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Diskriminierung in Japan Elite-Uni macht Frauen schlecht – für die Quote

Legende: Audio Japanische Uni manipulierte Testresultate von Frauen abspielen. Laufzeit 05:27 Minuten.
05:27 min, aus SRF 4 News aktuell vom 08.08.2018.

Der Skandal: An der Tokyo Medical University, einer Elite-Universität für angehende Ärztinnen und Ärzte, sind Frauen jahrelang systematisch diskriminiert worden. Um den Frauenanteil auf einer heimlich vereinbarten Quote von 30 Prozent zu halten, wurden den Kandidatinnen bei der Aufnahmeprüfung pauschal Punkte abgezogen. Bei den männlichen Kandidaten wurde die Punktezahl pauschal erhöht.

Die Ausrede: Die Praxis flog eher zufällig bei einer internen Untersuchung wegen Bestechungsvorwürfen auf. Die Hochschule begründete das Vorgehen mit der grossen Nachfrage der Spitäler nach Vollzeit arbeitendem Personal, wie SRF-Mitarbeiter Martin Fritz in Tokio berichtet. Ärztinnen dagegen seien wegen Familien und Schwangerschaften nicht uneingeschränkt im Schichtdienst verfügbar. Die Frauenquote sei eingeführt worden, nachdem sich immer mehr Frauen um ein Medizinstudium beworben hätten. Die Universitätsleitung hat sich inzwischen entschuldigt.

Japan
Legende: Die Universitätsleitung entschuldigt sich vor den Medien für die jahrelange Diskriminierung von Frauen. Keystone

Das missbrauchte Vertrauen: Die Tokyo Medical University als private Hochschule hätte vermutlich eine Frauenquote einführen können. Da sie das aber heimlich tat, gaukelte sie der Öffentlichkeit vor, dass alle die gleichen Chancen auf einen Studienplatz hätten. Laut Fritz ist in Japan der Glaube an faire und unparteiische Zulassungsprüfungen an Universitäten sehr gross. Die Manipulationen hätten die Japaner ebenso stark geschockt wie die die Tatsache, dass die Frauen die Benachteiligten waren.

Die Realität: Das Phänomen sei in Japan vermutlich weit verbreitet, wenn auch nicht unbedingt durch die Manipulation von Testergebnissen, schätzt Fritz. So stamme zwar die Hälfte der Universitätsabschlüsse von Frauen, doch in der Arbeitswelt sei der Anteil viel niedriger: Frauen sind auf hochbezahlten Posten und in Führungspositionen kaum vertreten. Das liegt an der sehr frühen Auswahl durch Institutionen und Unternehmen, die Frauen weniger fördern und ihnen weniger zutrauen als Männern.

Die Manipulationen haben die die Japaner mindestens ebenso geschockt wie die Tatsache, dass die Frauen betrogen wurden.
Autor: Martin Fritz

Die Erwartung: Auch wenn noch in vielen Gesellschaften Frauen diskriminiert werden, so sei das konservative Denken in Japan doch deutlich stärker ausgeprägt als etwa in der Schweiz, erklärt Fritz. Die Manager und Politiker, die das Sagen haben, erwarten von einer Frau, dass sie heiratet, Kinder bekommt und ihrem Vollzeit arbeitenden Mann den Rücken freihält. Deshalb werden Frauen vor allem für Teilzeit- und Zeitarbeitsjobs eingestellt und erhalten Posten mit wenig Verantwortung. Wenn sie schwanger werden, erwarten die Kollegen und das Unternehmen, dass sie kündigen und sich um das Kind kümmern.

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Legende: Die Tokyo Medical University begründet die systematische Diskriminierung mit der Nachfrage nach Vollzeit-Stellen. Keystone

Der Teufelskreis: Eine derartige Politik kann sich das Land mit einer zunehmend älteren Gesellschaft nicht leisten. Doch die grosse Mehrheit der japanischen Männer erwartet von ihren Frauen weiterhin, dass sie sich ganz allein um das Kind kümmern. Sie machen auch so gut wie nichts im Haushalt. Sie argumentieren mit den extrem langen Arbeitszeiten. Umgekehrt zwingen diese langen Arbeitszeiten die jungen Mütter zur Aufgabe ihrer Arbeit – ein Teufelskreis, der letztlich zum Nachteil der japanischen Wirtschaft ist.

Die langsame Wandel: Die konservative Regierung von Shinzo Abe hat laut Fritz die bedenkliche Entwicklung erkannt. Er fördert die Berufstätigkeit von jungen Müttern und baut viele Kindergärten und Kindertagesstätten. Frauen dürfen per Gesetz bei Mutterschaft nach einem Jahr an ihre frühere Stelle zurückkehren. Die Frauenarbeitsquote ist unter Abe auf eine japanische Rekordhöhe gestiegen. Doch der Mentalitätswandel hält mit den ökonomischen Bedürfnissen durch den grossen Arbeitskräftemangel nicht Schritt, wie Fritz erklärt.

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15 Kommentare

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  • Kommentar von Beppie Hermann (Eine rechte Grüne)
    Daniel Fuchs "Falsch. Frauen sind so ziemlich auf dem ganzen Planeten mehr wert als Männer, sonst würde man sie auch anstelle der Männer in den Krieg schicken" Wie viele Frauen kennen Sie, die Krieg anzettelten? Eben! Wenn Männer kriegen müssen, wer bitte versorgt zu Hause die Kinder, die Alten, den Hof, das Geschäft, schon vergessen, wie das so war?
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    1. Antwort von Daniel Fuchs (Daniel Fuchs)
      @Beppie: Aber das ist doch kein Argument. Abgesehen davon, dass es Studien der Geschichte gibt die zum Schluss kommen, dass Herrscherinnen mehr Kriege angezettelt hätten als Herrscher, spielt es doch gar keine Rolle wer’s angezettelt hat, wenn annähernd 100% derer die man dahinschickt daran unschuldige Männer sind. Und ich habe ja auch nie behauptet, dass dies für deren Frauen ein riesen spass gewesen wäre, doch zum abgeschlachtet werden schickt man halt nicht die die «mehr wert» sind.
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  • Kommentar von Daniel Fuchs (Daniel Fuchs)
    @SRF: «Die Ausrede:» Sorry SRF aber das ist keine Ausrede sondern eine Erklärung. Man kann diese für gerechtfertigt empfinden, oder auch nicht. Ich persönlich halte sie für nicht gerechtfertigt da ich Quoten JEGLICHER ART für falsch halte, weil sie per Definition immer jemanden diskriminieren. Wer dies erst tut, wenn die «falsche» Gruppe diskriminiert oder bevorzugt wird ist nicht konsequent und sogar unehrlich.
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  • Kommentar von Reinhard Trabi (PALE BLUE DOT)
    Was passiert ist, ist passiert und zum Glück aufgedeckt. Jetzt heisst es, nicht urteilen, sondern alle zusammen müssen es besser machen. Und mit alle zusammen meine ich die ganze Welt.
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