Die Zähmung des widerspenstigen Rebellen

Jeremy Corbyn gibt als britischer Oppositionsführer seinen Einstand. Doch wer ist der neue Vorsitzende der Labour Party? Der scheinbar gütige, stets höfliche, zur Untertreibung neigende Mann – der, wie er sagt, sein Land so liebt?

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Erste Rede von Labour-Chef Corbyn

3:22 min, aus Tagesschau vom 29.9.2015

Vor gut zwei Wochen wählten das Fussvolk der britischen Labour-Partei und zugewandte Orte einen Vorsitzenden, der nicht nur das Gegenteil seiner Vorgänger ist, sondern auch im offenen Widerspruch zur überwältigenden Mehrheit seiner Parlamentsfraktion politisiert.

Heute Dienstag hielt der neue Labour-Chef Jeremy Corbyn seine Antrittsrede am Parteitag in Brighton. SRF-Korrespondent Martin Alioth hat zugehört.

Ideale haben wieder Platz im Parteiprogramm

Die Labour-Partei reibt sich noch immer die Augen. Die einen wollen nicht glauben, dass ihre Partei die kuschelige Mitte verlassen hat. Die anderen können nicht glauben, dass Ideale wieder Platz im Parteiprogramm haben sollen.

Die konservative «Times» orakelt heute, Labour sei in einem brennenden Haus gefangen. Andere Medien spotten immer noch über den Bart, die fehlende Krawatte, das Schweigen beim Abspielen der monarchischen Nationalhymne.

Linke wie Corbyn, so klingt es aus dem Blätterwald, sind doch vaterlandslose Gesellen – ein Vorwurf übrigens, der seinen hundertsten Geburtstag längst gefeiert hat. So sah sich Corbyn heute veranlasst, seinen Union Jack auf dem Revers zu tragen.

«  Respekt vor dem Standpunkt des anderen, dieser Sinn von Fair Play, diese geteilten Werte in Grossbritannien sind der Grund, warum ich dieses Land liebe.  »

Jeremy Corbyn
Vorsitzender der Labour Party

Der 66-Jährige wollte damit bekräftigen, dass er sein Land liebe, wegen der Fairness und der geteilten Werte.

Politik fehlte bis anhin der Stil

Seine Kehrtwende umfasst aber nicht bloss Inhalte. Der gütige, makellos höfliche, zur Untertreibung neigende Herr will auch einen neuen Stil: Politik müsse netter werden, basisnäher und das nicht nur in Westminster.

Vor allem aber müsse sie ehrlicher werden. Weniger Gladiatorenkampf und synthetische Emotion, mehr Konsultation und Konsensuspalaver also.

Das alles hat bereits deutliche Spuren hinterlassen: Corbyn war bisher stets Rebell – meist gegen seine eigene Partei. Nie trug er Verantwortung. Die Kollision mit der politischen Realität, oder, genauer gesagt, mit den zentristischen Grundüberzeugungen seiner Labour-Fraktion hat erste Kanten gebrochen.

Jeremy Corbyn Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Er will, dass Politik netter, vor allem aber ehrlicher wird: der neue Labour-Vorsitzende Jeremy Corbyn. Reuters

Täglich neue Facetten erkennbar

Grossbritannien bleibt in der Nato und der EU, die Bank of England behält ihre Unabhängigkeit, das Defizit soll weiter abgebaut werden – bloss anders.

Corbyns Freund und finanzpolitischer Sprecher, John McDonnell, skizzierte es gestern: Die Eckpfeiler der wirtschaftlichen Diskussion sollten neu gesetzt werden.

Wo genau diese Pfosten enden werden, wissen derzeit die Götter. Alles ist im Fluss, das Kaleidoskop zeigt täglich ein neues Bild. Kritiker argwöhnen, dieser Dampfer laufe auf Grund. Corbyns Labour-Partei werde nie eine Mehrheit für sich begeistern können. Andere schauen interessiert zu, bis die Fahrtrichtung erkennbar wird.