Die Koreaner und das «Francisco-Syndrom»

In Südkorea ist ein mehrtägiger Besuch von Papst Franziskus zu Ende gegangen. Es war seine erste Asien-Reise. Ein Vertreter eines katholischen Hilfswerks in Seoul schildert, was davon in den Köpfen und Herzen der Koreaner zurückbleibt.

Papst Franziskus nimmt in einem offenen Wagen ein Bad in der Menge und winkt. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Abschied von Südkorea: Papst Franziskus geniesst das Bad in der Menge sichtlich. Reuters

Der Pontifex befindet sich auf der Heimreise von seinem ersten Besuch in Asien. In Südkorea hat Franziskus in den letzten Tagen unter anderem am asiatischen Jugendtag eine Messe gefeiert und koreanische Märtyrer selig gesprochen.

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Friedensappell in Seoul

Papst Franziskus hat die verfeindeten Nachbarstaaten Nord- und Südkorea bei seinem Abschieds-Gottesdienst in Seoul zur Versöhnung aufgerufen. «Alle Koreaner sind Brüder und Schwestern, Mitglieder derselben Familie, ein Volk», sagte er bei der Messe am Montag. Nur Vergebung könne zu Aussöhnung führen, auch wenn dies «unmöglich» erscheine.

Am Montagmorgen feierte Franziskus noch eine Abschluss-Messe in der Kathedrale der Hauptstadt Seoul. Dabei war auch Johannes Klausa. Er leitet in Südkorea das katholische Hilfswerk «Kirche in Not» und war tief beeindruckt vom Auftritt des Papstes. Er habe die Herzen der Koreaner bewegt, so der Politikwissenschafter: «Menschen standen am Strassenrand, als er ein letztes Mal vorbeifuhr.»

Sehnsucht nach einer Führungsperson

Klausa sagt der katholischen Kirche ein grosses Wachstum in dem Land voraus. Das Potenzial ist da: Heute sind rund zehn Prozent der Einwohner katholisch, die meisten gehören keiner Religion an. Auch diese Nicht-Katholiken hätten gespannt auf den Besuch des Kirchenoberhauptes gewartet, habe er festgestellt.

Sogar ein neues Wort sei in Korea kreiert worden, das «Francisco-Syndrom»: «Es geht um die Sehnsucht nach einer weisen Führungspersönlichkeit, die einem eine Anleitung im Leben gibt.»

Man müsse bedenken, dass die Geschichte der katholischen Kirche in Korea noch sehr jung sei. «Etwa 200 Jahre», erklärt Klausa. Der Papst sei für die Bevölkerung eine Persönlichkeit, vergleichbar mit dem UNO-Generalsekretär Ban Ki-Moon, einem Südkoreaner: «Ein weiser alter Mann, der versucht, die Welt ein Stück weit besser zu machen. Als solchen akzeptieren und lieben sie ihn.»

Papst spricht das Unaussprechliche aus

In seiner letzten Messe auf südkoreanischem Boden habe der Papst die Leere angeprangert, die wegen des Materialismus' und der ungezügelten Marktwirtschaft herrsche. In Südkorea ist, seit das Land vom wirtschaftlichen Aufschwung erfasst wurde, die Suizidrate unter Jugendlichen gestiegen. «Das hat der Papst deutlich angesprochen», erklärt Klausa. Damit habe dieser ein Tabu gebrochen. «Fast alle jungen Menschen in Südkorea haben Bekannte, die sich das Leben genommen haben, weil sie so sehr unter Druck standen und keinen Ausweg sahen.»

Weitere Asien-Reisen sollten bald folgen

Ist Franziskus' Reise nach Südkorea auch generell ein Zeichen für grössere Anstrengungen des Vatikans in Asien? Klausa will nicht von einer geplanten Offensive sprechen: «Papst Benedikt XVI. war viel unterwegs. Keine der Reisen hatte ihn nach Asien geführt. Deshalb wars vielleicht ein bisschen eine Einlösung einer alten Schuld.»

Eindrücke von Papst Franziskus' Südkorea-Reise

5:35 min, aus SRF 4 News aktuell vom 18.08.2014

Der Papst werde sicher nach Asien zurückkehren, davon ist der Vertreter von «Kirche in Not» überzeugt. «Rom muss den aktuellen Bedingungen Rechnung tragen und Asien mit dem Wachstum der katholischen Kirche mehr Raum geben», fordert Klausa.

Für einen China-Besuch sei es noch ein bisschen früh, meint er. Aber: «Ich könnte es mir durchaus vorstellen, ich traue es diesem Menschen zu.» Es sei unglaublich, wie Franziskus auf die Menschen zugehe: «Er kennt keine Protokolle, hat grosse Gesten und ist sich für nichts zu schade.»

Die ersten Schritte sind gemacht, so Klausa. «Der Papst hat gesagt, dass er diplomatische Beziehungen aufnehmen möchte. Jetzt ist der Ball im Feld Chinas und dem anderer Länder, ihn aufzunehmen und vorsichtig zurückzuspielen.»