gewesen und stets wieder nach Piräus zurückgekehrt, sagt er. Er glaubt denn auch nicht, dass die jetzige Räumung des Hafens den Flüchtlingen und ihrer Sicherheit zugute kommen soll. Kusai ist vielmehr überzeugt, dass es der griechischen Regierung einzig um das gute Image des Urlaubsparadieses Griechenland gehe.

«Bald fängt ja die Feriensaison an und es ist nicht schön für die Touristen, uns Flüchtlinge am Hafen zu sehen.» Die Regierung wolle nicht, dass die Touristen dies mitbekommen. «Sie sollte aber vorher gute Unterkünfte für uns vorbereiten. Denn die Flüchtlinge sind auch nur Menschen», so der junge Syrer.

Niemand von den Flüchtlingen in Piräus habe gedacht, hier steckenzubleiben. Kusai wollte, wie so viele andere seiner Leidensgenossen, eigentlich nach Deutschland. Jetzt muss er weiterschauen, wie es für ihn und seine Frau in Griechenland weitergehen kann.

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Jürg Sand (Jürg Sand)
    Dazu empfehle ich den "Welt-Artikel": "Schlepper organisieren jetzt Rückreisen nach Syrien". Da meldet sich unter anderem ein syrischer Kunststudent zu Wort, der masslos über Europa enttäuscht ist und nun wieder heimkehren möchte um sein Kunststudium beenden. Das öffnet, wenn auch wahrscheinlich ungewollt, jedem die Augen, der unter dem Prädikat "Syrer" sich erbarmungswürdige, dem Massaker entkommene Familien vorstellte.
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  • Kommentar von Angela Keller (kira)
    Flüchtlinge sind auch nur Menschen. Dass diese Menschen monatelang in verwahrlosten Champs ausharren müssen ist unmenschlich. Die EU sollte endlich eine Lösung finden, wie sie diesen Menschen weiterhelfen kann um ein menschwürdiges Leben zu führen. Vorallem für Familien ist es hart. Eine Generation geht verloren, ohne Schul- und Ausbildung. Man hat diese Menschen einfach vergessen, dass auch sie ein Zuhause brauchen und Bedürfnisse haben wie alle Menschen ob auf der Flucht oder nicht.
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    1. Antwort von Jürg Sand (Jürg Sand)
      Sicher, das mit den Menschen stimmt schon, nur blendet der Satz, so wie Sie ihn anwenden deren Verantwortung völlig aus und zeichnet ein kindliches Bild von den Umständen wie und mit welchen Vorstellungen diese illegalen Migranten nach Griechenland gerieten, bzw. nicht nach DE kommen. Es blendet auch völlig aus, dass mit dem Wort "illegal" ein Straftatbestand bezeichnet wird und es eine ungeheuerliche Zumutung ist, als Illegaler hier versorgt zu werden und und sich erst noch zu beklagen.
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    2. Antwort von Manuela Fitzi (Mano)
      Jedes Kind, dessen Eltern sich in die Asylstrukturen begeben (sprich: registrieren lassen), ist mit sofortiger Wirkung ins Schulsystem eingebunden. Überall in Europa. Am Strassenrand zu sitzen und gegen so ziemlich alles zu protestieren, was auch Verpflichtungen mit sich bringt, ist da nicht unbedingt die beste Taktik, da haben Sie schon sehr recht.
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    3. Antwort von robert mathis (veritas)
      A.Keller Ihre Aussage"Flüchtlinge sind auch nur Menschen" das bestreitet Niemand,aber es gibt nirgends auf der Welt eine Garantie dass alle Bedürfnisse erfüllt werden müssen, das funktioniert nur mit Geben und Nehmen und wenn Jeder Etwas dazu beiträgt sei es nur sich an die Ordnung und Gesetze zu halten am Ende ist Jeder für sich selbst verantwortlich.
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