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Die Not der Spitäler in Gaza «Wir brauchen kein Geld – wir brauchen nur die Freiheit»

Legende: Audio Gazas Gesundheitswesen steht vor dem Kollaps abspielen. Laufzeit 06:06 Minuten.
06:06 min, aus Echo der Zeit vom 09.02.2019.

An der Grenze zwischen Israel und dem Gazastreifen kommt es seit dem März 2018 jeden Freitag zu Protesten. Die Palästinenser fordern ein Ende der seit mehr als einem Jahrzehnt andauernden Blockade des Gebietes. Immer wieder enden die Proteste gewaltsam – eine Herausforderung für die Spitäler und Ärzte im Gazastreifen. Einer von ihnen ist Jamal Naim. Er beschreibt die alltäglichen Probleme.

SRF: Wie ist die Situation in Ihrem Spital?

Jamal Naim: Ich arbeite in einem privaten Spital, in dem die Situation vielleicht ein bisschen besser ist als in einem Kreis- oder Regierungsspital. Aber auch wir haben genauso viele Probleme wie die Spitäler in Gaza oder in anderen Städten im Gazastreifen. Es gibt insgesamt 13 Spitäler im Gazastreifen.

Welches sind die Probleme der Spitäler?

Bezüglich der Gesundheitslage ist das grösste Problem die Anzahl der Krankenhausbetten. Wir haben rund 2200 Betten für fast 2,5 Millionen Menschen. Auf ein Krankenhausbett kommen also mehr als 1000 Patienten, das ist viel zu wenig für die Situation, in der wir leben. Wir leben in einer Kriegssituation, es gibt Angriffe, bei denen es Hunderte, manchmal Tausende Verletzte in einer Woche gibt.

Das zweitgrösste Problem sind die Medikamente. Es fehlt in Gaza immer wieder an wichtigen Medikamenten, für Kinder fehlen etwa Impfungen oder Medikamente für die Lungenfunktion der Neugeborenen. Aber auch für chronische Erkrankungen wie Krebs oder Diabetes gibt es nicht genügend Arzneien.

Ein weiteres Problem ist die Stromversorgung. Wir haben in Gaza durchschnittlich 6-10 Stunden am Tag Strom, der Rest muss über private oder eigene Generatoren kommen – was sehr schwierig zu finanzieren ist. Laufen die Generatoren nicht mehr, sind viele Kinder, vor allem Neugeborene in Inkubatoren, aber auch Dialyse-Patienten, sehr gefährdet. Operationen müssen gestoppt werden. Gerade vor drei Wochen hatten wir das Problem, dass die Generatoren keinen Strom mehr lieferten. In der Folge mussten drei Spitäler in der Umgebung von Gaza geschlossen werden.

Die medizinische Versorgung im Gazastreifen ist schon seit Jahren prekär. Wurde sie in letzter Zeit schlimmer?

Ja, leider ist es viel schlimmer geworden. Die Probleme werden täglich grösser, immer wieder fehlt es an wichtigen Medikamenten oder Operations-Instrumenten. Die Menschen werden mehr krank, weil die Mehrheit von ihnen unter der Armutsgrenze lebt und sich eine gute medizinische Versorgung nicht leisten kann. Dazu kommen Verletzte aufgrund der Ausschreitungen an der Grenze zu Gaza. Immer wieder werden Menschen durch israelische Scharfschützen verletzt. Gestern haben die Spitäler über 200 Verletzte aufgenommen. Jeden Freitag gibt es bei den Ausschreitungen an der Grenze zwischen 200 und 500 verletzte Palästinenser.

Ist die Situation derart schlimm, weil Israel den Gazastreifen aus Sicherheitsüberlegungen abgeriegelt hat, oder weil die Führung der Hamas in Gaza schlecht regiert?

Der Hauptgrund ist auf jeden Fall die israelische Abriegelung. Das hat die Situation in den letzten zwölf Jahren stark verschlechtert. Aber die Politik – ob in Gaza oder in der Westbank – ist ebenfalls Teil des Problems.

Über ein Jahrzehnt israelische Blockade

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Israel hat vor mehr als zehn Jahren eine Blockade über das Palästinensergebiet am Mittelmeer verhängt, die von Ägypten mitgetragen wird. Beide Länder begründen dies mit Sicherheitsinteressen. Die Blockade gilt zu Land, zu Wasser und in der Luft. Im Gazastreifen leben dadurch rund zwei Millionen Menschen unter schwierigen Bedingungen.

Die regierende Organisation im Gazastreifen ist die radikal-islamische Hamas. Sie ist zerstritten mit der Fatah des Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas.

Eine politische Lösung des Nahost-Konflikts zeichnet sich derzeit nicht ab. Was müsste auf praktischer Ebene geschehen, um die medizinische Versorgungslage zu verbessern?

Die UNO und die freien Staaten der Welt müssten Einfluss nehmen. Es geht nicht darum, neue Spitäler zu bauen oder medizinische Mittel zu liefern. Es geht um die Situation der Menschen. Man muss zu der Abriegelung Stellung beziehen. Es muss den Palästinensern erlaubt werden, ihre medizinische Versorgung normal zu führen. Wir brauchen keine Gelder dafür – wir brauchen nur die Freiheit, Geräte und Medikamente einführen zu dürfen. Es muss aber auch etwas getan werden gegen die Spaltung der Palästinenser-Führung. Beide Seiten müssen sich näher kommen. Das würde das Leid der Menschen lindern.

Das Gespräch führte Beat Soltermann.

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24 Kommentare

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  • Kommentar von Walter Matzler (Wma)
    Ein informatives Buch zur Lage in Palästina ist "Checkpoint Huwara" von Karin Wenger (Verlag Neue Zürcher Zeitung). Man kann beiden Seiten Schuld an der aktuellen Lage zuweisen. Weder die israelischen noch die palästinensischen Führer sind bereit mit einander zu sprechen und echte Lösungen zu finden. Beide Seiten predigen Hass. Leidtragend ist die Bevölkerung.
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  • Kommentar von Stefan Trasser (chiggifan)
    War mal mit einem Iraner in Thailand. Wir trafen eine israelische Familie. Die Mutter war halbseitig verbrannt und verkrüppelt nach einem pal. Terroranschlag. Alle verstanden sich blendend. Das Problem sind die Eliten. Sie profitieren vom Hass. Politisch und finanziell. Arafat starb mit Milliarden auf seinen Konten. Businessmodell? Hass auf Israel und die Opferrolle, die die Gelder fliessen liess. Solange die Eliten vom Status quo profitieren, ändert sich nichts. Die machen haufenweise Geld!
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  • Kommentar von Jeanôt Cohen (Jeanot)
    Wo bleiben die zig Millionen an hilfsgelder?
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