Anschlag von Istanbul «Die Nerven sind seit dem Anschlag angespannt»

Der Journalist Reinhard Baumgarten hat die aktuellsten Erkenntnisse zur Festnahme des mutmasslichen Attentäters von Istanbul.

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Was über die Festnahme bekannt ist

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Reinhard Baumgarten

Porträt von Reinhard Baumgarten

ZVG

Reinhard Baumgarten ist langjähriger Nahost-Korrespondent der ARD in Istanbul. Der Islamwissenschaftler hat zahlreiche Publikationen über die Region veröffentlicht.

SRF News: Was wissen Sie über die Verhaftungsaktion?

Reinhard Baumgarten: Es soll eine koordinierte Aktion der Polizei und dem türkischen Geheimdienst MIT gewesen sein. Das Ganze fand auf der europäischen Seite Istanbuls statt im Stadtteil Esenyurt. Es soll sich bei dem Hauptverdächtigen um einen 34-jährigen Usbeken handeln. Ausserdem wurden drei Frauen und ein Mann verhaftet. Über diese gibt es im Moment aber überhaupt keine Informationen.

In den Sozialen Medien kursieren Bilder des Verhafteten. Zu sehen ist ein Mann, der schwer malträtiert worden ist. Was ist darüber bekannt?

Die Bilder werden auch im türkischen Fernsehen gezeigt. Die Nachrichtenagentur Dohan zeigt ebenfalls diesen verhafteten Menschen mit Blut im Gesicht und auf dem T-Shirt. Es scheint also hart zugegangen zu sein. Das ist aber nicht verwunderlich: Die Nerven sind seit dem Anschlag auf den Nachtclub Reina angespannt. Der Mann war flüchtig und es hatte für die Sicherheitskräfte Priorität diesen Burschen zu finden.

Was weiss man konkret über die Festnahme?

Sie fand in einer Wohnung statt. Der vierjährige Sohn des mutmasslichen Attentäters war auch in der Wohnung und wurde einem Sozialdienst anvertraut. Der Verhaftete wird gemäss den Informationen der türkischen Behörden gegenwärtig im Polizeihauptquartier in Istanbul vernommen.

«  Die Türkei ist auch nach der Festnahme keineswegs ein sicheres Land. »

Aus türkischen Regierungskreisen wurde auch schon angedeutet, dass womöglich ein Geheimdienst hinter dem Anschlag steckt. Was ist von solchen Aussagen zu halten?

Ich lebe jetzt seit über fünf Jahren in der Türkei und stelle fest, dass Verschwörungstheorien und Mutmassungen mittlerweile nahöstliche Züge angenommen haben. In den Medien wurde immer wieder der Finger in Richtung Amerika gestreckt. Ich halte das für einigermassen abwegig. Aber es gibt diese Art von Mutmassungen hier. In der Türkei lässt die Transparenz in vielerlei Hinsicht zu wünschen übrig. Gerüchte und Mutmassungen können so einfacher verbreitet werden.

Wie reagieren die Istanbuler auf die Festnahme?

Natürlich mit einer gewissen Erleichterung. Es ist klar: Der Attentäter galt als hochgefährlich. Wenn dieser nun geschnappt werden konnte, ist es logisch, dass dies nun eine gewisse Erleichterung bringt. Dessen ungeachtet war es innerhalb von vier Wochen der zweite schwere Anschlag in Istanbul. Auch letzte Nacht gab es in Dyarbakir einen Anschlag mit vier toten Polizisten. Die Türkei ist auch nach der Festnahme keineswegs ein sicheres Land und der Terrorismus ist noch lange nicht besiegt.

Das Interview führte Claudia Weber.