«Die Lage auf der Krim ist hochexplosiv»

Noch ist kein Schuss gefallen. Doch die Lage auf der Krim bleibt angespannt, berichtet SRF-Korrespondent Christoph Wanner. Ein Ultimatum der russischen Schwarzmeerflotte an die ukrainischen Streitkräfte ist inzwischen dementiert worden.

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Widersprüchliche Nachrichten aus der Ukraine

2:11 min, aus Tagesschau vom 3.3.2014

In der Krim-Krise herrscht Verwirrung über ein angebliches Ultimatum der russischen Schwarzmeerflotte an die ukrainischen Streitkräfte. Zuerst meldete die Nachrichtenagentur Interfax, die ukrainischen Streitkräfte hätten Zeit bis vier Uhr morgens mitteleuropäischer Zeit, ihre Waffen niederzulegen. Ansonsten drohe das russische Militär mit einem Angriff. Die Agentur berief sich dabei auf Kreise des ukrainischen Verteidigungsministeriums.

«Ein Funke kann einen Flächenbrand auslösen»

Nun hat die russische Seite das Ultimatum dementiert. «Das ist völliger Blödsinn», sagte ein Stabsvertreter der russischen Schwarzmeerflotte der Agentur Interfax.

SRF-Korrespondent: «Ein Funke kann einen Flächenbrand auslösen»

2:54 min, vom 3.3.2014

«Es ist momentan wirklich wenig transparent, was hier in der Ukraine passiert», sagt Christoph Wanner, SRF-Korrespondent in Simferopol. Man müsse die Lage immer wieder neu beurteilen.

«Ich möchte aber sagen, dass die Lage auf der Halbinsel weiterhin hochexplosiv ist. Ein Funke kann diesen sprichwörtlich bekannten Flächenbrand auslösen.» Noch sei kein einziger Schuss gefallen, doch die Russen kontrollierten praktisch schon die ganze Halbinsel.

Brückenbau zwischen Russland und Krim?

Derweil hält der russische Vormarsch auf der ukrainischen Halbinsel Krim an. Drei Lastwagen mit russischen Soldaten sind nach Angaben von ukrainischen Grenztruppen am Montagabend per Fähre auf die ukrainische Seite übergesetzt. Zuvor hätten russische Soldaten den Grenzposten am Terminal der Fähre zwischen Russland und der Krim besetzt.

Auch von neuen Projekten ist die Rede: Bei massiver Militärpräsenz soll Moskau den Bau einer strategisch wichtigen Brücke zwischen Südrussland und der überwiegend von Russen bewohnten Schwarzmeer-Halbinsel Krim angeordnet haben.

Ein Vermummter steht vor einem Gitter, dahinter blicken zwei Uniformierte nach draussen. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ein Vermummter – vermutlich von russischer Seite – steht vor dem Hauptsitz der urkainischen Marine. Keystone

Die ukrainische Regierung warf Russland mehrfache Grenzverletzung vor. Kriegsschiffe der Baltischen Flotte und der Nordflotte seien widerrechtlich im Hafen von Sewastopol eingelaufen, sagte ein Sprecher der Führung in Kiew.

Ukrainische Grenzschützer berichteten im Osten der Halbinsel von etwa 100 russischen Soldaten, die den ukrainischen Grenzkontrollpunkt belagern würden.

Regionalverwaltung in der Ost-Ukraine besetzt

Bei pro–russischen Protesten in der ost-ukrainischen Stadt Donezk besetzten Hunderte Demonstranten Teile der Regionalverwaltung. Nach einer Kundgebung gegen die neue Führung in Kiew hätten die Teilnehmer das Gebäude gestürmt, berichteten örtliche Fernsehsender.

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«Problem ist Ost-Ukraine»

Kiew bangt um die von russischen Kräften besetzte Halbinsel Krim. Doch nicht die Krim sei das eigentliche Problem für die Regierung, sondern die Ost-Ukraine, sagt der Politikwissenschaftler Dieter Ruloff. mehr

Die Demonstranten schwenkten russische Flaggen. Medien in Kiew äusserten Zweifel, ob es sich tatsächlich um Einheimische oder nicht doch um Provokateure handelt. Die Polizei griff nicht ein. Donezk gilt als Hochburg des entmachteten Präsidenten Viktor Janukowitsch.

Russland hat operative Kontrolle über die Krim

Die Halbinsel – auch Sitz der russischen Schwarzmeerflotte – steht bereits seit dem Wochenende voll unter Kontrolle moskautreuer Kräfte. Zuvor hatten sich die Spannungen dort seit dem Sturz des ukrainischen Präsidenten Viktor Janukowitsch am 22. Februar dramatisch verschärft.

In der autonomen Republik gibt es Abspaltungsbestrebungen. Die Regierung ist abgesetzt, der moskautreue neue Krim-Regierungschef Sergej Aksjonow hat Kremlchef Wladimir Putin um Beistand gebeten.

Einen offiziellen Marschbefehl aus Moskau gibt es noch nicht. Das russische Militär hat nach US-Erkenntnissen aber inzwischen die «totale operative Kontrolle» auf der Krim. Zu den Streitkräften auf dem Boden zählten 6000 Fallschirmjäger und Marinesoldaten, sagte ein hoher US-Regierungsbeamter. Weitere Verstärkungen würden eingeflogen.

Kiew will Ukraine nicht abgeben

Der neue pro-russische Krim-Regierungschef Aksjonow verteidigte die Machtübernahme. In Kiew auf dem Maidan hätten Politiker zuletzt das ukrainische Volk aufgerufen, die Macht in die eigenen Hände zu nehmen. Was für die Hauptstadt gelte, müsse auch für die autonome Republik Krim gelten, sagte Aksjonow der Zeitung «Rossijskaja Gaseta».

Die Regierung in Kiew unterstrich dagegen ihren Gebietsanspruch. «Niemand wird die Krim an irgendjemanden abgeben», sagte Regierungschef Arseni Jazenjuk.

Sendungsbeiträge zu diesem Artikel

  • Die Machtspiele des Wladimir Putin

    Aus 10vor10 vom 3.3.2014

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    Aus 10vor10 vom 3.3.2014

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    Joe Schelbert

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    Das sagt der deutsche Aussenminister zur Besetzung der Krim durch Russland. Sein britischer Kollege spricht von der grössten Krise Europas im 21. Jahrhundert. Der russische Aussenminister hingegen meint, der Einsatz auf der Krim sei ein Einsatz für die Menschenrechte. Wie dramatisch ist die Lage?

    Fredy Gsteiger

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    Aus Echo der Zeit vom 3.3.2014

    Parallel zur politischen Krise in der Ukraine verschärft sich die Wirtschaftskrise im Land: Die Währungsreserven sind praktisch aufgebraucht, die Staatskasse ist leer, die ukrainische Grivna wird schwächer und schwächer.

    Brigitte Zingg hat in Kiew mit einem Wirtschaftsexperten über die desolate Lage gesprochen.

  • Droht ein Krieg in der Ukraine?

    Aus Tagesschau vom 2.3.2014

    Auf der ukrainischen Halbinsel Krim droht eine Eskalation. Die Ukraine bereitet sich auf einen Krieg vor: Angesichts des drohenden Militäreinsatzes der Russen auf der Krim mobilisiert Kiew seine Soldaten. Das Säbelgerassel spaltet das Volk in zwei Lager. Einschätzungen von Jonas Projer beim Nato-Hauptquartier in Brüssel und Peter Gysling in Sewastopol.