Prozess gegen Nemzow-Mörder «Die Spuren führen zu Gewaltherrscher Kadyrow»

Nach dem Urteil gegen die Mörder des Kremlkritikers Boris Nemzow: Vor Gericht stehen wohl die Täter – aber nicht die Auftraggeber.

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Bildlegende: David Nauer ist SRF-Korrespondent in Moskau. srf

Mehr als zwei Jahre nach dem Mord an dem russischen Oppositionellen Boris Nemzow hat ein Moskauer Gericht die fünf Angeklagten schuldig gesprochen.

SRF News: Wieso hatten die Geschworenen derart Mühe ein Urteil zu fällen?

David Nauer: Sie müssen das Urteil einstimmig fällen, sonst wird eine weitere, komplizierte Prozedur eingeleitet. Überhaupt ist der ganze Prozess ziemlich kompliziert. Fünf Männer aus der Nordkaukasus-Republik Tschetschenien sind angeklagt, Boris Nemzow ermordet zu haben. Einer von ihnen soll der Todesschütze gewesen sein, die anderen vier Männer sollen ihm geholfen haben. Doch die Beweislage ist nicht bei allen fünf Angeklagten gleich gut.

Gibt es Zweifel daran, dass die wahren Täter gefasst wurden und nun vor Gericht stehen?

Zweifel gibt es bei einem der fünf Angeklagten. Der Mann soll Fahrer der Anschlagsgruppe gewesen sein. Ob er das wirklich war, ist jedoch unklar. Sogar die Familie Nemzows hält die Schuld des Mannes für nicht bewiesen. Bei den anderen vier Männern gehen Prozessbeobachter tatsächlich davon aus, dass es die richtigen Männer sind. Dies betrifft vor allem den Todesschützen.

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Bildlegende: Boris Nemzow anlässlich einer Medienkonferenz im November 2011. Imago Archiv

Was soll das Motiv der Mörder gewesen sein?

Laut Anklage sollen sie aus Geldgier gehandelt haben. Sie sollen von einem weiteren Tschetschenen umgerechnet 240'000 Franken für den Mord an Nemzow angeboten bekommen haben. Doch diese Geschichte ist nicht besonders glaubhaft, denn laut Anklage handelt es sich beim Auftraggeber um einen rangniederen Militär aus Tschetschenien, der sich inzwischen ins Ausland abgesetzt haben soll. Es ist sehr schwer vorstellbar, dass dieser einfach so von sich aus auf die Idee kam, einen der bekanntesten russischen Oppositionspolitiker ermorden zu lassen. Viel wahrscheinlicher ist, dass viel mächtigere Leute im Hintergrund die Fäden gezogen haben. Doch die russische Justiz hat in dieser Richtung bisher nicht erfolgreich genug ermittelt.

«  Laut Anklage sollen sie aus Geldgier gehandelt haben. »

David Nauer
Russland-Korrespondent

Wer sollten die mächtigen Auftraggeber im Hintergrund sein?

Die Spuren führen ins engste Umfeld des tschetschenischen Gewaltherrschers Ramsan Kadyrow. Tatsächlich hat der erwähnte rangniedere Militär engste Verbindungen zu mächtigen Leuten in Tschetschenien, die Kadyrow sehr nahe stehen. Doch die russische Justiz scheut sich davor, Kadyrow hart anzufassen und gegen ihn zu ermitteln. Er hat Tausende Männer unter Waffen. Wenn man Kadyrow juristisch angreifen würde, könnte das den ganzen Nordkaukasus politisch destabilisieren Da sagt man sich in Moskau wohl, dass man lieber die Gerechtigkeit opfert, als die relative Stabilität zu riskieren, welche Kadyrow in Tschetschenien garantiert.

«  Die russische Justiz scheut sich davor, Kadyrow hart anzufassen und gegen ihn zu ermitteln. »

David Nauer
Russland-Korrespondent

Das Gespräch führte Ivana Pribakovic.

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Bildlegende: Der Gewaltherrscher Kadyrow: Hat er die Mörder Nemzows beauftragt? Keystone Archiv

Boris Nemzow: Von Jelzins Prinzen zu Putins Gegenspieler

Boris Nemzow wurde am 27. Februar 2015 auf einer Brücke in der Nähe des Kremls in Moskau erschossen. Bei seinem Tod galt er als einer der bekanntesten Kritiker des Kreml und von Präsident Wladimir Putin. Nemzow war unter Präsident Boris Jelzin zwischen 1997 und 1998 Vizeministerpräsident der Russischen Föderation. Er galt als einer der Architekten der marktwirtschaftlichen Wirtschaftsreformen des Landes. Nemzow war als möglicher Nachfolger Jelzins im Gespräch, der sich schliesslich aber für Putin entschied.

Zunächst unterstützte Nemzow Präsident Putin, doch schon bald wurde er zu einem seiner aktivsten Widersacher. Als Fraktionsvorsitzender der Union der rechten Kräfte kritisierte er die Regierung fortan von der Opposition aus. Bei der Präsidentenwahl 2008 wurde er von seiner Partei als Kandidat aufgestellt, zog sich jedoch vor der Wahl zurück. Im gleichen Jahr gründete er mit anderen Oppositionellen die Bewegung Solidarnost. Bei den Protesten gegen die Wiederwahl Putins bei der Präsidentschaftswahl 2012 war er einer der Hauptredner. Kurz vor seiner Ermordung kündigte er neue Enthüllungen über den Krieg in der Ostukraine an.